„Die Jugend von heute“ – war früher wirklich alles besser?

Wenn Eltern und Großeltern aus ihrer Jugend erzählen, dann fällt oft der Satz: „Früher war alles besser.“ Auch Vorwürfe, die Jugend von heute sei unhöflich, respektlos und gewaltbereit, hat wohl jeder schon mal gehört. Doch was ist da dran? War früher wirklich alles besser?

Schon der griechische Philosoph Sokrates behauptete: „Die Jugend liebt heutzutage den Luxus. Sie hat schlechte Manieren, verachtet die Autorität, hat keinen Respekt vor den älteren Leuten und schwatzt, wo sie arbeiten sollte“ – und das ist jetzt schon ca. 2400 Jahre her. Hat die ältere Generation also immer was zu meckern?

Die Älteren fürchten sich vor dem Verlust der Macht

Bernhard Heinzlmaier ist Jugendforscher aus Wien. Er sagt: „Die Jugend von heute ist pflegeleicht“. Foto: Fotostudio Wilke, 1010 Wien

Tatsächlich, sagt Jugendforscher Bernhard Heinzlmaier aus Wien. Schon immer hatten die Älteren einen kritischen Blick auf die Nachfolgeneration. Das war schon vor mehreren tausend Jahren so und wird auch in der Zukunft so bleiben. „Psychologisch lässt sich der Ärger über die Jugend damit erklären, dass sich die Älteren vor dem Verlust der gesellschaftlichen Macht fürchten“ sagt er. Junge Menschen haben neue Werte und eine andere Kultur. Diese Werte bringen sie natürlich auch mit in die Gesellschaft. Das gesellschaftliche Bild wie es die Erwachsenen kennen wird überholt.

Wer gehört eigentlich zur Jugend?
Vor etwa 20 Jahren zählten aus soziologischer Sicht noch die 14-24 Jährigen als die Gruppe der Jugendlichen. Heute hat sich die Altersgruppe ausgeweitet. Mittlerweile gelten die 11-29 Jährigen im soziologischen Sinne als Jugendlich. Das liegt vor allem daran, dass die eigentliche Kindheit früher endet und der Eintritt in das Erwachsenenleben durch lange Schul- und Ausbildungszeiten verzögert wird. In der Kriminalstatistik hingegen, wird zwischen Jugendlichen und Heranwachsenden unterschieden. Als Jugendlich gelten 14-17 Jährige, zu den Heranwachsenden zählen die 18-20 Jährigen.

Eine erhöhte Gewaltbereitschaft scheint allerdings nicht zu diesen neuen Werten zu zählen die die Jugend mitbringt, zumindest lässt sich das nicht empirisch nachweisen. Die Jugenkriminalität scheint zu sinken, auch in NRW. Und das obwohl die Aufklärungsquote von Straftaten steigt.

So gab es 2008 noch insgesamt 140.138 Tatverdächtige unter 21 Jahren. Im Jahr 2017 ist diese Zahl auf 106.284 Tatverdächtige gesunken. Das geht aus der Kriminalstatistik 2017 der Polizei NRW hervor.

„Die heutige Jugend ist angepasst, zivilisiert, freundlich und zugänglich für die Werte und Meinungen der Älteren“, sagt Heinzlmaier. Laut ihm ist die „Jugend von heute“ alles andere als schlimm, eher pflegeleicht. Trotzdem unterscheidet sich die Jugend natürlich in ihren Werten und Merkmalen gegenüber denen vorheriger Generationen. Jugendliche werden immer individualistischer. Die persönlichen Bezugsgruppen schrumpfen und das eigene Ego steht im Vordergrund.

Aussehen entscheidet über Erfolg oder Misserfolg

Auch Aussehen und Ästhetik würden immer mehr in den Fokus der Jugendlichen rücken. Äußerlichkeiten sind wichtiger als je zuvor. Die Gründe dafür sind allerdings nicht der Verlust von Moral, sondern das System unserer modernen Gesellschaft, sagt Heinzlmaier. Der Mensch würde immer mehr als Marktobjekt verstanden und der wirtschaftliche Wettbewerb steigt. Wie auch die Produkte im Supermarkt, wird man eher „gekauft“, wenn man eine schöne Verpackung hat. Dieses systematische Problem wirkt sich laut Heinzlmaier stark auf die heutige Jugend aus. Wo man früher noch mehr ans Allgemeinwohl gedacht hat, muss heute jeder um sein eigenes wirtschaftliches Überleben kämpfen. Die Außenwirkung ist entscheidend über Erfolg oder Misserfolg. Die Angst vor dem Abstieg steigt, auch bei den Eltern der Jugendlichen. Laut Heinzlmaier sind rund 70 Prozent der Eltern überzeugt, dass es ihre Kinder später einmal schlechter haben werden als sie selbst.

Ob die „Jugend von heute“ immer schlimmer wird, hängt wohl doch stark vom subjektiven Empfinden ab. Was den einen stört, fällt dem anderen vielleicht gar nicht auf. Doch selbst wenn die Jugend tatsächlich früher anständiger und sozialer gewesen ist, so ist es nicht die Schuld der Jugendlichen, dass sie so sind, wie sie sind. Vielmehr wird die Jugend von ihren Lebensumständen und der Gesellschaft beeinflusst. Wirtschaft und Politik geben den Takt an, während die Jugendlichen nur versuchen mitzukommen.

 

Beitragsbild: Timothy Choy auf Unsplash

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