Kommentar: Fünf Gründe, sich den BH abzugewöhnen

Viele Menschen nutzen die Corona-Krise, um genau die Dinge in Angriff zu nehmen, die sie schon immer mal machen wollten. Dann lasst doch einfach mal den BH weg! Ein Kommentar.

Das Arbeiten und Studieren findet bei vielen Menschen immer noch zu Hause statt. Wieso dann nicht mal mutig sein und ohne BH in den Supermarkt oder mit dem Hund rausgehen, wenn es sowieso nur ein paar Minuten dauert? Bis zum (hoffentlichen) Ende der Corona-Krise hättet ihr euch auf diese Art und Weise den BH abgewöhnt.

Vorab: In keinem Fall soll dieser Kommentar irgendjemandem etwas vorschreiben. Es geht nicht darum, den BH zu verbieten oder Leute dazu zu zwingen, ihre BH’s zu verbrennen. Mir ist auch bewusst, dass es Menschen gibt, die nicht auf einen BH verzichten können, da sie sonst gesundheitliche Probleme bekämen. Jedoch sollten Frauen*, die schon seit längerer Zeit mit dem Gedanken spielen, morgens einfach direkt das T-Shirt anzuziehen statt vorher einen BH rauszukramen, ermutigt und supportet werden.

Für viele Leser*innen war höchstwahrscheinlich der Titel des Kommentars der Grund, warum sie nun hier gelandet sind. Es geht immerhin um weibliche Brüste – da muss wieder so eine nervige Feministin hinter stecken. Natürlich werde ich aus einer weitestgehend feministischen Sicht argumentieren, aber es gibt einfach manche Themen – wie zum Beispiel auch die „Pille für den Mann“– die immer wieder angesprochen werden müssen. Ansonsten geraten sie in Vergessenheit, sodass sich am Ende doch nichts ändert. Und außerdem: Wieso sollte eine feministische Argumentation weniger gut oder richtig sein als eine andere?

Hier kommen also fünf Gründe, wieso ihr euch den BH abgewöhnen solltet:

1. “#freethenipples”

Weibliche Brustwarzen sind immer noch ein Tabu-Thema. Mindestens 99,9 Prozent der Weltbevölkerung haben sogenannte „Nippel“ – manche haben sogar drei oder mehr – doch bei der weiblichen Hälfte werden sie entweder gelöscht oder es müssen kleine schwarze Balken darüber gesetzt werden. Immer wieder trendet daher der Hashtag „freethenipples“ auf Instagram, Twitter und Co.

Verschiedenste feministische Accounts setzen sich dafür ein, weibliche Brustwarzen zu entsexualisieren, indem sie beispielsweise Bilder von Brüsten posten, die mit Männer-Nippeln retuschiert werden. Diese werden von Instagram nämlich nicht gelöscht.

Und wenn es doch mal zu einem weiblichen „Nippelblitzer“ kommt, dreht sich in der Kommentarspalte logischerweise alles nur darum. Vor einiger Zeit postete die Journalistin Ariane Alter ein Bild von einer langen Wanderung. Unter ihrem T-Shirt trägt sie scheinbar keinen BH, sodass ihre Nippel zu sehen sind. Gefundenes Fressen für die Brustwarzen-Polizei: Kommentare wie

Ariane, ist dir kalt?

oder

Die haben aber eine schöne Form

sind völlig normale Reaktionen unter so einem Beitrag. Wer sich jetzt denkt, damit müsse sie halt rechnen, wenn sie so ein Bild postet, sollte sich mal die Frage stellen, ob unter dem Post eines Mannes auch so kommentiert worden wäre.

Wer in Corona-Zeiten sowieso nicht so oft in die Öffentlichkeit geht, kann diese Zeit also nutzen, seine Mitmenschen allmählich daran zu gewöhnen, dass auch Frauen* Brustwarzen haben.

2. Geld sparen

Dieser Grund scheint schon fast für sich zu sprechen. Aber für alle Leser*innen, die nie mit dem Thema Büstenhalter konfrontiert wurden, sollte es trotzdem nochmal erklärt werden: Ein BH, der schön aussehen und auch noch gut sitzen soll, kostet viel Geld. Viel bedeutet dabei 40 bis 80 Euro – zusammen mit einem passenden Höschen liegt der Preis dann schnell bei 50 bis 100 Euro.

Es lässt sich also leicht überschlagen, wie viel Geld eingespart werden könnte, wenn ihr beispielsweise nur noch jeden zweiten Tag einen BH tragen würdet. Ein kleiner Tipp: Wer sich das nicht zutraut, kann zu den oftmals günstigeren Bralettes greifen. Mit ihnen fühlt es sich fast so an, als hättet ihr gar keinen BH an.

