Kommentar: Fridays for Hubraum – Der Hilferuf vom Land

Diese Facebook-Gruppe, über die gerade alle sprechen, erschien mir komisch: „Fridays for Hubraum“? Sehe ich nicht richtig? Die stärkste Bewegung unserer Zeit „Fridays for Future“ soll sich jetzt gegen PS-Liebhaber, die ihre Karre in der Garage via YouTube Tutorial aufmotzen, durchsetzen müssen? Für mich stand der Gewinner zwar gleich fest, trotzdem habe ich mich gefragt, was der ganze Irrsinn soll und stellte fest: Die liegen gar nicht mal so falsch.

Nordkirchen. Ein kleiner Ort, 30 Kilometer von Münster entfernt. Hier kommt Christopher Grau her. Er ist derjenige, der die Gruppe „Fridays for Hubraum“ im Oktober auf Facebook gegründet hat. Das Logo stand schnell fest: zwei Kolben vor grünem Hintergrund, ganz im Stil von „Fridays for Future“. Innerhalb von drei Stunden traten 100 000 Menschen bei. Darunter nicht nur Auto-Fans, sagt Chris im Interview mit der Süddeutschen Zeitung, sondern auch AfD-Anhänger, Klimaleugner und deutsche Gelbwesten.

Auch andere Medien reagierten auf die Facebook-Gruppe und klärten auf. Hier in Nordkirchen, der Heimat des 35-jährigen KFZ-Mechatronikers, hat er keine andere Möglichkeit, als mit dem Auto zu seinem Ziel zu kommen. Natürlich sind schnelle und schön anzusehende Autos für Chris – der in seinem Beruf auch Autos tuend – eine coole Nebensache, ihm geht es aber um etwas anderes. Landmenschen wie er fühlen sich vernachlässigt, von Politik und Menschen aus der Stadt. Verständlich, wenn man weiß, was ihnen alles fehlt.

ÖPNV macht so keinen Spaß

Zu oft hört man Stadtmenschen, die sich beschweren: Die auf dem Land tun nichts. Während in der Stadt fleißig Bus und Bahn gefahren wird, wird auf dem Land jede Strecke mit dem Auto gefahren. Woran kann das liegen, fragt man sich. 15,96 Millionen Menschen vom Land wurden vom ADAC befragt. Die Antwort ist einfach: Schlechte Verbindungen – da haben wir den Übeltäter. Aber er kommt nicht allein: unzumutbarer Zeitaufwand, zu seltene Abfahrtzeiten, zu teure Tickets und zu weit entfernte Haltestellen.

Und es stimmt. Mengen in Baden-Württemberg, wo eine Freundin herkommt, ist so ein Beispiel. Als ich dort war erzählte sie mir, wie sie jeden Tag zur Bushaltestelle gefahren wurde, um den Bus zur Schule zu nehmen. Oder wie sie nach Partys weite Strecken laufen muss, weil kein Bus mehr fährt. Für mich klang das fremd. Obwohl selbst ich mit Bus und Bahn nicht ganz zufrieden, war wusste ich, dass andere noch viel ärmer dran waren als ich.

Politik, was machst du da?

Die Politik nimmt kaum Rücksicht auf ländliche Regionen. Guckt man sich das Klimapaket 2030 an, wird das deutlich. Bis 2021 sollen eine Milliarden Euro in die „Erhöhung der Attraktivität von ÖPNV“ gesteckt werden. Gut, aber was soll das heißen? Was stellt die Regierung sich unter „attraktiv“ vor? In welche Regionen fließt das Geld? Darauf gibt es keine Antwort. Dazu sollen Radwege ausgebaut und der Schienenpersonenverkehr erneuert werden. Alles bekannte Vorhaben, die schon längst überfällig sind.

Stattdessen muss bei den Problemen angesetzt werden. Und sie liegen doch auf der Hand: Verbindung, Zeitaufwand, Preise, Haltestellen – wieso sieht die Regierung das nicht? Wir lassen mehr Busse und Bahnen fahren, dazu auch öfter und senken zugleich die Preise – vor allem auf dem Land. Bestimmt nicht günstig, aber wer was verändern will, muss das in Kauf nehmen. In Estlands Hauptstadt Tallinn zum Beispiel, klappt das auch. Da fahren alle Bürger der Stadt kostenlos. Dann stelle ich mir eine Bahnfahrt auch nicht mehr als eine Kuschel-Tour mit Fremden durch die Stadt, sondern viel entspannter vor. Damit wird die Bahn auch für diejenigen, die momentan wohl möglich einen halbstündigen Stau in Kauf nehmen, nur um nicht mit der Bahn fahren zu müssen, eine Alternative. Das ist Aufgabe der Politik.

Sexy Innovationen statt Verbote

Verbote sind hier kontraproduktiv, Innovationen der Schlüssel. Gerade E-Mobilität wird nicht gerade attraktiv verkauft. Gut aussehen und schnell fahren tun die umweltfreundlicheren Alternativen bisher beim besten Willen nicht. Vielleicht auch der Grund, weshalb diese Autos nicht im Motorsport benutzt werden – sie sind nicht sexy genug. Aber genau hier könnten Menschen wie Christopher auf ihre Kosten kommen, wenn diese Autos richtig verkauft werden. Dafür braucht es dann aber auch mehr Ladestationen – 17 500 soll es momentan laut ADAC davon geben. Und jede akzeptiert eine andere Zahlweise oder rechnet den Verbrauch anders ab. Sieht so gutes Marketing aus? Ein schönes Auto, mit gutem Sound, viel PS, dazu noch umweltfreundlich und günstig – das wäre doch sexy!

Damit steht eins für mich fest: Christopher Graus Facebook Gruppe, ist keine Anti-Greta-Bewegung, sondern ein Hilferuf vom Land. Deswegen liebe Politik, lass diese Regionen nicht hängen. Was als Spaß angefangen hat, sollte ernst genommen werde.

Beitragsbild: Nico Roicke/unsplash.com

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