Was ist dir Geld wert? Junge Menschen sprechen über Wohlstand

Für jeden Menschen ist Geld unterschiedlich wichtig und auch definiert jede*r Wohlstand anders. Warum ist das so und wie verschieden blicken junge Menschen auf das Thema? Wir haben mit drei von ihnen gesprochen.

Geld ist nicht gleich Wohlstand. Zwar hat jede Währung einen bestimmten Wert. Doch die Entscheidung, welchen Wert man diesem Geld beimisst, liegt bei jeder einzelnen Person. Für die eine steht es über Allem, für den anderen ist es lediglich ein Mittel zum Zweck. Viele junge Menschen machen sich darüber Gedanken, welche Art von Wohlstand für sie wichtig ist.

Coach Silvia Breier spricht mit Führungskräften über Wohlstand. Foto: Felicitas Matern

Silvia Breier spricht in ihren Coachings immer wieder mit Menschen, die sich genau dieser Frage stellen. Nach vielen Jahren im Investmentbanking berät die Österreicherin heute unter anderem Führungskräfte und hat ein Buch geschrieben, in dem sie der Psychologie des Geldes auf den Grund geht.

In ihren Gesprächen stelle sie oft fest, dass Geld besonders in der ersten Hälfte des Lebens ein entscheidendes Kriterium in der Karriereplanung sei. „Es gibt den Wunsch sich etwas aufzubauen. Das wurde besonders von der Vorgeneration so weitergegeben“, sagt die Beraterin. Die Nachkriegsgeneration und die Babyboomer hätten noch die Möglichkeit gehabt, sich aufgrund der wirtschaftlichen Entwicklung relativ leicht nach oben zu arbeiten. Die heutige Generation habe diese Chancen nicht mehr in dem gleichen Maße. Jedoch haben laut Silvia Breier auch sie dieses Weltbild vermittelt bekommen. Drei von ihnen haben ihre Gedanken zum Thema Wohlstand mit uns geteilt.


Amir, 19 Jahre alt, Duales Studium zum SAP-Berater

Amir berät Kunden bei finanziellen Entscheidungen. Foto: Privat

„Ich bin in ziemlich guten Verhältnissen aufgewachsen. Aber ich habe früh gemerkt, dass mein Vater immer an irgendeiner Stelle sparen musste, um uns Kindern das bieten zu können, was wir hatten. Deshalb habe ich mich nach meinem Abi nach einem dualen Studium
umgeschaut. Ich wollte direkt Geld verdienen und meine Eltern finanziell entlasten. Für mich ging es nach Hamburg, wo ich jetzt dual Wirtschaftsinformatik studiere und zum SAP-Berater ausgebildet werde. Das ist ein Beruf, der sehr zukunftsträchtig ist, in dem ich gutes Geld verdienen kann und der mir vielleicht sogar Spaß machen könnte.

Viele Leute wollen Spaß in ihrem Beruf haben. Aber mir ist klar geworden: Mir macht es Spaß, Geld zu haben. Denn Geld ist das, was mir in der Kindheit ein bisschen gefehlt hat und ist deshalb immer mein Ansporn und Motivator. Außerdem wollte ich niemals Angestellter sein, weil mein Vater mir immer gesagt hat: „Werde niemals abhängig von anderen Leuten.“

Alles geben für das große Ziel

„Ich habe mir ein großes Ziel gesetzt: Ich möchte finanziell frei sein. Also mir alles kaufen und tun und lassen können, was ich will. Ich möchte zum Beispiel, von heute auf morgen problemlos in ein anderes Land ziehen können. Und das alles mit einer Familie mit zwei bis drei Kindern und Hund. Ob ich dann einen Rolls-Royce oder BMW fahre, ist nicht so wichtig, Hauptsache sicher und frei.

Ich möchte 20.000 Euro netto im Monat verdienen. Ob ich dieses Ziel erreichen werde, weiß ich nicht, aber ich versuche lieber 20.000 Euro zu verdienen, als jetzt schon nur auf 4.000 Euro hinzuarbeiten. Deshalb investiere ich lieber jetzt zehn oder fünfzehn Jahre mit mehr harter Arbeit, aber lebe dann mein Leben mit Karacho.“


Geld oder Freizeit?

Laut Silvia Breier sei die eigene Sichtweise stark davon abhängig, wie die Eltern mit Geld umgegangen sind. Viele übernehmen das Verhalten ungefiltert, andere machen das genaue Gegenteil. Es gibt aber auch gesamtgesellschaftliche Trends, wie die Beraterin feststellt: „Die junge Generation legt immer mehr Wert darauf, sich selbst zu verwirklichen. Da spielen besonders die eigenen Werte, aber auch eine langfristige Zufriedenheit eine Rolle.“ Daneben gäbe es aber auch weiterhin die klassischen Karrieristen, die ihre Berufslaufbahn strategisch planen und möglichst viel Geld verdienen wollen.


Rhaissa, 29, Bachelor in Wirtschaftsrecht, arbeitet bei der Stadt Essen

„Ich komme aus einem guten Elternhaus. Deshalb möchte ich diesen Lebensstandard halten, also in einem großen Haus leben und öfters in den Urlaub fahren. Das alles spielte bei der Berufswahl eine Rolle. In der Schulzeit wollte ich immer Kunst studieren. Doch dann hat mir mein Vater davon abgeraten, weil man davon nicht gut leben kann. Und auch wenn mir das Studium Spaß gemacht hätte, glaube ich, dass ich auf

Rhaissa arbeitet momentan beim Jugendamt der Stadt. Foto: Privat

Dauer unglücklich geworden wäre. Mir hätte einfach die Sicherheit gefehlt. Jetzt mache ich die Kunst lieber in meiner Freizeit, während ich einen sicheren Job habe.

