Freiheit oder Missbrauch: Braucht Deutschland ein Sexkaufverbot?

Sollte Prostitution in Deutschland verboten werden? Eine Frage, die unsere Gesellschaft in zwei Lager teilt. Beide Seiten liefern Argumente für und gegen ein Sexkaufverbot – und kämpfen am Ende doch für dasselbe. 

Anfang Juli hat die SPD-Politikerin Leni Breymaier gemeinsam mit einem Kollegen der CDU einen fraktionsübergreifenden Parlamentskreis gegründet. Unter dem Namen „Prostitution überwinden“ sollen nach der Sommerpause erste Treffen stattfinden und Experten angehört werden. Das Ziel: ein Sexkaufverbot nach schwedischem Vorbild. 

Bereits seit 1999 steht Prostitution dort unter Strafe – allerdings nur für die Freier. Wer also für sexuelle Dienstleistungen bezahlt oder auch nur den Versuch wagt, kann mit einer Geldstrafe oder sogar einer Gefängnisstrafe belangt werden. Befürwortende des Sexkaufverbots feiern das Modell als wirksamen Mechanismus gegen Menschenhandel und Zwangsprostitution. Kritikerinnen und Kritiker bezweifeln die tatsächliche Effektivität der Regelung. Mittlerweile wird das „Schwedische Modell“, das auch unter dem Begriff „Nordisches Modell“ bekannt ist, zum Beispiel in Island, Norwegen, Irland, Kanada und auch in Frankreich eingesetzt. 

Deutschland – das „Bordell Europas“?

Aber nicht in allen europäischen Staaten ist der Verkauf sexueller Dienstleistungen so streng reguliert: So wird Deutschland auf Grund seiner sehr liberalen Gesetzgebung in Bezug auf Prostitution oft als „Bordell Europas“ bezeichnet. Laut der Bundesregierung werde die „individuelle Entscheidung, sexuelle Kontakte gegen Entgelt anzubieten (…) als Ausdruck des Rechts auf sexuelle Selbstbestimmung und des Rechts auf freie Entfaltung der Persönlichkeit rechtlich respektiert“. 

Während Prostitution hierzulande nie verboten war, wurde mit dem Prostitutionsgesetz im Jahr 2001 zudem die Sittenwidrigkeit abgeschafft: Prostituierte dürfen seitdem am Arbeitslosenversicherungs-, Gesundheits- und Rentensystem teilnehmen und können ihren Lohn einklagen. Das Ziel: Der Abbau der Diskriminierung gegenüber Sexarbeiterinnen und -arbeitern. 

2017 folgte der nächste Schritt: Das Prostituiertenschutzgesetz schreibt eine regelmäßige Untersuchung beim Gesundheitsamt, eine Registrierung beim Ordnungsamt und einen Nachweis der persönlichen Daten vor. Auch für die Betreiber eines Prostitutionsgewerbes hat sich mit dem Gesetz einiges geändert: Sie müssen seitdem eine Erlaubnis bei der zuständigen Behörde beantragen und dafür ein Betriebskonzept vorlegen. Das sieht unter anderem vor, dass die Prostitutionsstätten mit Notrufsystemen, sanitären Anlagen und Pausenräumen ausgestattet sind. Zudem darf die örtliche Lage des Prostitutionsgewerbes den Jugendschutz nicht gefährden oder eine Belästigung der Allgemeinheit darstellen.

Quelle: Berufsverband erotische und sexuelle Dienstleistungen e.V., Prostituiertenschutzgesetz.info, Dortmunder Mitternachtsmission e.V.

Die Wirksamkeit des Gesetzes ist jedoch zweifelhaft: Bis Ende 2017 hatten sich laut einer kleinen Anfrage der FDP nur rund 7.000 Prostituierte als Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer angemeldet. Zum Vergleich: Schätzungen zufolge liegt die Anzahl der Prostituierten in Deutschland bei etwa 200.000.  Sicher ist diese Zahl jedoch keineswegs. Laut der Bundesregierung seien „alle Angaben mit erheblichen Unsicherheiten behaftet“. Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend begründet diese Unsicherheit damit, dass viele Frauen und Männer nur gelegentlich oder für einen kurzen Lebensabschnitt als Prostituierte arbeiten. Eine zuverlässige Schätzung sei dadurch schwierig.  

Gleiches Ziel, unterschiedliche Methoden

Trotz der großen Unklarheit in Bezug auf das Prostitutionsgewerbe vertreten die Befürwortenden sowie Gegnerinnen und Gegner eines Sexkaufverbots ihre jeweilige Position vehement. Silvia Vorhauer ist eine der Frauen, die sich aktiv an der Debatte um eine Einführung des „Schwedischen Modells“ beteiligt. Als Teil der „Dortmunder Mitternachtsmission“ berät sie Prostituierte aus Dortmund und der Umgebung – egal ob sie aussteigen wollen oder aus einem anderen Grund zu ihr kommen. Neben „Amnesty International“ und dem „Berufsverband für erotische und sexuelle Dienstleistungen“ ist auch Silvia Vorhauer der Meinung, dass ein Sexkaufverbot mehr negative als positive Folgen hätte.