3. Selbstbewusstsein stärken

Klar ist: Alle Menschen sind unterschiedlich. Das Gleiche gilt somit natürlich auch für Brüste. Instagram, Facebook und Youtube präsentieren uns ein vermeintliches „Idealbild“ vom weiblichen Körper: Großer Po, schmale Taille und runde, gleichmäßig geformte (am besten große) Brüste. Dass das kompletter Unsinn ist, sollte jedem Menschen klar sein, der schon einmal sich selbst oder andere nackt gesehen hat.

Würden weniger Frauen* einen BH tragen, könnten sie das Selbstbewusstsein derer stärken, die mit sich selbst nicht zufrieden sind und Angst haben, ihre Brüste seien zu klein, zu groß oder nicht „normal“ geformt. Denn dann wissen alle Frauen* Bescheid, dass diese vermeintlichen Ideale meistens nicht der Realität entsprechen.

Außerdem kann es die Akzeptanz für den eigenen Körper stärken. Genauso ist es nach meiner Erfahrung bei Menschen, die sich nicht mehr ungeschminkt in die Öffentlichkeit trauen und dann versuchen, sich umzugewöhnen.

4. Verbesserung der Straffheit?

Ein viel diskutiertes Argument, ohne ausreichende Erkenntnis. Es gibt ein paar weniger Studien, in denen die Auswirkungen des Nicht-Tragens eines BH’s untersucht wurden. Die aussagekräftigste scheint hier eine Langzeit-Studie des französischen Sportwissenschaftlers Jean-Denis Rouillon von der „Universität der Franche-Comté“ in Besançon zu sein: Dabei haben über 300 freiwillige Teilnehmerinnen 15 Jahre lang auf den BH verzichtet – egal ob beim Sport, in der Nacht oder im Alltag. Nach längerer Zeit ist bei vielen das Muskelgewebe laut Rouillon nachweislich straffer geworden, die Brustwarzen hätten sich gehoben und ein Erschlaffen der Brüste sei nicht festgestellt worden. So weit, so vielversprechend.

Wieso die Studie trotzdem massiv kritisiert wurde: Alle Studienteilnehmerinnen waren sehr sportlich und hatten eine eher kleinere Körbchengröße, sodass diese Untersuchung nicht repräsentativ für alle Frauen* stehen kann. Trotzdem muss sie erwähnt werden, da in diesem Bereich bisher kaum geforscht wurde. Und das, obwohl es Vorläufer des BH’s schon seit der Antike gibt! Auf das Thema immer wieder aufmerksam zu machen, kann helfen, Wissenschaftler*innen dazu zu bringen, sich endlich damit zu befassen.

5. Komfort

Das letzte Argument ist natürlich allgemein bekannt in der Szene – also allen Frauen* auf der Welt. Wer einen BH trägt, kennt diesen Moment: Du kommst nach einem anstrengenden Tag nach Hause, gehst ins Schlafzimmer und reißt dir erst einmal den BH aus dem Ärmel deines Oberteils. Bei wem sich allein beim Gedanken daran kein Gefühl von Entspannung breit macht, hat entweder noch nie einen BH getragen oder noch nie einen ausgezogen.

Logisch, dass an der Stelle schnell die Frage aufkommt:

Wieso nicht direkt weglassen?

Wer nun immer noch nicht überzeugt ist, dem sei gesagt: Mir geht es an den meisten Tagen genauso wie vielen von euch. Auch ich gehöre zu der Gruppe Frauen*, die noch nicht bedenkenlos ohne BH vor die Tür gehen kann, aber es gerne würde. Mir hilft es beispielsweise, unter meinem Oberteil ein engeres Top zu tragen, wenn ich mich nicht selbstbewusst genug fühle.

Letztendlich wird jeder seinen eigenen Weg finden, damit umzugehen. Doch um das überhaupt zu ermöglichen, müssen weibliche Brustwarzen enttabuisiert und entsexualisiert werden. Jeder Mensch hat das Recht, selbst zu entscheiden, welche Kleidung er tragen möchte – ob ein BH nun dazugehört oder nicht.

 

(Frauen* bezieht sich auf alle Personen, die sich unter der Bezeichnung „Frau“ definieren, definiert werden und/oder sich sichtbar gemacht sehen.)

Beitragsbild: pixabay.com/jackmac34

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1 Comment

  • Du hast vollkommen Recht. Ich kann es auch kaum erwarten nach Hause zu kommen und den BH auszuziehen und die Haut endlich durchatmen zu lassen. Ein tolles und befreiendes Gefühl. Es sollten sich die Frauen tatsächlich trauen öfters ohne BH raus zu gehen. Aber ich muss zugeben, zu lange kann ich ohne diesen auch nicht unterwegs sein. Das fühlt sich einfach ungewohnt an. In einem Punkt muss ich dir aber widersprechen. Ein gut sitzender und schöner BH muss nicht teuer sein. Die richtige Größe ist entscheidend und hier ist das größte Problem, da die meisten Frauen ihre richtige BH Größe nicht kennen und die falsche Größe kaufen, was dazu führt, das diese nicht passen und nicht richtig sitzen bzw. auch ihre stützende Wirkung verpufft und viele deswegen auch schmerzen bekommen.

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