Interview: „Von Falschmeldungen bleibt immer etwas hängen“

Eine Lüge hier, eine Falschmeldung da: Wenn Lieblingsinfluencer*innen gefährliche Inhalte verbreiten, fallen auch sonst achtsame Nutzer*innen leicht darauf herein. Egal, ob auf Instagram oder YouTube: In den sozialen Medien setzen wir uns ständig Beeinflussungsversuchen aus. Medienpsychologe Frank Schwab erklärt, über welche psychologischen Effekte solche Manipulationen wirken. Er verrät außerdem, wie wir uns gegen die Beeinflussung wehren können.

Gruppen wie die sogenannten Querdenker*innen radikalisieren sich häufig über die sozialen Medien. Dass einem das selbst passieren kann, würden viele Menschen abstreiten. Ist es also nur eine kleine Minderheit, die sich online besonders leicht beeinflussen lässt?

Menschen, die mit Lügen, Hass, und Extremismus gespickte Inhalte konsumieren, unterstelle ich nicht per se finstere Motive. Einige sind auf Sinnsuche oder wollen sich informieren. Sie wollen die Welt erklärt bekommen. Diese Menschen betrachten sich selbst als die Guten: Sie finden sich mutig und sie gehen auf die Straße, um zu protestieren. Das moralische Recht glaubt man immer auf der eigenen Seite. Wir unterliegen alle dem Third-Person-Effekt – denn der ist gut für das Selbstwertgefühl. Ein Beispiel: Wenn Sie eine Gruppe Autofahrer fragen, wer von ihnen überdurchschnittlich gut fährt, meldet sich sicher die Mehrheit. Faktisch ist das natürlich Quatsch: Es können nicht so viele Leute überdurchschnittlich gut fahren. Aber in meiner Wahrnehmung fahren immer nur die anderen schlecht.

So ist das in vielen Bereichen. Falsch liegen immer Gruppen, die weit von mir entfernt sind und die ich nicht gut kenne – Ausländer, politisch Andersdenkende, Bildungsferne und so weiter. Den Third-Person-Effekt finden wir auch in den sozialen Medien. Die anderen sind beeinflussbar, aber mich beeinflussen soziale Medien ja gar nicht.

Gibt es noch weitere psychologische Effekte in diesem Bereich?

Ja, ein weiterer Aspekt ist die Quelle, von der wir Nachrichten empfangen. Oft sind das nicht die klassischen Medien, sondern „the man“ oder „the woman on the street“. Früher waren das meist Bekannte oder Familienmitglieder. Inzwischen nehmen diese Rolle möglicherweise Influencer ein, zu denen die Zuschauer eine parasoziale Beziehung aufgebaut haben. Das heißt, sie haben zwar keine oder kaum eine wirkliche Interaktion mit ihnen, aber sie haben das Gefühl, sie gut zu kennen. Sie fühlen sich von ihnen angesprochen oder verehren diese Menschen vielleicht sogar. Diese Influencer oder Youtuber vermitteln oder kommentieren die Nachrichten aus ihrer eigenen Sicht und beeinflussen uns damit.

Und das verstärkt unsere Filterblasen.

Genau. Wir neigen dazu, uns diejenigen Nachrichten, Kommentare und sonstigen Inhalte herauszupicken, die unserem Weltbild, unserer Meinung entsprechen. Widersprechende Quellen blenden wir tendenziell eher aus. Dadurch erfahren wir Bestätigung und damit verbunden eine Selbstaufwertung.

Angenommen, ich stecke nicht in einer solchen Filterblase. Haben Lügen und Propaganda in den sozialen Medien trotzdem einen Effekt auf mich?

Von Falschmeldungen oder Lügen bleibt immer etwas hängen. Selbst wenn Rezipienten wissen, dass die Nachricht falsch oder die Quelle nicht vertrauenswürdig ist, wirkt das Gelesene oder Gehörte auf sie. Nehmen wir als Beispiel ein Würfelspiel: Bei jeder geraden Zahl mache ich Ihnen ein Kompliment, bei ungeraden Zahlen passiert nichts. Dann wissen Sie, dass hinter den Komplimenten nur ein Würfelergebnis steckt, aber Sie haben trotzdem ein etwas positiveres Bild von mir.

Medienpsychologe Frank Schwab

Dazu kommt ein weiterer Effekt. Wenn Sie zum Beispiel fragen „Lügt Merkel?“, erzeugt das Misstrauen gegenüber Frau Merkel, obwohl Sie gar nicht sagen, dass sie es tut. Allein die Frage führt dazu, dass die Person leicht negativer wahrgenommen wird. Solche Formulierungen finden wir nicht nur in Zeitungen, sondern auch als Clickbait überall im Internet.

