Wenn selbst die Krankenkasse Kulturschaffende im Stich lässt

Bislang droht Künstler*innen, die sich versuchen während der Pandemie mit mehr als einem 450 Euro-Nebenjob über Wasser zu halten, ein strikter Rauswurf aus der Künstlersozialkasse (KSK). Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) will dies nun voraussichtlich bis Ende des Jahres ändern. Doch was bedeutet das überhaupt genau für Künstler*innen?

In einem Punkt sind sich alle sicher: Genug gelitten haben Künstler*innen durch die Corona-Pandemie bereits. Seit über einem Jahr steht die Kultur- und Kunstszene beinahe still. Klubs, Theater und Kinos sind geschlossen. Auch Lesungen, Konzerte, Ausstellungen und Auftritte sind aktuell nicht möglich. Für viele selbstständige Künstler*innen bedeutet das einen täglichen Kampf ums Überleben. Für das Jahr 2020 verzeichnete die Branche nach Angaben der Bundesregierung einen Umsatzeinbruch von 13 Prozent. Da die wirtschaftlichen Hilfsprogramme für Kunst- und Kulturschaffende in den meisten Einzelfällen offenbar längst nicht für alle ausreichen, haben viele Künstler*innen eine zweite Tätigkeit aufgenommen.

Künstler*innen werden weitere Steine in den Weg gelegt

Doch hier gibt es ein Problem: Künstler*innen, die ihre Kranken- und Pflegeversicherung über die KSK abgeschlossen haben, dürfen nicht mehr als 450 Euro durch einen Nebenjob verdienen. Anderenfalls droht ihnen ein Rauswurf aus der Krankenkasse.

Künstlersozialkasse

Die Funktion der KSK ist es, selbstständigen Künstler*innen die Teilhabe an der gesetzlichen Sozialversicherung zu ermöglichen. Fünfzig Prozent des Beitrags werden dabei vom Versicherten selbst gezahlt. Der Rest wird staatlich subventioniert oder von den Auftraggebern finanziert. Rund 200.000 Mitglieder sind auf diese Hilfe angewiesen.

Hoffnung auf Wandel in der Kunst- und Kulturszene

Der Deutsche Kulturrat fordert bereits seit dem 12. April das Bundesministerium für Arbeit und Soziales sowie das Bundesministerium für Gesundheit dazu auf, Kunstschaffende während der Pandemie vor dem Versicherungsverlust zu schützen. Der Geschäftsführer Olaf Zimmermann wünscht sich endlich eine Lösung für das Problem: „Die Not ist für viele Künstlerinnern und Künstler extrem groß. Viele Künstlerinnen und Künstler geben aber nicht auf, sondern nehmen ihr ökonomisches Schicksal selbst in die Hand, sie warten nicht auf öffentliche Unterstützung, sondern arbeiten freiberuflich außerhalb ihrer künstlerischen Tätigkeit.“ Künstler*innen würden keineswegs für ihre Eigeninitiative gelobt, sondern stattdessen auch noch ihre Kranken- und Pflegeversicherung verlieren, so Zimmermann.

„Die Not ist für viele Künstlerinnern und Künstler extrem groß.“

Und tatsächlich: Der Aufruf des deutschen Kulturrates zeigt nun einen ersten Erfolg. Arbeitsminister Heil (SPD) will mit einer Ausnahmeregelung die Verdienstgrenze für zusätzliche nicht-künstlerische Tätigkeiten bis zum Jahresende 2022 von den bisher erlaubten 450 Euro auf 1.300 Euro im Monat anheben, wie er am Dienstag bekannt gab. Verdienen Mitglieder mit einer solchen zusätzlichen, nicht-künstlerischen oder publizistischen Arbeit – wie zum Beispiel der Lieferung von Lebensmitteln oder der Arbeit in Testzentren – weniger als 1.300 Euro im Monat, soll die Versicherung im Rahmen dieser selbstständigen Tätigkeit erhalten bleiben. Außerdem sollen sie wieder schnell den Versicherungsschutz der KSK genießen, sobald die zusätzliche Berufstätigkeit eingeschränkt wird oder entfällt.

Zugleich will Heil den Abgabensatz an die KSK auch im kommenden Jahr stabil bei 4,2 Prozent halten. Damit er nicht steigt, müssten laut Bundesarbeitsministerium jedoch 85 Millionen Euro aus Bundesmitteln an die Künstlersozialkasse fließen. Die entsprechenden Vorschläge zur Künstlersozialkasse legte Heil bereits dem Bundeskanzleramt vor. Bis Mai möchte er die Änderungen des Kabinetts erreichen.

