Auf Jagd nach dem richtigen Experten: So gehen Journalisten vor

Anfang 2019 war der Lungenarzt Dieter Köhler über mehrere Wochen als Experte zum Thema Stickoxide auf allen Kanälen zu sehen. In Talkshows und Zeitungen behauptete er, dass die Grenzwerte für Feinstaub und Stickoxide falsch berechnet und zu hoch wären. Die Bildzeitung titelte gar: „Alles Lüge mit dem Diesel-Feinstaub“. Selbst der Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer forderte eine Überprüfung der Grenzwerte. Dabei ist Köhler gar kein Experte zum Thema Luftschadstoffe.  

Als Pneumologe behandelt Köhler zwar Lungenkrankheiten, auf die Zusammenhänge zwischen Umweltschadstoffen und Krankheiten konzentriert sich jedoch eine andere Spezialdisziplin: die Epidemiologie. Hinzu kommt, dass Köhler sich verrechnet hatte, wie die taz recherchierte. Da war die Botschaft vom vermeintlich harmlosen Diesel-Abgas aber schon in der Welt. Das führte uns zu der Frage, wie Journalisten eigentlich vorgehen, wenn sie einen Experten zu einem bestimmten Themengebiet suchen.

Das Experiment

Deshalb starten wir ein Experiment: Wir statten drei Journalisten mit Laptops aus.
Die Aufgabe: Sie sollen innerhalb von 30 Minuten Fachleute finden.
Das Thema: Recycling von Lithium-Ionen-Akkus bei Elektroautos. Bisher ist das Recycling noch eines der ungelösten Probleme der E-Auto-Technik.
Die Teilnehmer: Jonathan Focke und Maximilian Doeckel vom WDR-Wissensmagazin Quarks und Christina Merkel, Wissenschaftsredakteurin der Nürnberger Zeitung.

Google als erste Anlaufstelle

Auf dem Laptop des Team Quarks war die alternative Suchmaschine „Startpage“ voreingestellt. Noch bevor die Recherche richtig losgeht, wechseln die beiden auf die Google-Suchmaschine. Wenn man gute Treffer wolle, sei Google das Non-Plus-Ultra, so Jonathan Focke.

Zwar nutzt er ab und an auch mal andere Suchmaschinen, „aber ehrlicherweise auch nur dann, wenn ich weiß, dass ich keine guten Treffer brauche“ – zum Beispiel um nur kurz einen Begriff nachzuschlagen. Auch Christina Merkel hält Google im journalistischen Alltag für unerlässlich.

Suche in den Archiven

Zunächst suchen die Journalisten in ihren eigenen Archiven, was bereits zu dem Thema publiziert wurde: Sowohl die Nürnberger Nachrichten als auch Quarks haben schon Beiträge zu Elektroautos veröffentlicht, in denen es auch um das Recycling der Akkus ging. Die Experten, die dafür befragt wurden, könnten auch diesmal eine gute Quelle sein. Ab hier trennen sich aber die Wege von Christina Merkel und dem Team Quarks.

Lokal oder nicht lokal?

Während Jonathan Focke und Maximilian Doeckel deutschlandweit nach einem geeigneten Experten suchen, greift Merkel auf ihre Kontakte im Raum Nürnberg zurück: Besonders mit der Universität Erlangen-Nürnberg stehe sie oft in Kontakt, „weil wir eben als Lokalzeitung schauen, was die nächste größere Forschungseinrichtung vor Ort ist“. Zuerst schaue sie deswegen immer im Raum Nürnberg und Umgebung. „Ich gehe davon aus, dass meine Leser eher einen regionalen Ansprechpartner wollen“, so Merkel.

Quarks hingegen hat eine deutschlandweite Zielgruppe und muss sich nicht festlegen, woher die Gesprächspartner kommen. Das Team von Quarks hat sich im Laufe der Jahre bereits ein Netz an Experten aufgebaut: Einer davon ist Martin Doppelbauer vom Karlsruher Institut für Technologie, der im Bereich hybridelektrische Fahrzeuge forscht. Auch wenn er selbst vielleicht nicht zum Thema Recycling helfen könnte, „kennt er mit Sicherheit Leute, die sich damit beschäftigen“, so Maximilian Doeckel.

Ist es eigentlich in Ordnung, Wissenschaftler zu zitieren, die einen Interessenskonflikt haben könnten?

Ein Interessenskonflikt könnte zum Beispiel entstehen, wenn Wissenschaftler lange in der Industrie tätig waren oder ihr Lehrstuhl von Unternehmen finanziert wird. „Wenn das nicht die einzige Quelle ist, selbstverständlich“, sagt Jonathan Focke von Quarks. Als Beispiel nennt er das Öko-Institut, das sich zwar selbst als unabhängige Quelle ansieht. Dennoch sei es nicht vollkommen neutral, meint Focke, weil es häufig Umweltaspekte besonders betone.

