Der Streit um die Statuen

Statuen aus der Kolonialzeit werden abgerissen, angemalt oder wie in Bristol ins Wasser geschmissen. Die Aktionen der Black-Lives-Matter-Aktivist*innen haben eine große Diskussion um Statuen, Denkmäler und Straßennamen auch hier in Deutschland gestartet. Was sind die gegenüberstehenden Positionen? Ein Überblick.

Ein Video sorgte im Netz für großes Aufsehen: Zu sehen ist, wie die Statue des Sklavenhändlers Edward Colston aus dem 17. Jahrhundert von Anti-Rassismus-Demonstranten durch die Stadt gerollt wird und anschließend in das Wasser des Hafens geschmissen wird. Es gibt Jubel, die Demonstranten feiern den Moment.

Die britische Innenministerin Priti Patel äußerte sich nach der Aktion gegenüber dem TV-Sender Sky-News entsetzt: “Das ist ein völlig inakzeptabler Akt.” Der Bürgermeister von Bristol, der selbst jamaikanische Wurzeln hat, sagte, er könne Sachbeschädigung und Unruhen wie diese nicht unterstützen. Die Statue sei für ihn zwar nicht mehr als ein persönlicher Affront gewesen, aber er bedaure den Verlust auch nicht.

Auslöschung der Geschichte?

Historische Statuen zu entfernen, stößt aber auch in Deutschland auf Kritik. In den Kommentarspalten sozialer Medien sehen manche die Aktion als Sachbeschädigung, Vandalismus oder Kunstzerstörung. Sie fordern eine gewaltfreie Lösung. Andere Kritiker*innen befürchten dabei sogar das Auslöschen der Geschichte. Wiederum andere kritisieren, dass linke Aktivist*innen den Streit um die umstrittenen Statuen nur dafür nutzen, ihre eigene Weltsicht zu propagieren. Außerdem ziehen manche Nutzer Vergleiche zu anderen historischen Denkmälern, die ihrer Meinung nach, der Logik von Black-Lives-Matter zufolge, auch zerstört werden müssten, wie zum Beispiel die Pyramiden. Diese seien angeblich auch von Sklaven aufgebaut worden.

Die Historikerin Hedwig Richter sagte im Spiegel, dass die Denkmäler und Namen von Straßen und Plätzen verdeutlichen könnten, dass nichts in unserer Gesellschaft selbstverständlich ist, sondern alles seine Geschichte habe. Sie stellt auch die Frage, ob es nicht sinnvoll wäre, die Denkmäler als Erinnerung für unsere zweifelhaften Selbstbilder stehen zu lassen. Die Schüler*innen von morgen könnten laut Richter die Statuen besuchen, nicht um einen Rassisten zu ehren, sondern um den Wandel in der Gesellschaft zu sehen.

Statuen sind generell symbolische Abbilder von meist besonderen Menschen. Zu welchem Zweck sie aufgestellt wurden, muss individuell betrachtet werden. Allerdings könnte der Zweck bei vielen der Kolonialisten-Statuen ähnlich sein wie bei der von Colston. Der Standard schreibt, wohlhabende Kaufleute widmeten Colston die Bronzestatue lange nach seinem Tod, ohne seine Tätigkeiten im Sklavenhandel zu erwähnen. Statuen stehen meist auf einem Sockel, sodass man zu ihnen hochschauen muss. Allein das zeige den Aspekt des Ehrens der Person.

Den Demonstrant*innen reicht’s

Margarete Stokowski stellt im Spiegel eine Frage in den Raum: „Wenn die Stadt sich nicht kümmert – warum nicht selbst tätig werden?” Die Demonstrant*innen in Bristol und anderen Städten haben in diesem Sinn gehandelt und es selbst in die Hand genommen, nachdem jahrelang diskutiert wurde, Petitionen unterschrieben wurden und trotzdem nichts geschah. Die Anti-Rassismus-Demonstrant*innen und die Befürworter der Aktion wollen nach eigenen Angaben niemanden mit einem Denkmal ehren, der für Sklaverei, Menschenhandel, Unterdrückung und Rassismus verantwortlich war. Im BBC sagten einige Black-Lives-Matter-Protestler*innen in Bristol, es war für sie „empowering”.

Der Professor Jürgen Zimmerer von der Uni Hamburg sagte im NDR, der Vorwurf der Protestler*innen sei, dass die privilegierte Mehrheitsgesellschaft das Unrecht nicht anerkenne. „Wir müssen das aber anerkennen, und das ist mir sehr wichtig, nicht weil wir die Geschichte umschreiben, sondern weil wir uns neu positionieren müssen in der Welt für das 21. Jahrhundert.”

In Deutschland dürfte es im öffentlichen Raum zwar keine Statuen oder Symbole mehr geben, die den Nationalsozialismus symbolisieren, allerdings gibt es hierzulande zum Beispiel noch viele Bismarck-Statuen. Otto von Bismarck sei der Geburtshelfer des deutschen Kolonialismus, schreibt Christian Grimm in der Augsburger Allgemeinen. Weiterhin heißt es in dem Kommentar, dass unzählige deutsche Straßen und Plätze nach den Antisemiten Richard Wagner, Karl Marx und Martin Luther benannt seien.

Ein möglicher Kompromiss

Der Künstler Banksy schlug in einem Instagram-Post vor, wie sich beide Seiten auf eine Lösung einigen könnten. Seine Zeichnung verbildlicht den Moment, in dem die Statue in Bristol vom Sockel von Demonstrant*innen mit Seilen gerissen wird. Unter den Post schreibt er: „Was sollen wir mit dem leeren Sockel inmitten der Stadt Bristol tun? Hier ist eine Idee, die sich sowohl an die Leute richtet, die die Statue vermissen und die, die das nicht tun.” Er schlägt vor, ein Denkmal für den Akt des Runterziehen der Statue zu errichten, bei dem die alte Statue des Sklavenhändlers wieder aufgestellt werden soll und neue Bronzestatuen für die Demonstrant*innen mit Seilen dazukommen.

 

Auch der Verein „Berlin Postkolonial” hat eine mögliche Lösung parat. Der Sprecher der Initiative, Christian Kopp, sagte der dpa, er fände es konstruktiver, Kunstschaffende – zum Beispiel aus ehemaligen Kolonien – dazu einzuladen, die Wirkung der Statuen zu brechen, Gegendenkmäler zu entwickeln oder sie zu verfremden.

Bildquelle: pixabay/HNBS

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