Gibt es bestimmte Gruppen, bei denen es besonders wahrscheinlich ist, dass sie mich in den sozialen Medien beeinflussen wollen?

Ja, dazu zählen all die Leute, die auf diesen Plattformen Inhalte einstellen und dabei eigene Ziele verfolgen: Islamisten, die religiöse Radikalisierung betreiben, politische Gruppen, die versuchen, ihre Interpretation der Weltsicht zu kommunizieren, Parteien, Verbände und Lobbygruppen.

Warum ist diese Beeinflussung ein Problem?

Eine Gefahr ist, dass man sich seine eigene Welt konstruiert, und dass diese Welt sich von der Welt, wie sie mit einiger Sicherheit tatsächlich ist – nicht flach und ohne chemtrails – deutlich unterscheidet. Es ist unwahrscheinlich, dass man so sehr in eine Filterblase rutscht, aber es gibt diese Gefahr. Das Grundprinzip ist, dass man sich in die eigene Tasche lügt. Manchmal hilft uns das, Ordnung in der Welt zu erkennen und uns selbst positiv wahrzunehmen. Das ist eine Form von Selbstbetrug, die durch die sozialen Medien unterstützt werden kann, weil die meisten Plattformen nicht das primäre Ziel haben, die Welt adäquat abzubilden. Sie wollen Werbeplätze oder unsere Daten verkaufen. Und wir wollen durch den Selbstbetrug unser Selbstbild schützen.

Was meinen Sie, wenn Sie sagen, dass wir uns in die eigene Tasche lügen?

Wir haben eine rosa Brille auf: Unser Gehirn bildet die Welt nicht vollumfänglich objektiv ab. Es ist keine Kamera, die die Welt abfilmt, sondern es konstruiert sie und ist Verzerrungen unterlegen. Und teilweise kommen die sozialen Medien in der Art, wie sie konstruiert sind, diesen Verzerrungen entgegen und unterstützen sie. Das muss man sich immer mal wieder klar machen.

Wäre der Algorithmus von YouTube ein gutes Beispiel dafür?

Ja. Der Zweck des Algorithmus ist – so darf man vermuten – nicht, die Welt optimal, objektiv zu erfassen, sondern Klickzahlen und Traffic zu generieren.

 

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Was können wir selbst gegen diese Beeinflussung unternehmen?

Es ist sehr hilfreich, wenn man Leute an seiner Seite hat, die einem auf die Nerven gehen, wenn es darauf ankommt. Also Freunde, Familienmitglieder oder Bekannte, die als Skeptiker trainiert sind. So etwas hilft dabei, sich vor ständiger Beeinflussung zu schützen, ist aber nicht angenehm. Denn man umgibt sich dann mit Leuten, die auch widersprechen. Die meisten Menschen haben aber nicht so einen skeptischen Freundes- und Familienkreis – gleich und gleich gesellt sich schließlich gern. Fast jeder lebt also auch analog in einer mehr oder minder starken Filterblase.

Was können wir machen, um aus dieser Filterblase herauszukommen?

Wir müssen in einer Art miteinander reden, die wertschätzend bleibt und andere dazu einlädt, Widersprüche zu benennen. Wenn wir uns immer aufregen, herumbrüllen, unfair werden und draufkloppen, dann ist das Gespräch bald zu Ende. Kritik an den eigenen Haltungen und Einstellungen zu verarbeiten braucht natürlich erst einmal Zeit. Es bringt einen aber weiter, sich damit auseinanderzusetzen.

Mein soziales Umfeld ist aber nicht permanent bei mir. Muss ich alle sozialen Medien meiden?

Nein, das kriegt man ja nicht immer hin und das macht auch gar keinen Spaß. Sie dürfen auch mal abschalten und sich etwas Spaß gönnen. Sie sollten nur ihre kritische Denkfähigkeit wieder anschalten, wenn es um etwas Wichtiges geht. Man muss sich einen eigenen inneren Gutachter leisten, der gemein ist, also praktisch ein inneres Modell eines Gegenüber, das nachfragt. Kann ich mit dieser kritischen Nachfrage umgehen? Und wenn die Antwort nein ist, dann muss man etwas ändern: Man entfolgt einem Influencer, deabonniert einen Kanal oder verlässt eine Plattform.

 

Beitragsbild: pixabay / Westfrisco

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