Meine Eltern haben mir besonders als Mädchen schon früh mitgegeben, dass ich von keinem Mann abhängig sein und stattdessen auf einen guten Job hinarbeiten soll. Sicherheit war dabei von Anfang an ein wichtiger Punkt für mich. Juristen werden immer gebraucht und ich wollte keinen Job haben, bei dem ich mich mit vierzig nochmal umorientieren muss, weil zum Beispiel Maschinen den Job ersetzen. Außerdem ist es bei der Stadt eben noch sicherer, weil auch große Unternehmen in Schwierigkeiten kommen können, aber die Stadt eigentlich nicht.

In zehn Jahren arbeite ich hoffentlich immer noch bei der Stadt. Ich möchte einfach gut leben können und mir keine Gedanken machen müssen, ob ich mir den nächsten Urlaub leisten kann. Besonderen Luxus brauche ich nicht. Ich glaube, diese Einstellung haben mir meine Eltern vorgelebt.“


Eine Lebenseinstellung

In Westeuropa werden vor allem Planbarkeit und Sicherheit als zentrale Vorteile von finanziellem Wohlstand gesehen, sagt Silvia Breier. In den USA sei dies meist anders. Dort seien die Menschen risikofreudiger und Kredite sowie ein Scheitern im Beruf gehörten zu jedem Leben dazu. In Deutschland setzten die Menschen lieber auf Anlagen wie Immobilien, die langfristig Sicherheit bieten. Ob sich ein Mensch überhaupt bestimmte Ziele setzt, wie den Kauf einer Immobilie und diese dann auch erreicht, hängt laut der Autorin meist von der Frage ab: „Wie sehr kann ich mein Leben selbst gestalten? Also sehe ich mich als Spielball des Schicksals, dem ich hilflos ausgeliefert bin, oder sehe ich mein Leben als etwas, das ich selbst gestalten und beeinflussen kann?“


Luca, 29, Politischer Künstler aus Düsseldorf

Luca möchte mit seiner sozialen Plastik Pflanzen in den urbanen Raum bringen. Foto: Privat

„Ich bin nicht in reichen Verhältnissen aufgewachsen, aber meine Mutter hat trotzdem immer versucht, alles möglich zu machen. Außerdem hat mir mein Vater vermittelt, dass Statussymbole für uns nie wichtig waren. Nach dem Abi haben mir meine Eltern geraten, dass ich mich bei einer Werbeagentur bewerben soll. Relativ schnell haben sie dann aber gemerkt, dass ich unglücklich bin und mir zum Abbruch geraten. Daraufhin habe ich angefangen, an der Kunstakademie in Düsseldorf zu studieren. Denn im Grunde haben meine Eltern immer gesagt, dass ich das machen soll, wofür ich brenne und es dann schon klappen wird.

Ständiger Druck

„Als freischaffender Künstler habe ich kein Wochenende oder klare Arbeitszeiten. Das ist zwar stressig, aber auch ganz schön. Ein Problem ist natürlich, dass ich kein geregeltes Einkommen habe. Fixkosten habe ich aber trotzdem. Deshalb muss ich jeden Monat schauen, wo ich das Geld herbekomme. Momentan mache ich zum Beispiel Videos für Kunstgalerien. Zusätzlich unterstützen mich meine Eltern und meine Lebensgefährtin.

Dadurch habe ich mehr Freiheiten als meine Freunde, die einen klassischen Job haben, aber auch immer diesen finanziellen Druck, an den ich ständig denke. Das ist nicht schön, aber ich habe in der Zeit bei der Werbeagentur einfach gemerkt, dass es nicht anders geht. Wenn ich einen unkreativen Job habe, werde ich einfach unglücklich. Dafür bin ich einfach nicht gemacht. Ich will unbedingt, dass ich etwas mit meiner Arbeit bewege, deshalb habe ich mich dafür entschieden, soziale und politische Aktionskunst zu machen. Ebenso könnte ich auch nicht für irgendwelche fragwürdigen Marken arbeiten. Ich bin damit glücklich und das obwohl ich mir Gedanken um Geld machen muss.“


Keine gleichen Chancen

Eine bestimmte Einstellung zum Thema Geld zu haben, muss man sich laut Silvia Breier leisten können. „In Deutschland hat Geld heute eine andere Bedeutung als früher oder als in anderen ärmeren Ländern. Hierzulande sind wir in der Bedürfnispyramide schon sehr weit oben.“

Menschen, die in Armut aufwachsen, müssen erst einmal ihre Grundbedürfnisse befriedigen und selbst das kann sehr schwer sein. So können laut Breier selbst größte Anstrengungen durch äußere Faktoren zunichte gemacht werden, wenn „man zum Beispiel immer auf jüngere Geschwister aufpassen muss und deshalb nicht lernen kann oder keinen Platz an einer staatlichen Uni bekommt und sich die private nicht leisten kann“.

Solchen Situationen sind nicht nur viele Menschen im globalen Süden, sondern auch in Deutschland ausgesetzt. So waren 2020 mehr als ein Viertel der Deutschen im Alter zwischen 18 und 25 Jahren von Armut gefährdet. Wer in solch prekären Verhältnissen aufwächst und keinen finanziellen Spielraum besitzt, hat demnach zwingend eine deutlich andere Sicht auf Wohlstand als zum Beispiel die Personen, die in diesem Beitrag zu Wort kommen.

Foto: PublicDomainPictures/pixabay

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