Kommentar: Reist, wohin ihr reisen könnt!

Menschen sind manchmal lernfähig. Was andere erlebt und als schlimm empfunden haben, das will man selbst nicht erleben. Zu solchen Dingen gehört Urlaub in Corona-Zeiten. Davon erzählen die, die zum Beispiel noch im März im Urlaub waren. Und wer das hört, weiß: Es gibt komfortablere Zeiten, um wegzufahren, als während einer Pandemie. Aber Komfort ist nicht alles. Wer Wert auf globalen Zusammenhalt legt, sollte jetzt den Koffer packen!

Viele Menschen planen in diesem Jahr gar keinen Urlaub und wenn, dann verreisen sie lieber innerhalb Deutschlands als ins Ausland. Stand Anfang Juli haben nur ein Viertel so viele Deutsche einen Urlaub gebucht, wie im vergangenen Jahr verreist sind, teilte der Deutsche Reiseverband mit. Der ADAC geht von viel mehr Deutschland-Urlaubern in diesem Jahr aus.

Wie viele Studierende befragt wurden, ist natürlich nicht bekannt. Aber dass die Einschränkungen wegen des Virus auch Studierende und junge Menschen treffen, zeigt eine im Mai durchgeführte Studie der EU-Kommission: Befragt wurden Teilnehmer von Erasmus+ und des European Solidarity Corps, einer Initiative, mit der Studierende zum Beispiel Praktikumsplätze im Ausland bekommen. 75 Prozent der Befragten fühlten sich erheblich eingeschränkt durch die Corona-Beschränkungen. Von denen reisten 75 Prozent wieder nach Hause. Mindestens 56 Prozent der Teilnehmenden der Programme sind also in ihr Heimatland zurückgekehrt.

Mobil sein sollte nicht mehr stigmatisiert werden

Aber das klingt doch vernünftig, oder? Ja, das war es eine Zeit lang. Aber Mobilität darf nicht mehr stigmatisiert werden. Die Gesellschaft muss sich davon lösen.  Reisen bedeutet nicht, Hygieneregeln zu missachten. Aus „zuhause bleiben“ ist „Hände desinfizieren und Abstand halten“ geworden.

Neben dem Pandemie-Problem hat diese Welt mittlerweile auch ein massives Nationalismus-Problem. Ein Beispiel dafür: die deutsch-italienische Beziehung. Im April sagten 45 Prozent der Italiener, dass Deutschland ihr größter Feind sei. Das italienische Meinungsforschungsinstitut SWG hatte die Befragten dazu aufgefordert, eine Nation zu nennen, die aus Sicht der Befragten der größte Feind Italiens ist.

Auch, wenn solche Umfragen oft weniger aussagen als man denkt: Es tauchen außerdem in sozialen Medien italienische Wut-Videos auf, die sie gegen Deutschland richten. Von einer „Welle von Hass“, die Deutschland zu Beginn der Krise ausgelöst habe, sprach die deutsch-italienische Politikerin Laura Garavini Ende April gegenüber dem ZDF.

Exportstopp sorgt für Frust

Der nationalistische Deutschland-Hass der Italiener kommt nicht von ungefähr. Er entstand zum Beispiel wegen des Exportstopps medizinischer Güter, den Deutschland Anfang März verhängt hat. Das kam nicht von der AFD. Es kam von der Bundesregierung. Das zeigt, wo der Nationalismus mittlerweile angekommen ist: überall in der Gesellschaft.

