Alternde Eltern: Warum es schwerfällt, sie seltener zu sehen

Fangen wir mit dem Studium an, sehen wir unsere Eltern meist deutlich seltener. Das ist ganz normal, sagt Entwicklungspsychologin Sabine Seehagen. Im Interview spricht sie über Veränderungen in der Eltern-Kind-Beziehung und warum sie selbst ihr Uni-Leben so genossen hat.

Warum fällt es uns bei unseren Eltern so schwer, sie altern zu sehen?

Wenn Eltern altern und bestimmte Dinge nicht mehr können, kommt es zu einer Rollenumkehr. Das ist schwierig zu verstehen und emotional zu begreifen, weil die Eltern scheinbar unfehlbar sind, wenn man klein ist. Danach wird die Beziehung symmetrisch und gleichberechtigt, bis man die Eltern pflegt. Es kann wehtun, wenn Personen bestimmte Dinge, die man an ihnen geliebt hat, nicht mehr können. Bei den Eltern sind bestimmte Erinnerungen auch nicht mehr da, wenn Demenz oder Ähnliches vorliegt.

Während der Pubertät wollen sich die meisten Jugendlichen so weit wie möglich von ihren Eltern distanzieren, um sich unabhängig zu fühlen. Wie verändert sich das Verhältnis, wenn sie von den Eltern etwa zum Studium wegziehen?

Das Verhältnis kann sich in beide Richtungen ändern. Einerseits, dass man sich ein bisschen entfremdet, andererseits, dass sich die Hierarchie und die Kommunikation verändern. Das mag wohl etwas altmodisch klingen, aber dieser Satz „Solange du in meinem Haus wohnst“, wird dann abgelegt. Man kommt als unabhängige Parteien wieder zusammen. Streitthemen aus dem täglichen Leben fallen weg, wie die Unordnung im Zimmer, die für Frust gesorgt hat.

Was macht das mit der Identität der Eltern?

Die haben dann das Empty Nest, also ein leeres Nest, wenn die Kinder ausziehen. Je nachdem, wie viele Kinder sie haben und wie lang sie zusammengelebt haben, lag der Fokus der Eltern in ihrer Paarbeziehung auf ihren Kindern. Dann muss die Zeit, die sie sich für die Kinder genommen haben, gefüllt werden. Das ist nicht nur eine Anpassungsaufgabe in der Beziehung zum Kind, sondern auch zwischen den Eltern als Partner, und natürlich mit sich selbst. Wie gut sie die lösen, kommt darauf an, ob ein soziales Netz mit Freunden und gemeinsamen Hobbys vorhanden ist. Eltern genießen dann auch ein Stück weit ihre Freiheit, weil sie beim Urlaub zum Beispiel nicht mehr an Schulferien gebunden sind.

Prof. Dr. Sabine Seehagen ist Professorin für Entwicklungspsychologie an der Fakultät für Psychologie der Ruhr-Universität Bochum. Ihr Forschungsinteresse liegt im Bereich der kognitiven und sozial-kognitiven Entwicklung. (© RUB, Marquard)

In anderen Ländern, zum Beispiel in Südeuropa, leben junge Leute wesentlich länger bei ihren Eltern als hier, zum Teil in Mehrgenerationen-Häusern. Zeigen sich da andere Bindungen und Beziehungsgeflechte?

In diesen Gesellschaften, in denen ein sehr enges Zusammengehörigkeitsgefühl besteht, ist der Fokus ganz anders. Wir haben zum Teil eine individualistischere Sichtweise auf das Leben. Also der Einzelne guckt, wo er hinwill, was er möchte. In anderen Gesellschaften mit mehr räumlicher Nähe innerhalb der Familie ist die Entwicklung der Gemeinschaft stark im Fokus, auch deren Wohlbefinden. Das soll aber nicht heißen, dass wir das Wohlbefinden anderer hier vernachlässigen, es hat bloß eine andere Priorität. Aber das Zusammenleben kann tatsächlich dazu führen, dass man sich auch räumlich nah bleiben will, sich um die Verwandten kümmern will, die Hilfe brauchen.

Oft haben junge Erwachsene ein schlechtes Gewissen, wenn sie die Eltern länger nicht besucht haben. Woran liegt das?

Das ist ganz natürlich. Das junge Erwachsenenalter ist ja auch gerade das Alter, in dem man von Zuhause auszieht, vielleicht auch weiter wegzieht, mal einen Auslandsaufenthalt macht. Wenn man dann jemanden wiedersieht, nimmt man Veränderungen wahr, die man, wenn man sich jeden Tag gesehen hätte, vielleicht nicht wahrgenommen hätte. Dann wird uns sehr deutlich bewusst, dass unsere Eltern älter werden.

