Kommentar: Schluss mit dem Designer-Pudding!

High Protein Pudding, Zero Milchreis, mit Koffein angereichertes Wasser. Immer mehr „Performance Food“, also angeblich leistungssteigernde Lebensmittel, tauchen in den Supermärkten auf. Aber diese „besseren Alternativen“ sind oft nicht wirklich besser. Ein Kommentar im Rahmen unserer Themenwoche “Was essen wir morgen?”.

Wir leben in einer Gesellschaft, die permanent Leistung fordert. Motiviert, hoch konzentriert, muskulös und dazu am besten noch ein Körperfettanteil, der gen 0 strebt. Das Idealbild scheint Captain America oder Superwoman zu entsprechen. Gut reicht nicht mehr, es muss immer besser gehen. Das betrifft auch die Ernährung.

Der Trend geht zu Lebensmitteln, die dem eigenen Anspruch an Selbstoptimierung gerecht werden sollen. Laut Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung ist das einer der großen Ernährungstrends, die den europäischen Lebensmittel-Sektor bis 2035 stark beeinflussen werden. Mann nennt sie „Performance Food“, „Functional Food“, „Designer Food“ – es gibt viele Namen, doch sie alle haben eines gemeinsam: Sie werden mit einem gesundheitlichen Zusatznutzen beworben, der über den traditionellen Nährwert des Lebensmittels hinausgeht.

Das High Protein Märchen

Wer in den Supermarkt geht, dem könnten besonders die „proteinreichen“ Lebensmittel ins Auge fallen. Mittlerweile kann man gefühlt alles in einer „High Protein“-Variante kaufen. Brot, Pudding, Nudeln, Pizza, Milchreis und mein persönlicher Favorit: Lachs – aber dazu später mehr. In den vergangenen vier Jahren erzielten allein diese Produkte laut Gesellschaft für Konsumforschung durchschnittlich ein Umsatzplus von mehr als 60 Prozent. Das Streben nach eiweißreicher Ernährung ist demnach schon lange keine Eigenart aus dem Kraftsport mehr, sondern längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen.

Was bedeutet High Protein?
In den Mitgliedsstaaten der EU ist die Verwendung von nährwert- und gesundheitsbezogenen Angaben bei Lebensmitteln über die Health Claims Verordnung (HCVO) geregelt. Demnach ist die Angabe „Hoher Proteingehalt“ oder ähnliche Angaben, wie „High Protein“ oder „reich an Eiweiß“ erst dann zulässig, wenn mindestens 20 Prozent der gesamten Kalorienmenge des Produktes aus dem Eiweißanteil stammen. Etwas lockerer sieht es bei Aufschriften wie „Proteinquelle“ oder „enthält Protein“ aus. Der Mindestanteil beträgt hier 12 Prozent.

Bei einer Umfrage aus dem Jahr 2021 zum Thema Lebensmitteltrends von „POSpulse“ gaben etwa 39 Prozent der Befragten an, schon einmal einen High-Protein-Joghurt oder Pudding gekauft zu haben. Und wem kann man das verübeln? Wie von einer höheren Macht geleitet wandern die Augen über das langweilige Einheitsweiß der Kühlregale und bleiben genau dort hängen, wo die „besonders proteinreichen“ Milcherzeugnisse von Müller, Ehrmann und Co. in stylischem mattschwarz nur darauf warten, im Einkaufskorb zu landen. Das reinste Paradies für jeden, der Wert auf gesunde Ernährung und einen aktiven Lifestyle legt. Zuckerfrei, glutenfrei, laktosefrei, vegan, High Protein – die magischen Worte einer ganzen Generation. Nur leider auch von ausgeklügelten Marketingteams.

Die Preise für 100g: klassisch: 1,08€, weniger süß: 1,30€, High Protein: 2,29€ und bietet auf 100 Gramm gerechnet noch nicht einmal 2g mehr Protein.

Denn ja – es ist ein Marketing-Trick. Und zwar ein ganz beachtlicher, wie ich finde. To be fair: Proteine sind gesund. Ihre Bestandteile, die Aminosäuren, sind nicht nur wichtig für den Knochen- und Muskelaufbau, sondern auch an fast allen Transportprozessen im Körper beteiligt. Nur gibt es halt keinen Grund dazu, sie in Übermengen zu konsumieren. Denn laut der Verbraucherzentrale NRW ist der Proteinbedarf einer gesunden Person in Deutschland allein über die normale Nahrung schon überschritten.

