Hautkrebs: Warum Bräune nicht alles sein sollte

Das bekommen doch nur alte Menschen, oder? Julia ist 25, als bei ihr Hautkrebs entdeckt wird. Wie viele hat sie sich vor der Diagnose wenig mit dem Thema beschäftigt. Heute würde sie die Insta-Bräune immer gegen den Sonnenmilch-Film tauschen.

Weißbrote gibt es nicht nur beim Bäcker, sondern manchmal auch am Strand. Zumindest laut Julia Sperlings Freunden, die sie dort früher mit “Achtung, Weißbrotalarm!” ankündigten. Für die 26-Jährige war das nicht immer einfach. “Klar bin ich neidisch, wenn ich meine Mädels sehe und die immer die perfekte Bräune haben.“ Julia selbst hat eher hellere Haut und kommt ursprünglich aus Wolfsburg. Inzwischen wohnt sie in Essen und studiert E-Commerce.

Vergangenen Dezember entdeckt die Studentin dann ein neues Muttermal. Nach dem Besuch bei ihrer Ärztin ist klar: Das ist Krebs. “Da ist erstmal eine kleine Welt zusammengebrochen”, sagt sie. Wenig später wurde das so unscheinbar aussehende Mal entfernt. Aber damit ist das Thema noch nicht durch. Noch zehn Jahre ist Julia in der Krebsnachsorge. Sie muss alle drei bis sechs Monate zur Kontrolle und hofft, dass es keine neuen Befunde gibt. “Wobei jetzt auch schon wieder Muttermale da sind, die beobachtet werden. Es ist eine ‘never ending story’“.

Jung, schön und braungebrannt

Auf Instagram erzählt Julia von ihren eigenen Erfahrungen mit der Diagnose und teilt Informationen zum Thema Hautkrebs. Ihr Ziel: Darauf aufmerksam machen, dass es jede*n treffen kann. Auch junge Leute. Diese haben nämlich laut einer Studie der Universität Neapel andere Prioritäten als Hautschutz. Die 764 befragten Personen zwischen 16 und 21 Jahren waren sich zwar zum Teil der Risiken von UV-Strahlung bewusst, aber gegen die Sonne schützen sie sich trotzdem nicht konsequent. Andere Aspekte, wie das Ideal eines gebräunten Körpers, waren entscheidender für die Teilnehmenden. Ähnliche Ergebnisse hatten Studien aus den USA und dem Vereinigten Königreich.

 

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Auch Julia versuchte lange, dieses Schönheitsideal zu erreichen. Sie sonnte sich oft, um brauner zu werden. Sonnencreme? Optional. Sogar ins Solarium ist Julia manchmal gegangen, erzählt sie. Der Gedanke dabei: „Erst wird es rot, dann braun: Ziel erreicht!“. Für sie ist das inzwischen nicht mehr nachvollziehbar. Dabei hatte Julia hat noch Glück, bei ihr wurde “nur” eine frühe Stufe des schwarzen Hautkrebs gefunden. 

Weißer vs. Schwarzer Hautkrebs

Je nachdem, welche Hautzellen mutieren, können sich zwei verschiedene Formen von Krebs bilden: der weiße oder der schwarze. Der weiße Hautkrebs ist die häufigere Form. Er kann aus zwei unterschiedlichen Mutationen hervorgehen, entweder in den Basalzellen, die in den tieferen Hautschichten liegen, oder im Plattenepithel, einer Zellschicht der Haut. Bei beiden Mutationen wächst der Krebs allerdings relativ langsam und bildet nur selten Metastasen. 

Gefährlicher ist der schwarze Hautkrebs, auch malignes Melanom genannt. Er entsteht bei Mutationen in den pigmentbildenden Zellen der Haut, den Melanozyten. Wird der Krebs nicht früh erkannt und entfernt, kann er über das Lymphsystem an andere Körperstellen gelangen, wo er Metastasen bilden kann. 

