Wie Corona das Leben der Medizinstudierenden in Bayern auf den Kopf stellt

Medizinstudierende deutschlandweit haben diesen April ihr zweites Staatsexamen abgelegt. In Bayern und Baden-Württemberg musste dieses allerdings coronabedingt verschoben werden. Stattdessen wurde das sogenannte Praktische Jahr vorgeschoben. Für betroffene Studierende wurde somit monatelange Planung in den Sand gesetzt. 

Das Examen wurde aus verschiedenen Gründen abgesagt: Die Corona Sicherheitsauflagen konnten laut den Ministerien während der Prüfung nicht erfüllt werden. Gleichzeitig haben sich die zwei Bundesländer aber auch möglichst gut gegen die befürchtete Überlastung des Gesundheitssystems wappnen wollen. Dafür hat man Medizinstudierende in den Krankenhäusern eingesetzt.

Bundesgesundheitsminister Spahn rief Medizinstudierende während der Pandemie dazu auf, in der schwierigen Lage mit anzupacken. Er unterschrieb sogar eine Verordnung zur Vorziehung des Praktischen Jahrs (PJ).

“Bayern ist dieser Rahmenvorgabe des Bundes gefolgt, weil zum Zeitpunkt der Prüfung an keinem der zehn Prüfungsstandorte eine infektionssichere Durchführung der dreitägigen Prüfung mit insgesamt 836 Kandidaten gewährleistet werden konnte”, so ein Sprecher des bayerischen Gesundheitsministeriums. Später erklärt er auch, dass Bayern damals in absoluten Zahlen die meisten Covid-19-Infektionen in Deutschland verzeichnet hatte.

Tagelanges Pauken für nichts

Viele Studierende fühlen sich rücksichtslos behandelt, denn allein die Vorbereitung auf ihr Staatsexamen beansprucht 100 Tage. Viele nehmen sich sogar ein Urlaubssemester, um sich besser auf die Prüfung vorbereiten zu können. Auch nach dem Praktischen Jahr wird der Druck nicht nachlassen: Nächstes Jahr wird ihnen aus planungstechnischen Gründen deutlich weniger Zeit zum Lernen zur Verfügung stehen.

Maren (25) studiert Medizin in Bayern und hätte diesen April eigentlich ihr Staatsexamen ablegen müssen. Von der Entscheidung, das Praktische Jahr vorzuziehen, hat sie viel zu spät erfahren und fühlte sich schlecht informiert.

“Uns wurde erst zwei Wochen, bevor das Examen hätte stattfinden müssen, endgültig abgesagt” erinnert sich Maren. “Fünf Wochen davor hat man uns gesagt, dass die Möglichkeit besteht, dass es nicht stattfinden wird. Das war natürlich ein ganz blödes Gefühl, nicht zu wissen, ob die ganze Mühe, die man gerade reinsteckt, nicht umsonst sein wird. Unsere Universität hat uns auch nicht richtig informiert. Über eine mögliche Absage des Staatsexamens habe ich das erste Mal auch über Instagram erfahren.”

Alle Hände an Bord

“Man sagte uns, die Krankenhäuser bräuchten jetzt alle helfenden Hände, die man kriegen könnte, aber ganz oft hatten wir einfach nichts zu tun. Alle OPs wurden verschoben und ich wurde auch nicht zu den Corona Patienten gelassen. Es haben sich sogar Studierende aus den unteren Semestern gemeldet, um als Freiwillige mitzuhelfen, aber sie wurden abgelehnt. Es war einfach kein Bedarf da.”

Für viele scheint es beeindruckend, behaupten zu können, dass man seine berufliche Karriere als Mediziner*in mitten in einer Pandemie gestartet hat. Die politische Entscheidung Bayerns hat aber auch negative Folgen für die angehenden Mediziner*innen.

Maren sieht vor allem die Entmutigung als Hindernis. “Es ist erstmal sehr enttäuschend, dass man so viel Zeit und Nerven in etwas gesteckt hat, was erstmal nicht zustande gekommen ist. Viele Studierende haben auch hart um PJ Plätze im Ausland gekämpft, die sie wieder abgeben mussten, weil die Zeiten nicht mehr übereingestimmt haben. Viele konnten während des PJs nicht mehr in ihrem Wahlbereich arbeiten. Beispielweise wurden die PJ Plätze in Psychiatrien gestrichen.”

Ein wenig Rücksicht bitte

Maren betont nochmal, dass sie gerne hilft. Schließlich möchte sie Ärztin werden, um Menschen zu helfen. Doch sie wünscht sich auch ein wenig mehr Rücksicht für die Medizinstudierenden. Die 40+ Stundenwochen im Praktischen Jahr sind üblicherweise auch unvergütet. Manche Studierende geraten dadurch in finanzielle Schwierigkeiten. Nicht alle Studierende, denen kein Bafög zusteht, haben Eltern, die sie ohne Weiteres finanziell unterstützen können. Die Rahmenbedingung innerhalb eines Medizinstudiums sind also alles andere als einfach und haben Verbesserungspotenzial.

 

In NRW hat man nach langer Überlegung beschlossen, das Examen stattfinden zu lassen. Die Medizinstudierenden konnten also wie gewohnt ihr Studium fortsetzen.

Was ist das Praktische Jahr
 Das praktische Jahr findet im Medizinstudium normalerweise nach dem zweiten Staatsexamen statt. In dieser Zeit arbeiten die Studierenden vollzeit (unvergütet) jeweils vier Monate in verschiedenen Bereichen. In Bayern ist das in der Chirurgie, in der inneren Medizin und in einem Bereich nach Wahl. Viele Studierende bewerben sich aber auch auf ein Praktisches Jahr im Ausland, beispielsweise in der Schweiz.

 

 

 

 

 

 

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