Duell: Digitale Alltagshilfen – Verblödungshilfe oder Entlastung?

Kontaktloses Bezahlen, Navigationssysteme und andere Dinge sollen in einer digitalisierten Welt das Leben einfacher machen. Aber verhelfen neue Technologien wirklich zum Fortschritt, oder sind sie doch eher unnötig?  

Adela: „Digitale Alltagshilfen erleichtern unseren Alltag.“

Sie haben ihr Ziel erreicht

Warum ewig durch die Stadt rennen und das Ziel nicht finden, oder noch schlimmer: Einfach mal falsch herum in die Einbahnstraße fahren? Seitdem meine Mama mich mal zu einem Kindergeburtstag fahren wollte und ewig die Adresse nicht gefunden hat, bis sie mich dann frustriert wieder nach Hause fuhr und mein Papa die Aufgabe übernehmen musste, bin ich ein großer Verfechter von Navis. Und ja, ich bin auf dem Kindergeburtstag angekommen, aber mit zwei Stunden Verspätung und alle hatten schon ihre Schnucketüten. Effizienz ist das ausschlaggebende Stichwort. Warum kompliziert, wenn es einfach geht?

Mal schnell das Schild zur Geschwindigkeitsbegrenzung auf der Autobahn nicht gesehen und schon um 30 Euro ärmer. Mit dem Navi kann man fast immer verlässlich schauen, ob eine Beschränkung besteht oder nicht. So einfach. Es erleichtert den Alltag und ist auch noch idiotensicher. Was will man mehr? Keine unwissenden Menschen auf der Straße nach dem Weg fragen, die dann erst mal selber auf ihrem Handy schauen müssen. Autonomie, die reine Freiheit. Die kürzesten Strecken, ohne unnötige Umwege.

Und nicht zu vergessen: Die Freude, wenn ich auf dem Fahrrad dann doch mal wieder schneller gewesen bin, als die von Google Maps berechnete Fahrzeit. Obwohl es auch ein riesiger Vorteil ist, einer Verabredung ziemlich sicher und genau sagen zu können, wann man ankommt. Hinzu kommt, dass man auf den Strecken auch noch die Rundumbetreuung hat, falls man sie braucht. Kein Sprit mehr? Das Navi zeigt die nächste Tankstelle.

Einfach schnell nach dem nächsten Restaurant, Supermarkt oder Apotheke gesucht und auch noch direkt hin navigiert. Navigation ist meiner Meinung nach wie die Erfindung der Glühbirne: Einfach genial. Und wenn ihr euch mal verlaufen wollt, um andere Ecken kennenzulernen, dann lasst das Handy in der Tasche und lauft los.

Warteschlangen müssen nicht sein

Samstagabend: Alle wollen noch schnell einkaufen, um Sonntag auch ja den Kühlschrank zum Bersten voll zu haben. 10 Minuten durch den Supermarkt laufen und die Einkaufliste abarbeiten, dann aber über eine halbe Stunde an der Kasse die Beine in den Bauch stehen. Zeitverschwendung nenne ich das. Man könnte schon längst mit Freunden gemütlich an der Bude stehen und das Samstagabendbier schlürfen.

Kontaktloses Bezahlen spart Zeit, die sinnvoller genutzt werden kann als in einer Schlange zu stehen. Anstatt an der Kasse Kleingeld zu zählen, um bloß möglichst passend zu bezahlen, läuft alles über Giro-Karte oder Smartphone. Die Daten werden innerhalb eines Augenblicks per Funk übertragen, wenn die Karte an das Lesegerät gehalten wird. Es ist wie mit dem Impfschutz – flächendeckend ist es gut für alle. So sparen wir der Allgemeinheit Zeit und auch Nerven. Niemand kann mir erzählen, dass er gerne ansteht.

Und an alle die denken, kontaktloses Bezahlen sei unsicher, liegen falsch: Es ist nicht unsicherer als andere Zahlungsmethoden. Außerdem ist das Zahlen nicht immer ohne Pin möglich. Um Missbrauch zu verhindern, wird zwar auch mal durch einen zufälligen Algorithmus danach gefragt. Aber da die Schranke für kontaktloses Bezahlen sowieso je nach Bank bei 25 bis 50 Euro liegt, ist Diebstahlrisiko meiner Ansicht nach kein Argument dagegen. Wenn ihr jetzt in euer Portemonnaie schaut: Wie viel Geld ist da drin? Höchstwahrscheinlich liegt der Betrag innerhalb dessen, was ohne Pin durch kontaktloses Bezahlen möglich ist. Warum also den Diebstahl der Girokarte mehr fürchten, als den des Bargelds?

