Corona-Impfstoff: Wenn Medikamente zur Mangelware werden

Teuer und rar könnte der Corona-Impfstoff werden. Überall auf der Welt warten Menschen auf einen Impfstoff als Antwort auf die Corona-Krise. Im Interview erzählt Medizinstudent Jonathan Steinke, was passieren muss, damit weltweit alle Menschen Zugang zu dem Impfstoff haben und warum er dazu eine Petition unterstützt.

Gerade ärmere Länder können sich diese Rettung wohl nicht leisten. Das fürchtet zumindest eine Gruppe junger Mediziner. Zu ihnen gehört auch Jonathan Steinke. Beim Gespräch via Videotelefonat sitzt er an seinem Schreibtisch in Köln. Dort studiert der 23-Jährige im 10. Semester Medizin. In Köln hat Jonathan Steinke vor zwei Jahren eine Ortsgruppe von „Universities Allied for Essential Medicines“ (UAEM) mit aufgebaut.

Medizinstudent Jonathan Steinke

Das Ziel der global aktiven Organisation ist es, allen Menschen den Zugang zu benötigten Medikamenten zu verschaffen. Nun richtet sich UAEM Germany in einer Petition an die Bundesregierung: Jeder Mensch sollte Zugang zu Medikamenten und Impfstoffen während der Corona-Pandemie haben, wenn sie mithilfe staatlicher Mittel entwickelt wurden. Außerdem sollte die Vergabe von Forschungsgeld an bestimmte Bedingungen geknüpft sein.

Die Hoffnung auf einen Corona-Impfstoff ist riesig. Doch aus Sicht einiger Studierender gibt es offenbar Grund zur Sorge. Warum habt ihr eine Petition gestartet?

Jonathan Steinke (S): „Ziel ist es, vor allem für das Thema zu sensibilisieren. Wir wollen die mediale Aufmerksamkeit auf eine Problematik lenken, die während der Corona-Pandemie viele am eigenen Leib spüren: Die Angst, keine Impfung oder kein Medikament zu bekommen. Viele Menschen leben täglich mit dieser Sorge, nicht nur bei einem möglichen Corona-Medikament. Gerade in ärmeren Ländern können sich die Patienten oft das benötigte Medikament nicht leisten oder es gibt gar kein Arzneimittel für ihre Erkrankung. Ungefähr einer von drei Menschen hat keinen Zugang zu lebensnotwendigen Medikamenten.“

Warum ist das so? 

S: „Mache Erkrankungen sind schon seit Jahrzehnten bekannt, werden aber nicht weiter erforscht. Den Pharmaunternehmen fehlt der Anreiz, Medikamente zu entwickeln. Denn die Kaufkraft der Länder ist gering. Die Entwicklung neuer Medikamente richtet sich nach dem Absatzmarkt und nicht danach, wie viele Menschen tatsächlich an einer Krankheit leiden.“

Droht das aus deiner Sicht auch beim Coronavirus? Was hätte es für Folgen, wenn ein Pharmaunternehmen seine Forschungsergebnisse oder einen möglichen Impfstoff gegen das Coronavirus patentieren würde?

S: „Es könnte zu einer Monopolstellung kommen. Ist der neue Impfstoff rar und wird nur von einem Unternehmen produziert, könnte das Unternehmen Gebrauch von seinem Monopol machen. Es könnte den Preis in die Höhe treiben. Das würde die Gesundheitssysteme enorm belasten. Ein anderer wichtiger Punkt ist die Logistik. Ein Pharmaunternehmen allein kann unmöglich den Bedarf der Weltbevölkerung nach einem Impfstoff decken. Es wäre von großem Vorteil, wenn der Wirkstoff nicht exklusiv lizenziert ist, also nicht nur von einem Unternehmen allein produziert werden darf, sondern an möglichst vielen Standorten produziert werden könnte.“

Zugang zu Corona-Medikamenten für alle Menschen

Nun beteiligst du dich an einer Petition für einen besseren Zugang zu wichtiger Medizin. Wer hat die Petition ins Leben gerufen?

