Ursachen und Hoffnung: Erstwähler:innen bei FDP und Grünen

Anna-Lena Baerbock, Robert Habeck, Volker Wissing und Christian Lindner auf einem Selfie. Nur ein Selfie. Ganz normal. Auch in der Politik hat man das schon tausend Mal gesehen. Trotzdem gab es an dem Tag kein Medium, das nicht über dieses Selfie berichtete. Auch Instagram wurde mit Memes und Kommentaren überschwemmt. Doch warum ist die Reaktion auf ein einfaches Selfie so enorm ausgefallen? Es könnte zum Symbolbild einer Ampelkoalition werden.

Während Grüne und FDP mit 23 Prozent gleichauf liegen, kommt die SPD auf 15 Prozent, die CDU auf 10 Prozent, die Linke auf acht Prozent und die AfD auf sechs Prozent. Grafik: canva.com

Das Selfie war eine erste Annäherung zwischen den Führungskräften von Bündnis90/Die Grünen und der Freien Demokratischen Partei (FDP). Mittlerweile ist klar: Grüne und FDP führen mit der SPD Koalitionsgespräche. Eine Ampelkoalition – das gab es in der Geschichte der Bundestagswahl noch nie. Die Reaktionen auf das Selfie zeigen, was für große Hoffnungen und Erwartungen in beide Parteien gelegt werden, vor allem von der jungen Generation der Erstwähler:innen.

Schon kurz nach der Bundestagswahl war klar, dass sich fast die Hälfte der Erstwähler:innen entweder für die Freien Demokraten oder die Grünen entschieden haben. Aber: Welche Hoffnungen und Erwartungen bleiben jungen Menschen noch in einer möglichen Ampelkoalition?

Darum wählten Erstwähler:innen überhaupt Grüne

Das Thema Klimakrise liegt der jungen Generation am Herzen. Auch die Fridays for Future-Bewegung hat daran ihren Anteil. Auch für Lennard Reckfort (22), Student an der TU Dortmund und Erstwähler der Grünen, war dieses Thema sehr entscheidend. Er sagt, die Grünen seien die Partei, “die sich am meisten mit dem Klimaschutz befasst”.

Außerdem gibt es für ihn keine andere Partei, die die Dringlichkeit der Situation so gut erkenne wie die Grünen. Auch die Themen soziale Gerechtigkeit und Bildung sind für ihn wichtig und werden seiner Meinung nach von den Grünen am besten vertreten. Die Grünen sehen den Klimawandel schon seit Jahrzehnten als die größte Herausforderung. Nur logisch, dass ein Teil der jungen Generation das ebenso sieht und sich daher von den Grünen angesprochen fühlt.

Liberale Politik spricht die Jugend an

Die FDP hat bei der Bundestagswahl mit 23 Prozent ebenso viele Erstwähler:innenstimmen bekommen wie die Grünen. Die Gründe dafür liegen gar nicht so fern. Auch die FDP machte Klimaschutz zu einem ihrer Hauptthemen. David Löhl (19), Student in Göttingen und Erstwähler der FDP, gefällt am Klimaschutzprogramm der Liberalen, dass “Deutschland zukunftsfähig gemacht werden soll, aber ohne irgendwelche Verbote zu fördern, sondern durch technische Innovationen”.

Diese wirtschaftsliberale und auf Technologien basierende Art, den Klimawandel zu bekämpfen, findet bei den jungen Wählerinnen und Wählern Anklang. Die FDP ist mit einem Wahlprogramm angetreten, das die jungen Menschen direkt angesprochen und – ähnlich wie die Grünen – Klimaschutz, Digitalisierung und Bildung zu Hauptthemen ihres Wahlkampfes gemacht hat.

Britta Rehder, Politikwissenschaftlerin und Professorin an der Ruhruniversität Bochum, findet es nicht ungewöhnlich, dass “liberale Parteien bei jüngeren Menschen beliebter sind als andere Parteien.” Vor allem während des Lockdowns sei die FDP stark für Freiheitsrechte eingetreten, die vor allem für die jüngere Wählerschaft besonders wichtig waren.

Doch für den großen Zuspruch gibt es auch Gründe, die für beide Parteien gelten. So sind beide Parteien beispielsweise für die Legalisierung von Cannabis. Sowohl die Grünen als auch die Liberalen machen sich für eine Senkung des Wahlalters auf 16 stark. Außerdem sprechen sich beide Parteien für LGBTQ- und Abtreibungsrechte aus. Punkte, die bei der jungen Wählerschaft ziehen dürften.

Bleiben die Inhalte in einer Ampelkoalition bestehen?

Versprechungen und Ansagen der Parteien an die junge Generation zu machen, ist leicht. Doch findet man in einer möglichen Ampelkoalition diese angepriesenen Wahlkampfinhalte auch tatsächlich wieder?

Lennart, Erstwähler der Grünen, ist sich bewusst, dass man Kompromisse eingehen muss. Beispielhaft nennt er den Verzicht auf das Tempolimit. Ein Punkt, bei dem sich beispielsweise die FDP in den Sondierungsgesprächen durchgesetzt hat. Trotzdem ist er zuversichtlich, dass die “wichtigsten Themen und Schwerpunkte in der Koalition Platz finden”.

David, Erstwähler der FDP, ist mit den Ergebnissen der Sondierungsgespräche gar nicht so unzufrieden. “Man hat auf jeden Fall etwas von der Partei einbringen können, was schon mal gut ist, wenn man bedenkt dass die FDP die kleinste Partei in der Ampel ist”. Dass man sich beim Thema Erhöhung des Mindestlohns den beiden möglichen Koalitionspartnern beugen müsse, sei keine Überraschung.

Regierungswechsel als Chance

Kann man sich durch einen Regierungswechsel also Hoffnungen auf stärkere Beachtung der Themen Klimaschutz, Digitalisierung und Bildung machen?

Politikwissenschaftlerin Britta Rehder sieht in einer Ampelkoalition dafür die größten Chancen. “Mit Regierungsbeteiligung von Grünen und FDP sind die Chancen für diese Themen jedenfalls deutlich größer, als sie es bei der einzig verbliebenen Alternative, einer neuen Großen Koalition, wären.”

Die Erstwählerinnen und Erstwähler haben durch ihr Wahlverhalten also gezeigt, dass sie keine Lust mehr auf eine Große Koalition haben, indem sie in großen Teilen der FDP und den Grünen ihr Vertrauen geschenkt haben. Egal, ob sich die Hoffnungen und Erwartungen der jungen Generation bestätigen, ein “weiter so” kommt für die Erstwählerinnen und Erstwähler nicht infrage.

Beitragsbild: Foto von Mika Baumeister via Unsplash

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