Studienplatz-Offensive verspricht Lösungen – und wirft Fragen auf

„Wir lassen nichts unversucht“, sagte Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP) angriffslustig. Problem: Das Zitat ist bereits über ein Jahr alt. Der Lehrermangel ist nach wie vor ein großes Problem. Denn an der prekären Situation an den Schulen hat sich nichts geändert.

Jetzt hat die nordrhein-westfälische Landesregierung – erneut – reagiert und die sogenannte Studienplatz-Offensive vorgestellt. CDU und FDP wollen 1000 neue Studienplätze für das Lehramt schaffen. Das betrifft die vier Bereiche Grundschullehramt, Sonderpädagogik, Pflegepädagogik und Sozialpädagogik. Bereits im jetzt laufenden Wintersemester sollen Studienplätze in der Pflegepädagogik hinzukommen. Im Wintersemester 2020/2021 gibt es auch neue Plätze für die anderen drei Lehramtsstudiengänge. Die Landesregierung will, dass in den nächsten fünf Jahren 5000 potenzielle Lehrkräfte ein Studium beginnen können. Bis 2025 wollen Land und Hochschulen dafür 115 Millionen Euro ausgeben.

Das Problem ist gravierend: Nach Angaben des Schulministeriums haben in NRW zum Ende des vergangenen Schuljahres 3200 Vollzeitkräfte gefehlt. Laut der Lehrerbedarfsprognose aus dem vergangenen Jahr rechnet das Ministerium damit, dass allein bei den Grundschulen in den kommenden zehn Jahren pro Schuljahr 1400 Lehrer zur Verfügung stehen. Benötigt würden demnach aber 1600 pro Jahr. An den Haupt-, Real- und Gesamtschulen sieht es nicht besser aus. Jährlich werden 1100 Lehrer verfügbar sein, benötigt würden jedoch 1700. Einzig bei den Gymnasien ergibt sich wegen der Umstellung auf G9, das Abitur nach 13 statt wie bisher nach 12 Jahren, eine andere Lage. Hier steigt der Bedarf erst in einigen Jahren sprunghaft an, wenn die neuen G9-Jahrgänge in die Oberstufe kommen.

Umsetzung an der TU Dortmund noch unklar

Vor allem Schüler tragen die Konsequenzen, denn wessen Unterricht oft ausfällt, der hat später auch Probleme, an der Uni mitzukommen – und selbst die zweieinhalb Millionen Schülerinnen und Schüler haben die Nase voll von ständigem Unterrichtsausfall. Hinzu kommen Berge an Arbeit, die oft zu Hause nachgeholt werden müssen. Denn Klassenarbeiten und Zentralabitur nehmen selten Rücksicht auf fehlende Lehrer.

Doch was bedeutet die sogenannte Studienplatz-Offensive konkret für die Unis und damit auch für die TU Dortmund? Das weiß offenbar selbst das Ministerium nicht, erzählt ein Informant, der mit dem Thema vertraut ist und anonym bleiben möchte. „Es gibt nur eine grobe Übereinkunft, aber klar ist noch gar nichts. Die sind da viel zu früh aus dem Busch gekommen“, sagte er gegenüber KURT. „Der Wille und das Geld sind wohl da – aber viel mehr auch nicht.“

Lehramtsausbildung an der TU
Die TU Dortmund ist einer der größten Hochschulstandorte für die Ausbildung von Lehrern in NRW. In diesem Wintersemester studieren hier 1209 Erstsemester in den verschiedenen Lehramtsstudiengängen. Das sind 270 mehr als vor drei Jahren. Die Erhöhungen der Kapazitäten seien bisher „nur durch besondere Anstrengungen“ an den Fakultäten möglich gemacht worden. Nach Angaben der Uni waren und sind die Lehramtsstudiengänge stets voll ausgelastet. Die TU rechnet mit „mehr gut ausgebildeten Lehrerinnen und Lehrern“ in den kommenden Jahren. Aber, so heißt es auf KURT-Anfrage weiter: Es seien „noch keine Vereinbarungen zwischen der TU Dortmund und dem Land getroffen worden“. Wie viele Studienplätze werden hier neu hinzukommen? Müssen neue Mitarbeiter und Professoren eingestellt werden? Reichen die Raumkapazitäten überhaupt aus? Alles Fragen, die unklar sind. Es seien „derzeit keine Aussagen über mögliche Auswirkungen […] möglich“.

Verbesserungen frühestens nach fünf Jahren erwartbar

Der Informant kritisiert, dass die Landesregierung die sogenannte Studienplatz-Offensive zu voreilig veröffentlicht habe. Ein möglicher Grund: In den vergangenen Wochen ist der Druck auf Schulministerin Gebauer aus der Opposition gestiegen. Am Montag dieser Woche hatte die SPD-Fraktion eine Aktuelle Stunde zur Grundschulpolitik beantragt, spricht von einer „Bildungsmisere an den Grundschulen in NRW“. Einen Tag später lag die sogenannte Studienplatz-Offensive auf dem Tisch. Zu Ende gedacht ist sie zwei Tage nach der Veröffentlichung noch nicht.

Dennoch spricht Schulministerin Yvonne Gebauer jetzt schon von einem „großen, entscheidenden Schritt“. Doch die Verbesserungen werden den akuten Lehrermangel nicht beheben können. Das Lehramtsstudium dauert mindestens fünf Jahre. Danach erst geht es ins Referendariat. Derzeit arbeitet das Schulministerium nach eigenen Angaben bereits an einem weiteren Maßnahmenpaket. Wie sagte Ministerin Gebauer noch gleich? „Wir lassen nichts unversucht.“

Beitragsbild: Leon Pollok

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