S: „Die Petition ist ein gemeinsames Projekt von „Universities Allied for Essential Medicines“ (UAEM) Germany. Es gibt auch eine globale Initiative, den „Open COVID Pledge“. Das ist eine Art Versprechen, das von Wissenschaftlern, großen Konzernen oder Pharmaunternehmen unterzeichnet werden kann. Damit verpflichten sich die Unternehmen, auf Patente und exklusive Lizenzen in Bezug auf COVID-19 zu verzichten. Einige, vor allem technische Unternehmen, haben schon unterschrieben. Allerdings noch keine Pharmaunternehmen, die eigentlich unser Ziel sind. Das Versprechen gilt nur, solange es eine Pandemie gibt.“

Was passiert, wenn eure Petition die Bundesregierung erreicht?

S: „Das wird man dann sehen. Die Regierung hat das Thema schon häufiger diskutiert. Es wird meistens gesagt, dass alle Menschen Zugang zu einem möglichen Impfstoff bekommen sollen. Leider sind diese Aussagen nicht verbindlich. Außerdem ist das aktuelle System mit Patentrechten und exklusiven Lizenzen kompliziert. Wer ein Patent besitzt, hat die exklusiven Rechte und entscheidet über die Produktion, Nutzung und den Verkauf. Der Patentinhaber kann diese Rechte aber auch an Unternehmen verkaufen, sodass diese das Produkt herstellen und vermarkten. Man spricht von Lizenzen. Dafür zahlt das Unternehmen Lizenzgebühren an den Patenteigentümer. Um exklusive Lizenzen handelt es sich, wenn diese Rechte nur an ein Unternehmen verkauft werden. Es kann nicht einfach gesagt werden: „Wir wollen das Medikament jetzt allen zur Verfügung stellen“ und dann ist das auch so.“

Aber darauf hofft ihr mit eurer Petition? Dass die Regierung sich einschaltet, wenn ein Pharmaunternehmen einen Wirkstoff entwickelt hat?

S: „Da bin ich vorsichtig. Patente sind ein wichtiger Forschungsanreiz. Wenn man den großen Unternehmen das Geld streicht, das sie damit potenziell verdienen, weil man ihre Patente nicht anerkennt, wäre das unfair. Wir müssen einen Mittelweg finden. Das Unternehmen, das als erstes einen effektiven Impfstoff herstellt, wird so oder so einen riesigen Gewinn machen. Das ist auch gut so, schließlich tragen die Konzerne in der Impfstoffentwicklung ein sehr hohes finanzielles Risiko. Das liegt daran, dass Impfstoffe sehr vielen Menschen für eine Herdenimmunität verabreicht werden müssen. Sie sollen deshalb besonders sicher sein und zuverlässig wirken. Nebenwirkungen sollen möglichst ausgeschlossen werden. Dafür sind sehr viele und große Studien nötig. Diese brauchen Zeit und sind sehr kostspielig.“

Kosten für Forschung müssen gedeckt werden

Ein patentierter Impfstoff wäre also sehr teuer. Würde das die deutschen Patienten finanziell betreffen oder übernehmen die Krankenkassen die Kosten?

S: „Das kann ich noch nicht beantworten. Was die gesetzlichen Krankenkassen übernehmen, wird im Gemeinsamen Bundesausschuss besprochen. Die Mitglieder, Vertreter der Krankenkassen, Ärzte und Krankenhäuser, hinterfragen, ob die medizinische Behandlung wirklich nützt und ob sie der Wirtschaftlichkeit unterliegt. Also ob es vertretbar ist, dass die hohen Kosten vom Gesundheitssystem getragen werden. Pharmaunternehmen setzen die Preise höher an, um ihre Kosten für Forschung und Entwicklung zu decken und um Gewinn zu machen. Das ist in Ordnung. Wenn Länder mit höherem Einkommen jedoch mehr für Medikamente zahlen, sollte in ärmeren Ländern die Generikaproduktion vor Ablauf des Patents erlaubt werden. Also Nachahmerpräparate, die einen ähnlichen Wirkstoff haben, aber weniger in der Produktion kosten. Das wäre fair für die Pharmakonzerne, die Gewinn machen wollen. Und es wäre ebenso fair für die einkommensschwächeren Länder, die sich sonst das Medikament nicht leisten könnten.“