Laut dem Handelsverband Deutschland (HDE) gab es am Jahresende von 2017 etwa 34 Millionen Girokarten mit der Funktion für Kontaktloses bezahlen. Bis Ende diesen Jahres werden es laut dem Verband vorrausichtlich 75 Millionen Karten sein. Das signalisiert, dass es bei den Verbrauchern einen steigenden Zuspruch gibt. Auch der Einzelhandel erhofft sich von der neuen Technik auf lange Sicht weniger Kosten, win-win also. Und ihr könnt in Zukunft schneller zum entspannten Teil des Abends übergehen.

Robin: „Menschen schalten digitale Alltagshilfen an und ihr Gehirn aus.“

Bitte fahren Sie in 500 Metern in den See

Autonavis und Google Maps sind eigentlich ja ganz entspannend, wenn man auf kürzestem Weg irgendwo hin möchte. Sie zeigen an, wo Stau ist und wie man ihn direkt umfahren kann. Easy, man ist direkt viel schneller daheim als die ganzen Idioten, die im Stau stehen. Schade nur, dass die Alternativrouten für die Massen der Fahrer, die den Stau umgehen wollen, nicht ausgebaut sind. Zusätzlich noch Ampeln und Verkehrsschilder, die einen ständig abbremsen.

Handelt es sich nicht gerade um eine Vollsperrung, ist man tatsächlich schneller wenn man sich dem Stau ergibt. Das erklärte Verkehrsforscher Michael Schreckenberg gegenüber dem GEO Magazin. Ein weiterer Effekt von Navis: Es häufen sich die Berichte, in denen Autofahrer ihren Navis blindlings vertrauen. Also wirklich vollkommen blind. Das Resultat sind Autos auf Fußgängerwegen, in Baustellengruben, im Gegenverkehr und in Seen. Es ist gleichermaßen schockierend wie amüsierend.

Natürlich, dafür braucht man ein ganz besonderes Maßan Dummheit. Dennoch: „Use or lose our navigation skills“ heißt ein wissenschaftlicher Artikel von Roger McKinlay, dem ehemaligen Präsident des Royal Institute of Navigation. Wir müssen unseren Orientierungssinn einsetzen und fordern, um ihn nicht zu verlieren.

Und Unfälle, die tödlich enden, sind zum Beispiel im Death-Valley-Nationalpark in Kalifornien so häufig, dass die Ranger dort einen eigenen Begriff dafür haben: „Death per GPS“. Die kürzeste Strecke, die das Navi vorschlägt ist eben nicht immer auch direkt die sicherste. Also macht halt die Augen auf, statt euch komplett auf euer Navi zu verlassen. Wer sich mit ausgeschaltetem Gehirn blindlings auf sein Navi verlässt, den erwischt sonst später die natürliche Auslese.

Siri, wie kann ich schneller Geld verschwenden?

Und wie toll ist es nur, dass man bei Lidl seit einiger Zeit nun auch mit seinem Handy bezahlen kann.  Das soll so viel bequemer und schneller sein. Dabei ist Barzahlung im Vergleich zur Kartenzahlung sogar schneller und der direkte Vergleich zu kontaktlosem Bezahlen wurde bei uns noch gar nicht getestet. Nur weil etwas fortschrittlicher ist, muss es nicht besser sein, Handyschmuck zählt immerhin auch zu unserer fortschrittlichen Gesellschaft. Der Wocheneinkauf ist schließlich auch nichts, wo es um Leben oder Tod geht –es zählt nicht jede Sekunde, die dabei vielleicht eingespart werden könnte.

Für die Händler bringt Near Field Communication (NFC) hingegen Vorteile – und zwar vor allem mehr Geld in die Kasse. Das liegt mitunter daran, dass wir den Überblick darüber verlieren, wie viel Geld wir bereits ausgegeben haben und wie viel wir noch besitzen. Zum andern ist unser „pain of payment“herabgesetzt. Bezahlen wir etwas mit Münzen, reagiert der Bereich unseres Gehirns, der für Schmerzen zuständig ist. Bei bargeldlosem Bezahlen reagiert unser Gehirn nicht. Es stört uns also weniger Geld auszugeben –was wir dadurch auch freizügiger tun, als wenn wir Scheinchen rüber rücken müssen. Bei bargeldlosem Bezahlen geben wir also mehr Geld aus.

Neben dem recht sinnlosen Geschwindigkeitsvorteil beim Bezahlen und dem Verbrauchernachteil, mehr Geld auszugeben, stellt sich zusätzlich noch die Frage der Relevanz. Laut der aktuellen Zahlungsstatistik des Handelsforschungsinstitut EHI zahlen die Deutschen in drei von vier Fällen immer noch mit Bargeld. Die Technik mag zwar sicher sein, der Bezahlvorgang geht vielleicht einige Sekunden schneller, es mag fortschrittlich sein. Aber wir brauchen weder die eventuelleBeschleunigung, noch weitere Manipulationen unser Geld auszugeben.

Beitragsbild: Luca Bravo, Unsplash

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