Interview: Wieso date ich nur weiße Menschen?

Beim Dating bleiben die Menschen in Deutschland unter sich: 93 Prozent der Paare hatten 2017 nach Angaben des Statistischen Bundesamts die gleiche Staatsangehörigkeit. Sowohl deutsche als auch ausländische Personen hatten häufiger Partner*innen gleicher Nationalität. Ein Soziologe erklärt, ob das schon rassistisch ist. 

Ist es rassistisch, nur Menschen der gleichen Ethnie zu daten?

Darauf antworte ich mit einem klaren Jein. Erst einmal würde ich hier nicht von Rassismus reden, sondern von diskriminierendem Verhalten. Dieses Verhalten beruht auf Vorurteilen, also auf negativen Einstellungen gegenüber Gruppen, aufgrund einer vermuteten Zugehörigkeit. Wie so oft im Leben kommt es auf die Umstände an. Man könnte erst einmal überlegen, woran es liegt, dass Menschen andere Menschen der gleichen Ethnie daten.

Was wäre denn ein Grund dafür?

Haben Sie schon mal einen Inuk (Einzahl von Inuit, Anmerkung der Redaktion) gedatet? Ich schätze nicht. Die leben nämlich meistens nicht in Dortmund. Manchmal ist die Wahrscheinlichkeit einfach geringer, Leute einer anderen Ethnie zu treffen. Also bleibe ich bei der Eigengruppe. Es gibt aber noch ein paar mehr Aspekte.

Welche sind das?

Elmar Schlüter ist Professor an der Justus-Liebig-Universität in Gießen. Foto: privat

Es kommt nicht nur darauf an, wie viele Menschen einer anderen Gruppe es in meiner Umgebung gibt, sondern auch darauf, wie die Gruppen verteilt sind. Kommt es zu einer Durchmischung? Das ist nicht nur an Geografie gebunden, zum Beispiel an Stadtteile, sondern auch an Parameter wie Schulbildung. Wenn alle türkischen Kinder auf der Hauptschule sind und alle deutschen Akademiker-Kinder auf dem Johann-Wolfgang-von-Goethe-Gymnasium, dann werden sie sich nie kennenlernen. Das Phänomen gibt es sogar in sozialen Netzwerken. Dort zeigen sich die gleichen Muster: Menschen treffen online die gleichen Leute wie im Alltag.

Das ist Elmar Schlüter
Professor Elmar Schlüter unterrichtet Soziologie an der Justus-Liebig-Universität in Gießen. In seiner jüngsten Publikation befasst er sich mit interethnischen Freundschaften.

Trotzdem gibt es doch bestimmt Menschen, die sich nicht vorstellen können, Personen einer anderen Ethnie zu daten.

Das ist wieder ein anderer Bereich. Es gibt einmal die strukturellen Faktoren, die ich nicht beeinflussen kann und dann die individuellen Präferenzen, die ich ändern kann. Es kommt darauf an, wie die beiden Faktoren miteinander zusammenspielen. Dazu kommen noch die Normen, also generalisierte Verhaltenserwartungen. Was erwarten eigentlich andere von mir? Ist das, was ich mache, interessant für andere? Wird mir das erlaubt oder nicht?

Also geht es um das eigene Umfeld und die Erziehung?

Genau. Das Umfeld sind bedeutende Menschen, wie die Bezugsgruppe, wichtige Personen, beste Freunde. In diesen Beziehungen spielen die sozialen Normen eine Rolle. Durch Erziehung und Sozialisation werden Menschen Präferenzen vermittelt. Das passiert relativ früh. Menschen sind im Alter von 10 bis 20 Jahren am beeinflussbarsten. Und da gibt es eine Menge Faktoren, die einen beeinflussen können. Das geht von Medien über soziale Regeln bis zu Präferenzen der Leute, die einem wichtig sind.

Menschen daten sich bekanntlich, wenn sie einander attraktiv finden. Welche Kriterien sind dafür entscheidend?

Da gibt es das similarity-attraction-paradigm, auf Deutsch: Gleich und gleich gesellt sich gern. Das ist gar nicht so sehr auf physische Gleichheit beschränkt, sondern hat ganz viele Dimensionen. Haben die potenziellen Partner den gleichen Humor? Haben sie die gleichen Verhaltensweisen?

Kann Attraktivität auch durch Vorurteile belastet sein?