Für eine wissenschaftliche Beurteilung könne man das Öko-Institut trotzdem durchaus zu Rate ziehen. „Gerade wenn es um technische Fragestellungen geht, kann man auch mit Experten aus der Industrie reden, aber man sollte auch mit anderen sprechen.“

Christina Merkel von der Nürnberger Zeitung fügt hinzu, dass die Anwendung von wissenschaftlichen Forschungen sowieso durch die Industrie erfolgt. „Inzwischen ist es auch in der Wissenschaft gang und gäbe, dass sie anwendungsbezogene Kooperationen mit der Industrie eingehen.“ Am Beispiel Elektroautos kann es also sogar sinnvoll sein, die Industrie in die Forschungsprozesse einzubinden, weil letztendlich die Industrie die entsprechenden Produkte auf den Markt bringen muss.

„Zehn Jahre bei Audi, das sieht man ja im Lebenslauf“, so etwas sollte man im Hinterkopf behalten und für den Leser transparent machen, meint Merkel. Team Quarks ergänzt, dass bei Veröffentlichungen nach guter wissenschaftlicher Praxis Interessenskonflikte normalerweise angegeben sein sollten.

Wie Interessenskonflikte abgegrenzt werden, und wie Journalisten über diese Konflikte berichten sollten, erklärt der Medien-Doktor ausführlich.  

Gibt es Themen, bei denen es besonders schwierig ist, unabhängige Experten zu finden?

Jonathan Focke zufolge ist der Bereich Kernenergie „total schwierig geworden, weil es in Deutschland kaum noch Leute gibt und die wenigen, die es gibt, haben alle Industrieverträge mit Kraftwerksproduzenten.“ Christina Merkel erinnert sich an eine Recherche zum Thema Wasserstoff, wo der zuständige Professor an der Universität gleichzeitig Inhaber einer Firma ist, die von einem Boom der Wasserstoffautos direkt profitieren würde.  Trotzdem sei er einer der wenigen kompetenten Gesprächspartner in der Region zu dem Thema, weswegen er in Artikeln gerne genommen werden würde. Jonathan Focke von Quarks kann das nachvollziehen: „Es gibt Forschungsgebiete, wo man froh ist, wenn man überhaupt eine Person findet.“

20 Minuten später

Das Team Quarks hat mittlerweile Bücher zum Thema Recycling von Elektroauto-Akkus entdeckt und würde nun deren Autoren kontaktieren. Weil es sich dabei um wissenschaftliche Literatur handelt, könne man davon ausgehen, dass die Autoren auch kompetente Gesprächspartner seien. Zudem hat das Duo in Artikeln von anderen Qualitätsmedien geschaut, um herauszufinden, welche Experten dort zitiert wurden.

Christina Merkel von der Nürnberger Zeitung hätte jetzt einen geeigneten Gesprächspartner bereit, den bereits ihre Kollegen für eine Recherche zu dem Thema genutzt haben. Beide Teams würden also erstmal auf Gesprächspartner zurückgreifen, die schon einmal in den Medien waren.

Gefahr der Wiederholung

Christina Merkel sieht das kritisch: Ihre Beziehungen zu lokalen Experten seien zwar sehr hilfreich, aber „wenn man immer den gleichen fragt, ist es auch nicht gut. Es wäre besser auch mal jemanden anderes zu hören als die Leute, die man schon kennt.“ Jonathan Focke stimmt dem zu. Er setzt aber auch eine gewisse Basis an  Veröffentlichungen seiner Experten im Internet voraus:

Wenn Experten über Google nicht einigermaßen auffindbar sind, dann sind sie auch nicht relevant.

Oft gebe es zu einem speziellen Thema eben nicht eine Fülle von Wissenschaftlern, sondern nur eine Handvoll. „Dass sich da irgendwann ein gewisses Maß an Wiederholung einstellt“, sei klar, meint Maximilian Doeckel. Wenn die Experten aber schon zu oft zitiert wurden, kann das tatsächlich zum Ausschlusskriterium werden: Die mediale Debatte sei häufig durch einige wenige Experten geprägt.

Nach 30 Minuten Suche: Experte gefunden – was nun?

Christina Merkel hat am Ende insgesamt drei Experten gefunden – unter anderem einen Experten an der Universität Erlangen-Nürnberg. Den würde sie aufgrund der Nähe zu ihren Lesern bevorzugen.

Das Team Quarks hat ebenfalls mehrere Experten ausfindig gemacht. Der beste Experte taugt jedoch nichts, wenn er für Journalisten nicht erreichbar ist. Allen drei

Journalisten passiert es im Rahmen ihrer Recherchen immer wieder, dass sich die angefragten Experten lange mit einer Antwort Zeit lassen. Gerade bei tagesaktuellen Themen wünschen sie sich mehr Schnelligkeit von den Wissenschaftlern – selbst dann, wenn die Antwort lautet, dass man zurzeit anderweitig beschäftigt sei.

Das Fazit

Der Test zeigt, dass die Auswahl der Experten durch Journalisten von vielen Faktoren abhängig ist. Einen Königsweg, um einen Experten zu finden, gibt es nicht. Für Christina Merkel und Team Quarks würde es jetzt erst richtig mit der Recherche losgehen: Anrufen, Mails schreiben, dranbleiben.

 

Autoren: Wiebke Pfohl und Florian Rendchen

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