Das Krebs-Konto

white clouds and blue sky during daytime
Besonders Sonnenbrände in der Kindheit erhöhen das Krebsrisiko. Foto: Ryan Kwok/Unsplash

Und woher kommt der Hautkrebs? “Der Hauptrisikofaktor ist die Sonne”, sagt Celine Nick. Sie ist Assistenzärztin an der universitären Hautklinik in Bochum. Genauer gesagt gehe es um die UVA- und UVB-Strahlen. Besonders die energieärmeren UVA-Strahlen seien gefährlich, denn sie könnten bis tief in die Haut eindringen. Oft entstehe der Krebs dann im Gesicht, dem Oberkörper oder auch den Beinen, eben da wo im Sommer die Kleidung wegfällt und die Strahlung die Haut trifft. 

Eine genetische Komponente spiele ebenfalls eine Rolle bei der Krebsbildung, sagt die Ärztin. So könne sich Krebs auch an Stellen mit nur wenig Sonneneinstrahlung  wie zum Beispiel an den Füßen bilden. Welche Gene genau dafür verantwortlich sind, sei aber noch nicht geklärt

“Es gibt eine Art UV-Konto, das sich im Leben auffüllt”, sagt Nick. Häufige Sonnenbrände füllen dieses Konto. Viele Muttermale oder familiäre Krebsfälle erhöhen das Risiko einer Erkrankung ebenfalls. Ein volles Konto heiße nicht gleich, dass jemand auf jeden Fall Krebs bekomme, aber die Wahrscheinlichkeit steige. 

Krebs zweiter Klasse

Personen zwischen 18 und 25 kämen allerdings nur selten zur Vorsorge, sagt Nick. Sie vermutet, das sei für sie noch kein Thema. “Das Bewusstsein für Hautkrebs ist in der Gesellschaft noch nicht angekommen”, sagt sie. Die Haut sei direkt sichtbar und bei weißem Hautkrebs oder der Vorstufe eines malignen Melanoms bestehe nach der Entfernung bessere Überlebenschancen. Die Untersuchung und Behandlung seien unkomplizierter als zum Beispiel bei  Leber- oder Darmkrebs. 

Das könne dazu führen, dass Hautkrebs als weniger gefährlich wahrgenommen wird, sagt Nick. Das hat auch Julia nach ihrer Diagnose gemerkt. Sie habe sich Kommentare wie “Ach, mir wurde auch mal ein Muttermal entfernt, das ist gar nicht so schlimm” oder “Ist doch rausgeschnitten, mach dir nicht so viele Gedanken” anhören müssen. Sowas ist in dem Moment aber wenig hilfreich. “Ich bin total sauer geworden. Irgendwann konnte ich mich wirklich nicht mehr mit Menschen darüber unterhalten, weil ich mich so missverstanden gefühlt habe”, erinnert sie sich. Erst online fand Julia andere Krebspatient*innen, die ihre Ängste und Sorgen verstehen. 

Und die Krankenkassen?

Ein weiteres Problem: Das Hautkrebs-Screening muss von Krankenkassen erst ab 35 Jahren gezahlt werden. Ab dann ist eine Untersuchung alle zwei Jahre möglich. Einige Krankenkassen übernehmen die Kosten aber auch schon teilweise ab 15 Jahren. Ab welchem Alter die Kosten gedeckt werden, steht meistens auf den Internetseite der Kassen. 

Manche Krankenkassen geben besondere Anreize für Vorsorgeuntersuchung für jüngere Personen. Bei Bonusprogrammen können etwa durch ein Screening Punkte gesammelt werden. Diese lassen sich dann zum Beispiel für Sportausrüstung oder Akupunktur einlösen. 

Wenn es nach Julia ginge, sollten alle Krankenkasse das Screening bereits eher zahlen: ab einem Alter von 20 Jahren oder vielleicht sogar schon mit 15. “Dadurch, dass ich jetzt viel mehr in diesem Thema drin bin, kriege ich mit, wie viel junge Menschen davon tatsächlich betroffen sind”, sagt sie. Bei Frauen zwischen 20 und 29 Jahren ist laut dem Zentrum für Krebsregisterdaten das maligne Melanom sogar die häufigste Krebsform. Bei Männern in dem Alter liegt es auf Platz zwei.