 

„Wenn zum Beispiel die Großeltern versterben, wird einem als junger Erwachsener vor Augen geführt, dass nur noch eine Generation vor dem eigenen Ableben übrig ist. Es wird klar, wie wertvoll die Zeit sein kann.“

 

Sollten wir uns während des Studiums bemühen, unsere Eltern häufiger zu sehen?

Das hängt von der individuellen Eltern-Kind-Beziehung ab. Ist sie gut, hat man sicherlich auch Lust, die Eltern häufig zu sehen. Wobei das natürlich immer Schwankungen unterliegt. Es kann sich auch im Erwachsenalter drehen, aus verschiedenen Gründen. Wenn zum Beispiel die Großeltern versterben, wird einem als junger Erwachsener vor Augen geführt, dass nur noch eine Generation vor dem eigenen Ableben übrig ist. Es wird klar, wie wertvoll die Zeit sein kann. Oft ist es auch der Punkt, an dem junge Erwachsene eigene Kinder bekommen. Dann besinnen sie sich zurück auf die eigenen Eltern. Sie erinnern sich, wie es früher war, und suchen Rat und Hilfe. Natürlich spielt auch die räumliche Nähe eine Rolle.

Wann lösen sich Kinder und Eltern voneinander?

Klassischerweise wird die Jugend für diese Phase gehalten. Es ist zwar nicht überall auf der Welt so, aber in unserer Gesellschaft wird die Phase der „Emerging Adulthood“ als zusätzliche eigene Phase der Entwicklung angesehen. Das liegt daran, dass bei uns Errungenschaften im Leben später kommen, weil wir eine längere Berufsausbildung machen und so manche Meilensteile wie finanzielle Unabhängigkeit erst später erreichen. Dann setzen Entwicklungsaufgaben etwas später ein oder sie dauern länger an. Das sind Aufgaben, die man sonst eher mit der Jugend in Verbindung bringt, wie zum Beispiel ein Verantwortungsgefühl zu entwickeln.

Was ist die „Emerging Adulthood“-Phase?

Es ist eine neuere Idee in der Entwicklungspsychologie, dass die Phase des Erwachsenwerdens noch etwas länger andauert, in der Regel nach dem 18. Lebensjahr bis Mitte 20. Auch das Gefühl erwachsen zu sein, entwickelt sich darin noch weiter. Allerdings ist es gesellschaftlich und kulturell bedingt, ob es diese Phase überhaupt gibt. In manchen Gesellschaften ist es nicht einmal möglich, die Phase der Jugend auszuleben. Der Übergang ist gezwungenermaßen kürzer, wenn man früh für den Lebensunterhalt sorgen muss. Einen Abnablungsprozess gibt es natürlich trotzdem in allen Gesellschaften. Dabei finden bestimmte hormonelle und biologische Vorgänge statt. Zur „Emerging Adulthood“-Phase gibt nach wie vor unterschiedliche Meinungen in der Wissenschaft, sie ist nicht so universell angelegt, wie andere Entwicklungsphasen, weil hier viele Einflussfaktoren eine Rolle spielen.

Haben Sie Tipps, wie es sich junge Menschen in dieser Lebensphase des Studiums oder der Ausbildung leichter machen können?

Es ist eine herausfordernde Phase, die als stressig empfunden wird, weil in der Zeit viele Weichen gestellt werden: Was studiere ich? Welchen ersten Job soll ich wählen? Da einen Lebenshilfetipp zu geben, ist schwer. Aber man kann es auch mal so sehen: Es ist ein großes Glück, die Chance zu haben, seinen Weg zu suchen und sich in dieser Phase ein bisschen mehr Zeit nehmen zu können. Diese Chance haben nicht alle Menschen auf der Welt. Das vergisst man auch mal vor der nächsten Klausur oder vor der Jobsuche. Das kann ich auch gut verstehen.

Wie war die Phase bei Ihnen persönlich, als junge Erwachsene?


Ich kann sagen, dass ich mein Studium sehr genossen habe, so sehr, dass ich nie von der Uni weggegangen bin. Bei mir war es so, dass besonders ein Jahr mit einem Auslandsaufenthalt viel verändert hat. Sowohl privat als auch bei den beruflichen Aussichten. Ich habe gemerkt, dass ich es auf gar keinen Fall missen möchte, an verschiedenen Orten zu wohnen, und viele Menschen kennenzulernen. Die Phase verbinde ich mit vielen positiven Erinnerungen.

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