Ja. Eigentlich wäre Diskriminierung nur durch ein Experiment mit Personen nachzuweisen, die zwar nicht gleich aussehen, aber gleichermaßen attraktiv sind. Wenn die Personen, denen man aufgrund physischer Merkmale, Religion oder Sprache anmerkt, dass sie einer bestimmten ethnischen Gruppe zugehörig sind, im Durchschnitt seltener als Dating-Partner ausgewählt werden, wäre das Diskriminierung. Dann wären persönliche Präferenzen am Werk, die auf Vorurteilen beruhen. Ansonsten wäre der Umstand, dass man zum Beispiel weiße Hautfarbe nicht mag, nicht rassistisch, sondern eine ästhetische Präferenz.

Inwiefern kann es zum Problem werden, wenn weiße Menschen nur weiße Menschen daten?

Wenn alle unter sich bleiben, wird das nichts mit der Vorstellung einer Gesellschaft, in der alle die gleichen Chancen haben und es keine strukturellen Ungleichheiten gibt. Die Zuwanderer, die nach Europa gekommen sind, haben schlechtere Karten und sind strukturell benachteiligt, auch aufgrund von Vorurteilen oder Diskriminierung. Allerdings sind intra-ethnische Präferenzen kein Phänomen, das allein der deutsche Nationalcharakter zu verantworten hat. Das ist nicht nur ein Problem der Mehrheit, sondern gilt auch für alle anderen Hautfarben und ethnische Gruppen. Ich würde nicht sagen, dass die Deutschen unter sich bleiben wollen und die Italiener, Türken, Syrer, Vietnamesen, Chinesen total aufgeschlossen sind und ständig Kontakt mit anderen Gruppen suchen. Gerade Dating ist ein Phänomen, das immer von zwei Seiten abhängt.

Intra-ethnische Präferenzen sind also genauso in anderen Gruppen zu finden?

Auf jeden Fall. In dem World Value Survey, der weltweit größten Umfrage zu menschlichen Werten, gibt es die Frage, ob es einem angenehm wäre, wenn eine Person einer anderen Ethnie in die eigene Nachbarschaft zieht. In Europa liegt die Ablehnungsrate bei circa 10 bis 15 Prozent. Wenn man in den asiatischen oder afrikanischen Raum guckt, ist das ähnlich ausgeprägt. Daneben gibt es in manchen religiösen Gruppen strikte Vorschriften innerhalb der eigenen Religion zu heiraten, damit diese am Leben bleibt. Das nennt man Endogamie. Es gibt eine deutliche Norm, eine Verhaltenserwartung und wenn dieser nicht entsprochen wird, dann kommt es zu Sanktionen. Im Zweifelsfall redet keiner mehr mit dir oder du gehörst nicht mehr dazu. Das ist die Wirkkraft der Norm und hat erst einmal nichts mit der Mehrheit zu tun, mit den Deutschen, sondern ausschließlich mit der Minderheit.

Sind Menschen weltoffener, denen die Ethnie beim Daten egal ist?

Das ist zu vermuten, aber ich habe keine belastbaren Daten dazu. Es gibt Forschungen zu inter-ethnischen Kontakten, also keine romantischen Beziehungen, aber Freundschaften und Alltagskontakte. Da zeigt sich, dass Menschen mit sehr offenen und liberalen Haltungen tatsächlich häufiger Kontakt zu Personen anderer Ethnien haben als Menschen, die weniger universell eingestellt sind. Inwiefern das auf Dating zutrifft, weiß ich nicht. Aber ich vermute stark, dass das auch hier der Fall ist.

Was kann ich gegen meine Denkmuster tun, wenn ich merke, dass ich ausschließlich in meiner eigenen Ethnie date?

Wenn wir jetzt diese Denkmuster als Vorurteile sehen – also als negative Einstellungen, dann sind inter-ethnische Kontakte das Mittel, das am effektivsten dagegen hilft. Und zwar Kontakte, die strukturiert eingeleitet werden, denn Freundschaften fallen nicht vom Himmel. Man kann das zum Beispiel in der Schule oder in der Universität umsetzen. So werden Vorurteile reduziert. Und interessanterweise nicht nur bei den Leuten selbst, die den interethnischen Kontakt haben, sondern auch bei deren Freunden und in der Familie.

Beitragsbild: Pexels 

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