Drohender Lockdown im Winter: Was wird aus obdachlosen Menschen?

Der Corona-Winter kommt – die Schwächsten trifft er am härtesten, vor allem Menschen ohne Wohnung. Doch was würde ein weiterer Lockdown für die Obdachlosenhilfe bedeuten? Hilfsorganisationen in Dortmund fürchten Probleme. Die Stadt scheint unvorbereitet zu sein. 

Einrichtungen wie das Dortmunder Gast-Haus, Bodo e. V., die Kana-Suppenküche und andere Projekte sind überlebenswichtig für obdachlose Menschen – gerade im Winter. „Obdachlose Menschen brauchen geschlossenen Räume, um sich von der Anstrengung der Straße zu entspannen und runterzukommen“, sagt Bastian Pütter von Bodo e. V. Innenräume seien „Inseln“ für wohnungslose Menschen. Während des vorigen Lockdowns von November 2020 bis März 2021 gab es solche Angebote so gut wie nicht.

Ein Hilfszelt wird es diesen Winter nicht geben

Der Lockdown traf damals viele Hilfseinrichtungen unvorbereitet, Hygienekonzepte waren noch nicht erarbeitet. Aufgrund mangelnder Raumkapazitäten mussten Einrichtungen schließen oder konnten nur einen sehr kleinen Teil ihrer Angebote bereitstellen. Viele verlagerten ihr Hilfe nach draußen, was jedoch in den Wintermonaten zum Problem wurde. „Die ganze Zeit draußen zu sein, nirgends anzukommen, ist sehr kräftezehrend für die Menschen“, sagt Pütter.

Aus dieser Notlage entstand schließlich die Idee der Corona-Winterhilfe. In der Innenstadt wurde ein großes beheiztes Zelt aufgebaut, in dem bedürftige Menschen Mahlzeiten bekamen. Ehrenamtliche Organisationen hatten das Projekt angestoßen. Wie es letztes Jahr gelaufen ist, berichteten die Nordstadtblogger und die Stadt Dortmund.

Das große beheizte Zelt auf dem Platz zwischen dem Dortmunder U und dem FZW nahe dem Gast-Haus wird in diesem Jahr nicht wieder aufgebaut. Ein Grund dafür sei, dass „das Regelsystem wieder läuft“, teilt die Pressestelle der Stadt auf KURT-Anfrage mit. „Die Versorgung Obdachloser sehe ich trotzdem als Aufgabe der Stadt“, sagt Colin Fischer von der Kana-Suppenküche.

Viele Menschen fallen bei Sozialhilfen durchs Raster

Alternative Pläne, falls ehrenamtliche Hilfsangebote in einem neuen Lockdown wieder wegbrechen, hat die Stadt Dortmund laut der Pressestelle nicht. Es sei zwar nicht allein die Aufgabe der Stadt, sich um Obdachlosigkeit zu kümmern, sagt Pütter von Bodo e. V. „Menschen können Hartz IV beantragen und in Notunterkünften schlafen. Aber dass dort viele durchs Raster fallen wird eben nicht von der Stadt, sondern von den zumeist ehrenamtlichen Helfer*innen der Hilfsprojekte und Einrichtungen aufgefangen.“ Das sieht auch Fischer so: „Das Projekt Corona-Winterhilfe war nur realisierbar, da pro Schicht 20 freiwillige Helfer*innen bereitstanden. Doch wie es heute aussehen würde, weiß keiner.“ Einer dieser Helfer*innen war Marcus Lingenberg. Er sagt: „Die Stadt Dortmund war durch den Druck von außen gezwungen, das Zelt zu stellen.“

So kannst du helfen
Wenn du dich auch bei der Obdachlosenhilfe engagieren möchtest, kannst du dich z. B. bei folgenden Organisationen melden:

Von den Betroffenen selbst vermissen einige das Hilfszelt aber nicht, so auch Stephan. Er ist wohnungslos und nimmt gerne Angebote verschiedener Einrichtungen wahr. „Ich bin froh, dass es das Zelt nicht mehr gibt“, sagt er. „Einerseits war es sehr zugig dort und man konnte sich nicht so gut aufwärmen. Anderseits kann ich nun wieder die vollen Angebote ausschöpfen, da ich doppelt geimpft bin.“ Doch nicht alle haben das Privileg oder den Willen, geimpft zu werden. Auch wenn Impfpässe verloren gehen, dürfen die Einrichtungen die Menschen teilweise nicht an ihren Angeboten teilhaben lassen.

Ehrenamtliche arbeiten an alternativen Hilfsangeboten

Dass es doch noch ein Winterhilfszelt gibt, halten die Beteiligten für nahezu ausgeschlossen. Es könnte auch nicht auf dem alten Platz zwischen Dortmunder U und FZW stehen, denn dieser wird für bevorstehenden Baumaßnahmen freigehalten. Außerdem ist es schwierig, einen anderen Ort zu finden, denn man bräuchte eine passende Infrastruktur wie fließend Wasser. Beim alten Zelt konnte dafür das gegenüberliegende Gast-Haus mitgenutzt werden.

Ehrenamtliche beraten derzeit über alternative Hilfsangebote, wenn die Inzidenzen weiter steigen. Im Vergleich zum letzten Jahr sind die Hygienekonzepte vorangeschritten und teilweise ausgearbeitet. „Wichtig ist nur, dass man die Menschen nicht ihrer Tagesabläufe beraubt“, sagt Pütter. „Die Angebote der Hilfseinrichtungen in geschlossenen Räumen wahrzunehmen, ist eine der wichtigsten Grundlagen bei einem Leben auf der Straße.“

Beitrags- und Teaserbild: Bodo e. V./Sebastian Sellhorst

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