Ihr wollt mit eurer Petition vor allem sensibilisieren. Wenn jemand eure Sache unterstützen will, was kann er tun, außer eure Petition zu unterschreiben?

S: „Andere sensibilisieren. Das Thema muss die Bevölkerung interessieren, damit die Politik darauf reagiert. Die Medikamentenentwicklung und -zulassung ist ein kompliziertes Thema, mit dem sich viele nicht auskennen. Es ist wichtig, dass die Allgemeinheit versteht, dass Pharmaunternehmen und Ärzte nichts Böses wollen. Der Anreiz für Forschung ist, meiner Meinung nach, momentan durch Patente und exklusive Lizenzen falsch gesetzt. Der Absatzmarkt bestimmt, welche Medikamente entwickelt werden.“

Pharmaunternehmen nutzen also nicht die Unwissenheit über die Thematik aus, um Medikamente teuer zu verkaufen?

S: „Doch, gewissermaßen schon. Das ist das zentrale Problem: Pharmaunternehmen können den Preis für ein Medikament einfach willkürlich festlegen, mit der Begründung die Forschungs- und Entwicklungskosten decken zu müssen. Es ist in keiner Weise überprüfbar. Wir brauchen mehr Transparenz, das ist ein wichtiger Punkt von UAEM. Damit klar ist, wie viel es kostet, ein Medikament zu entwickeln und was ein fairer Preis ist. Wir wollen die Pharmaunternehmen nicht um ihre Gewinne bringen. Es soll nur verhältnismäßig sein.“

Corona-Pandemie – Zeit zum Umdenken

Was ist deine größte Sorge, wenn morgen die Meldung kommt „Pharmafirma X hat die Patentrechte am Impfstoff gegen das Coronavirus“?

S: „Meine größte Sorge ist, dass der Impfstoff nicht allen Menschen auf der Welt zur Verfügung steht. Manche Länder hätten vielleicht erst in zehn Jahren Zugang zum Impfstoff. Ländern, in denen die Menschen mehr verdienen, bekämen ihn direkt. Es würde mich beunruhigen, wenn wir es global als Gemeinschaft nicht schaffen, das Recht auf körperliche Unversehrtheit zu schützen und es letztendlich an unserem System für Forschung und Entwicklung scheitert.“

Was ist die wichtigste Maßnahme, um dieses Szenario zu verhindern?

S: „Der erste Schritt ist, dass ein Bewusstsein für die Prozesse der Medikamentenentwicklung entsteht, was dann zu einem Umdenken führt. COVID-19 ist als Pandemie auch eine große Chance. Wir können das System hinterfragen und die Art, wie wir Forschung und Entwicklung vorantreiben, ändern. Wir brauchen alternative Forschungskonzepte und -anreize. Das könnten Kooperationen sein, um Medikamente gegen armutsbedingte Krankheiten zu entwickeln, wie das Dengue-Fieber, oder von der Weltgesundheitsorganisation ausgeschriebene Preisgelder. Auch könnte Forschungsgeld nur an nicht exklusiv lizenzierte Projekte vergeben werden oder es könnten rechtliche, weltweit gültige Vorgaben für Wirkstoffhersteller eingeführt werden. Das wäre der Idealfall.“

Vielen Dank für das Gespräch.

Bildquelle: Titelbild: Pixabay/Alfonso Cerezo, Portätfoto: Magnus Terhorst

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