DFB-Bilanz: Flick liefert ab und kann doch nicht alle Probleme lösen

Seit der neue Bundesfußballtrainer Hansi Flick im Amt ist, läuft es wieder für die Fußballnationalmannschaft. Doch Imageprobleme bleiben.

4:1 gegen Armenien – mit dem Spiel vom Sonntag (14.11.) endet ein zum Teil turbulentes Länderspieljahr für die deutsche Fußballnationalmannschaft der Herren. Löw-Abschied, die peinliche Quali-Niederlage gegen Nordmazedonien, das schnelle EM-Aus und der Trainerwechsel zu Hansi Flick. Flick ist seit September im Amt und macht seinen Job gut, findet KURT-Autor Till Schacht. Zeit für eine Zwischenbilanz.

Nationalspieler Thomas Müller spricht nach dem Sieg gegen Armenien bei RTL gar vom Beginn einer „neuen Zeitrechnung“ unter Trainer Flick nach 15 Jahren Löw. Das Ausscheiden gegen England bei der EM nennt Müller „Schnee von gestern“. Man spürt: Die Mannschaft hat einen Lauf.

Die Punktebilanz unter Flick mit sieben Siegen aus sieben Spielen ist wahrlich top. Der Trainerwechsel ist unbestritten ein entscheidender Faktor für die zuletzt guten Leistungen der Fußballnationalmannschaft. Doch auch spielerisch hat die Mannschaft in den letzten Monaten eine stolze Entwicklung hingelegt. Auf den uninspirierten Auftritt beim 2:0-Sieg über Liechtenstein (Flicks Einstand) folgten Torfestivals gegen Armenien (6:0) und Island (4:0). Im Oktober setzte sich der Aufwärtstrend mit dem 4:0 gegen Nordmazedonien und der vorzeitigen Qualifikation für die WM 2022 in Katar weiter fort. Auch wenn der vorige 2:1-Sieg über Rumänien nicht überzeugte.

Flick formt wieder eine echte Mannschaft

Auf und neben dem Platz passt die Stimmung offenbar. „Wie die Mannschaft mit Freude und Spaß untereinander das Miteinander prägt, das ist schon richtig klasse“, sagte Flick sichtlich angetan nach dem Spiel gegen Armenien bei RTL. Flick ist dabei, wieder eine echte Mannschaft zu formen. Er lässt nie dieselben elf Mann spielen und überrascht mit Nominierungen. Mit den U-21-Europameistern Florian Wirtz (18), Karim Adeyemi (19), Nico Schlotterbeck (21), David Raum und Lukas Nmecha (beide 23) setzt er auf eine junge Generation. Vier von ihnen – Wirtz, Adeyemi, Raum und Nmecha – feierten ihr A-Nationalmannschaftsdebut.

Auch die Kommunikation mit den älteren Spielern scheint zu funktionieren. Etablierte Spieler wie Marco Reus dürfen in Absprache frühzeitiger von den Länderspielen abreisen, um sich zu schonen. All das unterstreicht, wie wichtig dem neuen Bundestrainer die Kommunikation mit seinem Team ist. Kritik von außen wie von Bayerns Sportvorstand Hasan Salihamidzic, der Reus für seine frühzeitige Abreise kritisiert hat, beeinflussen den Trainer kaum. Flick macht weiter seine Arbeit und die macht er gut!

Nationalmannschaft rückt in der Weltrangliste nach oben

Die Kritik, die in der ersten Jahreshälfte an der Einstellung der Mannschaft und der Spielweise von Löw laut wurde, ist verstummt. Mit Flick weht ein neuer Wind durch die Reihen des Deutschen Fußballbunds (DFB) – auch wenn der ehemalige Assistenz-Trainer von Löw nicht müde wird zu betonen, welch immense Bedeutung sein Vorgänger für seinen Werdegang hatte. „Wenn er mich damals nicht angerufen hätte, wäre mein Leben anders gelaufen“, so Flick.

Der 9:0-Triumph über Liechtenstein und der Sieg gegen Armenien bildeten einen gelungenen Abschluss des Länderspieljahres 2021. So hat die Nationalelf unter Flick auch in der Fifa-Weltrangliste in nur drei Monaten bereits vier Plätze gutgemacht: von 16 auf 12. Zur ganzen Wahrheit und Lobhudelei gehört aber auch, dass die vergangenen Gegner keine Hochkaräter waren. 

Imageproblem von „Die Manschaft“ bleibt

Zudem bleiben alt bekannte Probleme auch unter dem neuen Bundestrainer weiter Thema, so auch beim Image. Fanforscher Harald Lange von der Universität Würzburg spricht von einem „oberflächlichen Image“ der Nationalmannschaft. Eine stark vorangetriebene Kommerzialisierung nach dem WM-Titel 2014 habe das verschärft. „Marketing-technisch hat man hier einfach vollends daneben gelegen, Fußball ist weitaus mehr als einfach gestrickte Kommerz-Denke“, sagt Lange. Die Entfremdung vieler deutscher Fußballfans sei die Folge gewesen. Ungeachtet davon habe sich der DFB „Event-Fans“ herangezogen, die nur kämen, solange es Siege gebe.

Die vielen Misserfolge nach dem WM-Desaster in Russland 2018 und die Führungsprobleme auf Verbandsebene hätten die Probleme verschärft. Jüngste Aktionen, wie Trikots in Wolfsburg oder sogar Tickets in Stuttgart zu verschenken, helfen da nicht viel. „Wichtig wäre es, etwas im Identifikationskern zu bewegen“, so Lange. „Es muss daran gearbeitet werden, Glaubwürdigkeit und Identifikation in allen Bereichen des DFB zu schaffen“. Der Begriff „unsere Mannschaft“ müsse wieder mit Leben gefüllt werden. Der Experte meint, das „Model-Flick“ und die aktuelle Erfolgsgeschichte könnten dafür ein Anstoß sein.

Flick-Start weckt Hoffnungen für die WM 2022

Die Bilanz des Jahres: elf Siege, zwei Unentschieden, drei Niederlagen, 50 Tore und 13 Gegentore. Eine Bilanz, die sich sehen lassen kann. Aber auch eine, die mit Blick auf die vergangene EM und die aktuelle Position in der Weltrangliste nicht den Ansprüchen einer deutschen Fußballnationalmannschaft gerecht wird. Trotzdem: Aktuell stimmt die Form. Im März nächsten Jahres (2022) stehen die nächsten Länderspiele für die Nationalmannschaft auf dem Programm. Geht es nach Flick, soll dann gegen „Hochkaräter“ getestet werden, ehe im Juni Spiele in der UEFA Nations League folgen. Mit Blick auf die Winter-WM in Kater weckt der beeindruckende Flick-Start Hoffnungen.

Teaser- und Beitragsbild: pixabay.com/ASSY, lizenziert nach CC.

Ein Beitrag von
Mehr von Till Schacht
Kurier: Neues Ausleihsystem in der Uni-Bibliothek
Die Universitätsbibliothek der TU Dortmund setzt seit Kurzem ein neues Ausleihsystem ein....
Mehr
Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.