NormalbedarfSportler*innen
Die Empfehlungen zur Eiweißzufuhr der Deutschen Gesellschaft für Ernährung liegen für gesunde Erwachsen bis 65 Jahre bei 0,8 g Eiweiß / kg Körpergewicht pro Tag. Bei einer Person, die 70kg wiegt, wäre der Tagesbedarf von 56g mit einem einzigen Döner (ca.65g Protein) also schon gedeckt.
Das Deutsche Institut für Sporternährung e.V. empfiehlt je nach Intensität, Dauer und Häufigkeit des Trainings eine tägliche Proteinzufuhr von 1,4 bis 1,6 g Eiweiß/ kg Körpergewicht. Die International Society of Sports Nutrition und das American College of Sports Medicine empfehlen sogar eine tägliche Proteinversorgung mit bis zu 2,0 g/kg.

 

Es ist nicht alles gold, was mattschwarz glänzt

Und wer jetzt denkt: ‚Viel hilft viel, gib mir mein Eiweiss!!!‘, für den habe ich leider auch schlechte Nachrichten. So viel Eiweiß ist da nämlich gar nicht drin. Ein gutes Beispiel ist der anfangs erwähnte „Protein-Lachs“ der Firma Krone. Auf 100g enthält dieser nämlich geschlagene 21g Protein. Tatsächlich ein hoher Eiweißgehalt. Blöd nur, dass das der mittlere Wert von jedem Räucherlachs ist. Auf Nachfrage der Verbraucherzentrale Hessen wies man auf die Health-Claims-Verordnung hin und die Tatsache, dass die Mindestanforderung von 20 Prozent Proteinanteil an der Gesamtkalorienzahl erfüllt sei. Man wolle den „Konsumenten keinesfalls täuschen, sondern lediglich die generellen positiven Eigenschaften von Räucherlachs hervorheben”. Natürlich. Ob die anderen Räucherlachs-Varianten „Lieblingslachs“ und der wesentlich günstigere „Räucherlachs“ derselben Firma diese Eigenschaften auf ominöse Weise verloren haben? Ein Schelm wer Böses dabei denkt.

Der Protein Lachs von Krone verspricht den extra Protein Kick – den aber selbst die Sauce nicht liefern kann  (Foto von mittels Open Food Facts,CC)

Einen zusätzlichen Protein-Kick soll der „Protein-Lachs“ übrigens durch die inkludierte Meerrettich-Sauce bekommen. Vorausgesetzt man isst die gesamten 50g Sauce, dann sind das nochmal lächerliche 2,45g Protein. Dazu kommen noch 5g Zucker und fast 15g Fett, sodass die Sauce fast doppelt so viele Kalorien wie die gleiche Menge Lachs enthält.

Wie wirbt Krone?: „So bleiben Sie fit“.

Ich glaube nicht.

Da wo etwas fehlt, füllen andere Stoffe den Platz

Nun gibt es auch viele Performance-Food-Produkte, die genau dort ansetzen. Nicht nur High Protein, sondern „Zero“, also ohne Zucker und fettfrei. An dieser Stelle sollte ich vielleicht gestehen, dass auch ich schon etliche dieser Produkte gekauft habe. Als jemand, der seit vielen Jahren Kraftsport betreibt, dachte ich: ‚Mega! Endlich Süßkram ohne Reue. Trister Magerquark adé.‘ Dass der bei einem höheren Eiweiß-Anteil nur ein Viertel von einigen solcher Puddings kostet, habe ich da einfach übersehen. Nach der ersten Euphorie sind mir dann aber nicht nur die horrenden Preise aufgefallen, sondern auch was da eigentlich drin ist. Denn damit so ein Produkt mehr Geschmack als ein Stück Pappe aufweist sind lange Listen mit Süßungsmitteln, Zusatzstoffen und Aromen nötig. Von Konsistenz und Farbe ganz zu schweigen. Das soll dann also besser sein?

In der Nestlé-Zukunftsstudie „Wie is(s)t Deutschland 2030“, gaben 79 Prozent der Befragten an, dass sie Ernährung zur Selbstoptimierung als beängstigend empfinden. Ich kann mich dem nur anschließen. Nicht, weil ich gesunde Ernährung und den Willen, das Beste aus sich herauszuholen verurteile. Nein. Ich finde es beängstigend, dass so getan wird, als sei es gesund nur Pudding zu frühstücken, wenn es denn der „richtige“ ist. Und ich finde es beängstigend, dass uns wie beim Lachs suggeriert wird, dass ‚gut‘ nicht mehr reicht und dass ich nur durch irgendwelche teuren Produkte mit Zusatzstoffen gesund leben kann. Denn das stimmt so einfach nicht.

Wer Wert auf einen hohen Proteingehalt bei wenig Fett und Zucker legt, kann kostengünstig zu Lebensmitteln wie Eiern, Magerquark, Haferflocken und Bohnen greifen. Deswegen weg mit dem teuren „Designer-Pudding“ und ab und zu einfach genau das genießen, worauf man Lust hat. Das ist auch für den Kopf gesünder.

Beitragsbild: Cheyenne Peters

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