Deutschland lockerte den Exportstopp Mitte März und exportierte auch wieder Atemschutzmasken nach Italien. Die Botschaft kam aber in Italien nicht an. Was ankam, war vor allem, dass ein Exportstopp erlassen wurde. Zu einem Zeitpunkt, zu dem Italien schon Probleme mit der Pandemie hatte und Deutschland fast gar nicht. Die damit verbundene Botschaft: „Italien und Deutschland sind Freunde. Eigentlich. Aber kommt mal eine Krise auf, dann zählen Menschenleben nur bis zur Grenze eines Landes.“

Nationalismus ist gefährlich. Für die Wirtschaft und die Gesellschaft. Nationalismus befeuert Protektionismus, also weniger Handel mit anderen Ländern. Zum Beispiel Deutschland ist ein Land, in dem es den Menschen vor allem so gut geht, weil deutsche Unternehmen so viele Waren ins Ausland verkaufen. Auch andere EU-Länder profitieren von der Gemeinschaft. Wie Protektionismus schadet, konnten Ökonomen zuletzt im Handelsstreit der USA und Chinas beobachten. Der bremste das weltweite Wirtschaftswachstum.

Wen man kennt, den hasst man nicht

Junge Menschen müssen die Wunden des Nationalismus heilen, die Politiker in der Corona-Krise in die internationalen Beziehungen geschlagen haben, mit dem Rückhalt der Wähler. Wen man kennt, den hasst man nicht. Das zeigt die deutsch-französische Beziehung: Deutschland und Frankreich waren Erzfeinde, haben mehrere Kriege gegeneinander geführt. Zuletzt bezeichneten Menschen die Beziehungen als „deutsch-französische Freundschaft“. Die Freundschaft ist durch viel Handel zwischen den beiden Volkswirtschaften, aber auch durch persönliche Beziehungen entstanden.

Schüleraustausche und gratis-Reisen helfen

Ein Beispiel: die erste deutsch-französische Städtepartnerschaft. Diese schlossen Ludwigsburg und Montbéliard im Jahr 1950, also fünf Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg, dem letzten Krieg zwischen Deutschland und Frankreich. Die beiden Städte sind schon seit 600 Jahren miteinander verbunden, auch durch Hochzeiten zwischen den Adelshäusern, wie die Stadt Ludwigsburg schreibt. 1959 fand der erste Schüleraustausch zwischen Ludwigsburg und Montbéliard statt. Solche Geschichten, das Kennenlernen im Kleinen, mal eine Hochzeit – das heilt Nationalismus. Montbéliard und Ludwigsburg bleiben Partnerstädte. Und Schüler, die am Austausch teilgenommen haben, leben das. Die Städtepartnerschaft überlebt sogar die Verunstaltung des klangvollen Städtenamens Montbéliard durch die deutsche Sprache: Mömpelgard.

Dass frühes Reisen und sich Kennenlernen gegen Nationalismus hilft, hat auch die EU-Kommission erkannt. Deswegen verschenkte sie im vergangenen Jahr Bahntickets an 18-Jährige: „Ziel ist es, die Jugend Europas mit der europäischen Identität zu verbinden und durch Reisen das Bewusstsein für die Grundwerte der Europäischen Union zu stärken“. Auch diese Reisen, die die EU zahlt, sollen jetzt verschoben werden. Wegen Corona.

Es droht ein Teufelskreis des Nicht-Reisens

Die Bundesregierung warnt mittlerweile nicht mehr vor Reisen in die meisten europäischen Länder. Der Staat betrachtet solche Reisen also wieder als ungefährlich. Wer jetzt nicht reist, reist vielleicht sehr lange nicht. Noch schleppt der Staat zum Beispiel die Lufthansa durch die Krise, in dem er Milliarden Euro in den Konzern pumpt. Das wird vielleicht nicht ewig so weitergehen. Sind die Airlines und Hotels erstmal pleite, steigen die Kosten für Reisen, wenn wieder mehr Menschen reisen wollen. Es kann gut sein, dass sich junge Menschen Reisen dann nicht mehr leisten können. Auch dann wird sich die Reisebranche bestimmt irgendwann wieder erholen. Man kann aber nicht sagen, wie lange das dauern wird. Wenn jetzt niemand reist, droht ein Teufelskreis des Nicht-Reisens.

Beitragsbild: Pixabay/rauschenberger

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