Wie rechte Influencer*innen auf Instagram für Nachwuchs werben

Backen, wandern, Flechtfrisuren. Das sind einige der scheinbar harmlosen Themen, die Influencer*innen auf Instagram behandeln. Doch tatsächlich nutzen auch Frauen aus der rechten Szene diese Themen, um damit Nachwuchs zu werben.

Junge Frauen in Kleidern und mit geflochtenen Zöpfen, die durch die Natur wandern, backen, eigene Kleidung nähen, über Nachhaltigkeit reden: Nicht nur Influencer*innen für Mode, Kosmetik oder Urlaubsreisen haben die Plattform für sich entdeckt. Auch Rechtsextreme nutzen Instagram mit diesen Themen mittlerweile zu ihren eigenen Zwecken.

Laut Professor Dierk Borstel von der Fachhochschule Dortmund ist besonders interessant, dass die Profile an der Schnittstelle zu privaten Accounts stehen. „Wo die einen dann vielleicht ihr Studium darstellen und ihre Partys, ihr Privatleben und ihre Urlaubsreisen, zeigen auch die User*innen der rechten Szene das, womit sie sich am liebsten beschäftigen“, sagt Borstel. Er ist Professor für praxisorientierte Politikwissenschaften und beschäftigt sich seit mehr als 25 Jahren mit dem Thema „Rechtsextremismus“.

Junge Frauen als Köder

Besonders wichtig für die Rekrutierung von neuen Leuten sind in der rechten Szene Frauen. Sie verbinden scheinbar unpolitische Postings mit rechter Gedankenwelt. „Das Setzen auf Frauen und auf Weiblichkeit ist eine alte Masche der Szene, sie spielt bewusst mit einem sexistischen Bild. Also das der schönen, erreichbaren Frau“, sagt Wissenschaftler Borstel. So könne die Szene das Bild des Schreckgespenstes rechtsextremer Ästhetik, mit Glatzkopf und Springerstiefeln, durch eine attraktive, aktive Frau umgehen.

Und um die eigene Reichweite zu erweitern, nutzen rechte User:innen Algorithmen. Das gelinge vor allem mit zunächst harmlos erscheinenden Hashtags, wie #heim

Auf Instagram zeigt Correctiv, welche Hashtags genutzt werden. Foto: Correctiv.

at, oder #brezel. Das fand das gemeinnützige Recherche-Netzwerk Correctiv in seiner Recherche „Kein Filter für Rechts“ heraus. Monatelang recherchierte das Netzwerk, wie die rechte Szene auf Instagram vorgeht. Über diese harmlosen Hashtags landen Nutzer*innen auf entsprechenden Profilen und schnell in einer Filterblase, wenn durch Algorithmen immer mehr ähnliche, rechte Inhalte angezeigt werden.

Andere Profile aus dem rechten Netzwerk gehen mit ihrer Einstellung offener um. So fand Correctiv einen Post einer jungen Frau. Lächelnd posiert sie mit einem Ahornblatt vor dem rechten Auge und schreibt dazu offenkundig islamfeindlich als Überschrift: „Ein Herbstblatt ist besser als Burka“.

Instagrams Schwachstellen werden ausgenutzt

„Instagram ist kein Ort, um Terrorismus, organisierte Kriminalität oder Hass gegen Gruppen zur unterstützen oder zu verherrlichen“, steht in den Gemeinschaftsrichtlinien des sozialen Netzwerks. Außerdem: „Wir entfernen alle Inhalte, die glaubhafte Bedrohungen oder Hassreden enthalten.“ Obwohl Instagram nach außen eine klare Haltung gegenüber Hassrede kommuniziert, schafft es die Plattform nicht, frei von rechtem Gedankengut zu sein.

Correctiv fand unter anderem heraus, wie die rechte Szene verbotene Hashtags umgeht: So haben die Influencer*innen den längst verbotenen Hashtag #defendeurope ausgetauscht gegen #defendeuropeanculture, den Instagram noch nicht blockiert hat. Als weiteres Beispiel führte das Rechercheteam das Foto eines Babys an, das neben einem Sonnenrad fotografiert wurde. Das Sonnenrad ist ein Erkennungssymbol in der rechtsextremen Szene und nach den Instagram-Richtlinien verboten. Trotzdem bemerkte die Plattform den Verstoß erst nach Hinweisen durch das Correctiv-Team. „Im Social Media-Bereich sollten ethische Richtlinien nicht nur aufgestellt, sondern auch konsequent umgesetzt werden. Da ist aber noch viel Spielraum nach oben“, sagt Experte Dierk Borstel.

Wirklich Hoffnung, dass damit Rechtsextremismus, Populismus, oder Hassrede aus der App komplett verschwindet, hat Borstel nicht. Allein, dass die User*innen auf andere Hashtags auswichen, zeige das Problem deutlich auf. „Repression sorgt immer für Innovation. Selbst, wenn Instagram einen Hashtag rausschmeißt, wird unmittelbar danach der Ersatz kommen und dann wieder der nächste und so weiter“, so Borstel. Das bedeute auch, dass die Anzahl der zu löschenden Hashtags immer größer werde.