Zuhause können Muttermale mit der ABCDE-Regel untersucht werden. Foto: Pelayo Arbués/Unsplash

Einmal freimachen, bitte

Laut Celine Nick beginnt eine Hautuntersuchung erst einmal mit einem Gespräch. Gibt es Hautkrebs-Fälle in der Familie? Ist einem selbst etwas aufgefallen? Wurden bereits Muttermale entfernt? Anschließend wird der Körper mit einer speziellen Lupe, dem Dermatoskop, auf Abnormalitäten untersucht. So eine Untersuchung können auch geschulte Hausärzt*innen machen.

Bei einem Krebsverdacht wird das Muttermal genauer betrachtet. Zellen werden entnommen und kontrolliert, oder das Muttermal wird gleich entfernt. Das führt aber oft zu Narben. Bei Verdacht auf weißen Hautkrebs nutzen Ärzt*innen deswegen teilweise eine spezielle Technik, um in die Haut “hineinzuschauen”. Dafür setzen sie die optische Kohärenztomographie, kurz OCT, ein. Für schwarzen Hautkrebs gibt es allerdings bisher nicht die Möglichkeit, diese Technik zu nutzen.

Einem selbst fallen Veränderungen am eigenen Körper aber immer eher auf als Ärzt*innen. Deswegen ist es wichtig auch selber aufmerksam zu sein. Celine Nick empfiehlt da die ABCDE-Regeln. Muttermale sollten nach Asymmetrie, Begrenzung, Farbe (Colour), Durchmesser und Erhabenheit untersucht werden. “Es ist auch wirklich wichtig, dass nicht nur geguckt, sondern auch mit den Fingern ertastet wird – ist das Gewebe hart oder weich”, sagt die Ärztin. Ist ein Muttermal auffällig, also erfüllt es diese Kriterien, ist neu oder scheint größer zu werden, sollte dieses von Fachpersonen untersucht werden.

Vorsorge statt Nachsorge

Aber was tun, damit es gar nicht so weit kommt? Hautärztin Nick sagt: Regel Nummer eins sei, eine gute Sonnencreme zu finden und auch genug zu benutzen. Also: Lichtschutzfaktor 50+, UVA- und UVB-Schutz. Ein Logo auf der Verpackung zeigt, ob der UV-Schutz gegeben ist. Besonders bei Produkten mit Bräunungseffekt sollte darauf geachtet werden. Am einfachsten sei es, in die Apotheke zu gehen, sagt die Ärztin. Dabei komme es nicht auf die Marke an. Entscheidend sei eher der Hauttyp. Bei fettiger Haut seien Fluide oder Gele besser, bei trockener Haut Salben oder Öle. 

Außerdem sollte die Mittagssonne gemieden werden. Denn ihre Strahlung ist besonders intensiv. Generell ist es am besten, nicht zu lange am Stück in der Sonne sitzen. Verschiedene Hauttypen sind zwar für Sonnenbrände unterschiedlich anfällig, doch auch gebräunte Haut hat maximal einen Lichtschutzfaktor von 3 oder 4. Das reicht nicht. 

Laut Nick gibt es auch andere Gründe, auf die Haut zu achten: “Wenn man regelmäßig Lichtschutz benutzt, sei es an den Handrücken, dem Gesicht oder Dekolletee, bekommt man im Alter auch weniger Falten und Pigmentflecken”. Wer sich also jetzt für Bräune entscheidet, muss später eher mit einem unreinen Hautbild rechnen. 

Julia achtet seit ihrer Diagnose sehr auf Hautschutz. “Definitiv setzte ich mich nicht mehr uneingecremt in die Sonne, sowohl im Sommer als auch im Winter”, sagt sie. Schlussendlich gilt dann doch eher: Lieber Weißbrot als Insta-Model.

 

Titel- und Beitragsbild: Chermiti Mohamed/Unspalsh

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