Sozialarbeiterin Silvia Vorhauer (links) und die stellvertretende Leiterin Heike Müller. Foto: Melissa Leonhardt/KURT
Sozialarbeiterin Silvia Vorhauer (links) und die stellvertretende Leiterin Heike Müller. Foto: Melissa Leonhardt/KURT

Ein häufig angebrachtes Argument der Gegenseite: Niemand prostituiert sich freiwillig. „Das ist natürlich eine Sache, die absolut nicht stimmt“, so Vorhauer. Das Problem sei, dass „Befürworter eines Sexkaufverbots oft keinen Unterschied zwischen freiwilliger Prostitution und Zwangsprostitution machen.“ Laut Vorhauer gebe es darüber hinaus einen Großteil, der freiwillig in der Prostitution tätig sei. „Es gibt Frauen, die haben sich selbstbestimmt für diese Tätigkeit entschieden. Und die als Opfer zu bezeichnen – das hat schon etwas von Hochmut“, so Vorhauer. „

Kindheitstraumata als Grund für die Arbeit in der Prostitution

Sr. Lea Ackermann hat die Menschenrechtsorganisation Solwodi gegründet. Foto: Solwodi e.V.

Schwester Dr. Lea Ackermann aus dem Saarland teilt diese Ansicht nicht. Ackermann hat die Menschenrechts- und Hilfsorganisation „Solwodi“ gegründet. Die Abkürzung steht für „Solidarity with women in distress“. Unter der Führung von Ackermann hilft die Organisation Frauen beim Ausstieg aus der Prostitution, berät sie und bringt Frauen in Notsituationen in sogenannten Schutzwohnungen unter. 

„Solwodi“ gehört zu den Organisationen, die eine Einführung des „Schwedischen Modells“ vehement fordern. Zur Frage, ob Prostitution auch freiwillig sein könne, hat Ackermann eine klare Meinung:

Jede Prostitution ist eine Abwertung der Frau

In den 35 Jahren ihrer Arbeit sei ihr keine einzige Frau begegnet, die sich wirklich freiwillig prostituiert habe. Stattdessen liege der Grund für die Arbeit im Sexgewerbe oftmals woanders: „Wenn man in der Kindheit missbraucht wird und seinen Körper als etwas erlebt, was nichts wert ist, dann hat man natürlich nicht die gleichen Voraussetzungen, wie jemand, der respektvoll aufgewachsen ist.“

Was wären die Folgen?

Für Silvia Vorhauer von der „Dortmunder Mitternachtsmission“ zählt stattdessen vor allem, dass sich mit einem Verbot die Situation vieler Frauen enorm verschlechtern würde. Ihr Hauptargument:

Prostitution ist und bleibt soziale Realität

Die Dortmunder Mitternachtsmission im Klinikviertel. Foto: Melissa Leonhardt/KURT

Man könne Prostitution nicht verhindern. Ein Sexkaufverbot würde Prostitution hingegen in den illegalen Raum schieben. Moralische Einstellungen hätten bei der Debatte um ein Sexkaufverbot deshalb nichts verloren, so Vorhauer. Stattdessen müsse man überlegen, wie den Menschen in der Prostitution geholfen werden könne. Befürworterinnen und Befürworter der liberalen Gesetzgebung verlangen beispielsweise, dass die Tätigkeit als Prostituierte oder Prostituierter anderen freiberuflichen Tätigkeiten gleichgestellt wird.

Ein fataler Fehler, findet Lea Ackermann: „Wenn es ein Beruf ist, wie jeder andere braucht die Polizei nicht nachzuschauen. Die Prostituierten werden auch nicht mehr so ernstgenommen, wenn sie kommen und erzählen, was ihnen passiert ist.“ Dem Argument, dass sich die Prostitution in die Illegalität verlagere, hält Ackermann entschieden dagegen: Wenn ein Freier die Prostituierten finden könne, dann sei auch die Polizei in der Lage dazu.

Dass es Prostitution trotz eines Verbots weiterhin geben würde, streitet Ackermann nicht ab. Allerdings meint sie, das Ausmaß würde geringer werden. „Das ist wie beim Diebstahl: Es gibt das Verbot, aber es wird trotzdem geklaut. Gäbe es das Verbot gar nicht, würde sich jeder nehmen, was er will.“

Die Frage nach der Wirksamkeit

Und wie sieht die Situation in Schweden aus? Eine abschließende Antwort kann man auf die Frage, ob das Schwedische Modell die Prostitution dort wirklich abschaffen konnte, nicht geben. Während einige Studien besagen, dass die Prostitution erfolgreich zurückgedrängt wurde, weisen andere daraufhin, dass sie sich lediglich ins Internet verlagert hat. Diese Unklarheit verhärtet auch die Fronten untereinander – obwohl Befürwortende sowie Gegnerinnen und Gegner eines Verbots eigentlich das gleiche Ziel haben: den Schutz der Menschen in der Prostitution.

Eine Sache hat sich in Schweden aber auf jeden Fall geändert: die Einstellung zur Prostitution. Laut einer Rede des schwedischen Ministerialvertreters Per-Anders Sunesson auf dem Solwodi-Weltkongress 2019 stünden mittlerweile 80 Prozent der Bevölkerung hinter dem Sexkaufverbot. Ob es in Schweden zu mehr Schutz für die Prostituierten oder zu mehr Stigmatisierung und illegaler Arbeit geführt hat, bleibt offen.

Beitragsbild:  Maru Lombardo auf Unsplash

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