Die App Loulu

Caspar Weimann möchte mehr Aufmerksamkeit auf dieses Problem lenken. Mit seinem Team von Onlinetheater.live hat er ein App-Spiel entwickelt, das die Spieler*innen in eine interaktive Fiktion über rechtsextreme Netzwerke im Internet einlädt. Wer sich die kostenlose App herunterlädt, sieht zunächst zwei Plattformen: ein videobasiertes soziales Netzwerk, das TikTok ähnelt, und einen Messenger, angelehnt an Telegram.

Das Spiel beginnt mit der Nachricht einer Freundin namens Frida, die Opfer eines rechten Shitstorms geworden ist. Sie bittet die Spieler*innen um Hilfe und vermutet, dass ein rechtsextremes Netzwerk dahintersteckt. Der Shitstorm auf Frida war geplant und sollte gesellschaftliche Diskurse um Themen wie Feminismus, oder LGBTQIA+ unterwandern. Mit Frida spüren die Spieler*innen das Netzwerk hinter den Hasskommentaren auf. Das gelingt, indem sie Algorithmen austricksen, um der rechten Filterblase zu landen

Fridas Shitstorm in der App. Foto: Onlinetheater.live.

In der App befinden sich zunächst viele verschiedene fiktive User*innen, wie im echten Plattform-Leben auch. Eine davon ist die rechte Influencerin Loulu, die melancholisch traurig über Themen wie das Mutter- oder Hausfrausein sinniert und sich selbst als Opfer der schnelllebigen Gesellschaft sieht. So teilt sie beispielsweise in einem Video-Post mit, dass der Feminismus Frauen heute nur unnötig verunsichere und sie dadurch „zu männlich“ würden.

Je mehr rechten Content die Spieler*innen liken, kommentieren oder ihm folgen, desto weiter ordnen Algorithmen sie im Spiel weiter rechts ein. Bis die Influencerin Loulu sie schließlich in ihre private Chatgruppe einlädt. Während sich Loulu bisher zurückgehalten hat, kann sie dort ihr rechtes Gedankengut unzensiert teilen. „Die Spieler*innen bewegen sich immer näher an das rechte Netzwerk ran, bis sie zu dem Punkt kommen, da sie direkt mit Loulu chatten, um an bestimmte Informationen ranzukommen“, sagt Caspar Weimann.

Die App Loulu zeigt, wie die rechte Szene agiert. Foto: Onlinetheater.live.

Alles fiktiv, aber nah an der Realität

Die Charaktere und Stories seien zwar fiktiv, aber dem Vorgehen der rechten Szene auf Instagram nachempfunden. „Unser Anspruch war es, nicht zu übertreiben und zugespitzte Charaktere zu entwickeln. Alle Charaktere, die in der App vorkommen, die Erzählungen und die Narrative haben wir so oder so ähnlich auch bei Instagram gefunden“, sagt Weimann. Das gilt zum Beispiel für den fiktiven Instagram-Account von LenaMusic. Die Musikerin macht Rechtsrock und regt sich über eine „Meinungsdiktatur“ auf, weil sie ihre Lieder nicht mehr auf der Plattform posten darf.

Ursprünglich wollten Weimann und sein Team mit dem Instagram-Account von Onlinetheater.live über das Vorgehen der rechten Szene aufklären. Die Angst und Gefahr, dass das Team dabei selbst Opfer eines rechten Shitstorms werde könnte, war zu groß. „Wir wollten aber nicht nur aufklären, das ganze sollte auch einen partizipativen Charakter haben. Dann kam irgendwann die Idee, alles in einem Spiel und einer App zu kombinieren“, sagt Weimann.

Argumentationsstrukturen verstehen

Wer gegen rechtsextremen Hass vorgehen möchte, müsse zuerst verstehen, wie er funktioniere. Dabei könne die App Loulu helfen. Sie kläre über das Vorgehen und die Argumentationsstrukturen auf, außerdem können User*innen des Spiels Erfahrungen und Kompetenzen sammeln. „Die helfen in Diskussionen um Rassismus oder Faschismus, vielleicht sogar am eigenen Familientisch“, erklärt Caspar Weimann.

Vor allem würden so auch die Funktionsweisen von Algorithmen verdeutlicht und sichtbar gemacht. Hauptsächlich möchten die App-Macher*innen bei der Aufklärung an Schulen helfen. Im vergangenen Jahr hat die App den Preis der Amadeu Antonio Stiftung gewonnen, die sich gegen Antisemitismus, Rassismus und Rechtsextremismus einsetzt.

Dierk Borstel von der FH Dortmund findet die App sinnvoll, weil sie einen geschützten Lernraum bietet und wichtige Informationen vermitteln könne. „Wie funktionieren eigentlich Filterblasen? Was wird im Feed gezeigt? Was nicht? Mein Eindruck ist, dass das auch für viele meiner Studierenden neu ist, obwohl die viel im Social-Media-Bereich unterwegs sind. Das ist Grundwissen, das in der Schule nicht vermittelt wird.“

Beitragsbild: Pixabay/ janeb13

Ein Beitrag von
Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.