So will Merkel vorgehen: mögliche Hilfsgelder ab Herbst

Und auch Angela Merkel (CDU) zeigt sich besorgt über die Kulturszene hierzulande. Die Bundeskanzlerin traf sich am Dienstagnachmittag virtuell mit 14 Vertreter*innen der Kultur- und Kunstszene, um sich ein Bild von der Situation zu machen. Im Gespräch berichteten die Musiker*innen, Schauspieler*innen und weitere Vertreter*innen der Branche von ihrem schwierigen Jahr. Merkel erklärte, sie könne die Frustration der Kulturschaffenden nachvollziehen und wolle nun Taten sprechen lassen. Denn es seien schon längst keine Einzelschicksale mehr, die unter den Corona-Maßnahmen leiden.

Martin Hennecke, ein Schlagzeuger am Staatstheater in Saarbrücken erklärte, dass er dank des Modellentwurfs im Saarland vor kurzem wieder vor Besuchern spielen konnte. Seit der Corona-Bremse sei das aber schon wieder Geschichte. Merkel zufolge könnten derartige Testmodelle zukünftig möglich sein. Dafür müsse jedoch die Sieben-Tage-Inzidenz konstant unter dem Wert 100 liegen, von der die meisten Bundesländer aktuell utopisch weit entfernt sind.

Hilfe in Corona-Zeiten ist so wichtig wie nie zuvor

Vor der digitalen Konferenz hatte die Social-Media-Aktion #allesdichtmachen am vergangenen Donnerstag für Aufmerksamkeit gesorgt. In dem YouTube-Video hatten über 50 bekannte deutsche Schauspieler*innen Kritik an den neuen Corona-Maßnahmen geäußert. Das zog eine Welle der Empörung nach sich.

Die Aktion #allesdichtmachen in der Kritik
Kritik über das Video wurde von allen Seiten geäußert. Kritiker behaupteten, das Video polarisiere in einer Zeit, in der Bürger*innen an einem Strang ziehen sollten, um die Corona-Pandemie halbwegs heil zu überstehen. Besonders politisch eher rechts eingestellte sowie Impfgegner*innen und Corona-Leugner*innen identifizierten sich mit den vermeintlich satirisch gemeinten Inhalten.

Durch die Kontroverse nahmen nicht nur Schauspieler-Kolleg*innen Abstand von der Aktion, sondern mittlerweile auch einige der Initiatoren selbst. Sie entschuldigten sich für die Message, die bei vielen vermeintlich falsch herübergekommen sei.

Trotz Kritik an der Aktion sind sich die meisten darüber einig, dass sich etwas für die Künstler*innen-Szene ändern müsse.

Kunst- und Kulturszene wird Zeit brauchen

Dass viele Künstler*innen vor dem finanziellen Abgrund stehen,  zeigt auch die Studie „Rebuilding Europe“ von Ernst & Young. Demnach sei der Gesamtumsatz der Kultur- und Kreativwirtschaft in der Europäischen Union im Jahr 2020 auf 444 Milliarden Euro gefallen. Das entspreche einem Rückgang von 31 Prozent, also 199 Milliarden Euro im Vergleich zum Vorjahr. Die „Schockwellen von Covid-19“ in der Wirtschaft spürten der Studie zufolge vor allem die Bereiche Kunst und Kultur.

Genau genommen bedeuten diese „Schockwellen“ 90 Prozent Verluste in der darstellenden Kunst, 76 Prozent in der Musik und 38 Prozent in der bildenden Kunst. Doch auch das ist lediglich ein Ausschnitt aus der Kultur- und Kreativwirtschaft, der nach der Covid-19-Pandemie wieder aufgebaut werden muss.

Merkel macht Mut für die Zukunft

Im Gespräch mit Merkel sprachen auch einige Künstler*innen die Zukunft der Kunst und Kultur an. Daraufhin kündigte Merkel ab kommenden Herbst weitere Hilfsgelder an. Außerdem erwähnte sie, dass möglicherweise Events diesen Sommer stattfinden könnten, wenn die Inzidenzzahlen niedrig blieben.

Zusätzlich garantierte sie den Anwesenden, dass geplante Veranstaltungen, die im Zuge der Corona-Pandemie nicht stattfinden dürfen, ersetzt würden. Was die Versprechungen und Änderungen tatsächlich für Kunst- und Kulturschaffende bedeuten, wird sich in den nächsten Monaten zeigen.

Beitragsbild: unsplash.com/ASIA CULTURECENTER

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