Sag mal Prof: Warum tratschen wir?

Regelmäßig fragen wir hier die, die uns im Hörsaal die Welt erklären: unsere Professor*innen und Doktorand*innen. Können sie uns wohl auch alltägliche Fragen beantworten? Sag mal Prof, warum tratschen wir? Dieses mal antwortet Prof. Dr. Benjamin Lange, Professor für Psychologie an der IU Internationale Hochschule in Berlin.

Es gilt als wahrscheinlich, dass mit der Entstehung der Sprache auch die menschliche Neigung zum Tratschen geboren war. Ob über die Verfehlungen unser Nachbar*innen oder den Beziehungsstatus von BVB-Spieler Mats Hummels und Ehefrau Cathy. Psychologe Benjamin Lange erklärt, warum die Menschen tratschen und wieso das für die Gemeinschaft durchaus nützlich sein kann.

Getratscht wird in allen Kulturen auf der Erde. Somit liegt der Schluss nahe, dass der Drang, Informationen über andere auszutauschen, angeboren ist und gewissermaßen zu unserer biologischen Grundausstattung gehört. Klatsch und Tratsch gibt es bereits, solange der Mensch als soziales und sprachbegabtes Individuum existiert. Also grob seit 200.000 Jahren –  seit wir in relativ großen sozialen Gefügen leben.

In solchen Gebilden gibt es sowohl Regeln, die wir einhalten müssen, als auch soziale Beziehungen, die es zu pflegen gilt. Unser Zusammenleben besteht aus einem permanenten Austausch von Informationen untereinander, denn als soziale Wesen sind wir auf der Suche nach Gleichgesinnten. Die Formel dahinter lautet: Was gebe ich und was bekomme ich im Gegenzug? Indem wir tratschen, gelangen wir an relevantes Wissen über unsere potenziellen Gefährt*innen, das uns hilft, das Gegenüber einzuschätzen. Durch Tratsch erkennen wir, ob die möglichen Sozialpartner*innen verlässlich sind. Auf dieser Grundlage können wir Bindungen eingehen. Tratsch wirkt daher als sozialer Kitt, der unsere Gesellschaft zusammenhält. Extreme Ausprägungen wie Verleumdung und üble Nachrede zerstören allerdings soziale Gefüge nachhaltig.

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Prof. Dr. Benjamin Lange lehrt Psychologie an der IU Internationale Hochschule in Berlin. Foto: www.benjaminplange.de

Wir können unterscheiden zwischen dem Tratsch über Personen aus dem näheren Bekanntenkreis und dem über Prominente. Vor allem in der Intensität weichen diese beiden Formen des Tratsches voneinander ab. Tatsächlich sprechen wir viel mehr über Prominente, denn je höher der soziale Status einer Person, desto relevanter ist es für uns, was diese Person macht. Das liegt auch an der parasozialen Beziehung, die wir unterbewusst zu prominenten Personen eingehen. Da diese Menschen permanent auf den Bildschirmen zu sehen sind, wähnen wir uns ihnen nah und haben das Gefühl, wir würden die Prominenten gut kennen. 

Obwohl uns Tratsch ständig umgibt, wird diese Unterhaltungsform auch als charakterlicher Makel wahrgenommen. Wir verwenden negativ behaftete Begriffe für Personen, die besonders häufig Neuigkeiten über Mitmenschen verbreiten. Unser Verhältnis zu „Tratschmäulern“ ist zwiegespalten. Zwar macht sich eine Person, die tratscht, selbst attraktiver, da sie über Informationen verfügt, die jemand anderes nicht hat. Dennoch begleitet uns die Angst, diesen Personen Vertrauliches zu erzählen, weil wir wissen, dass unsere Geheimnisse nicht sicher sind. Dabei balancieren wir auf einem schmalen Grat, denn einerseits umgeben wir uns gerne mit Leuten, die ständig soziale Informationen parat haben. Andererseits wollen wir selbst nicht zum Gegenstand des Tratsches werden.

Wer sich selbst von dieser kollektiven Marotte befreien möchte, sollte die Motivation entwickeln, künftig als verlässlicher, vertrauenswürdiger und integrer Mensch wahrgenommen zu werden. Auch mit solchen Personen umgeben wir uns gerne. Weniger zu tratschen, kann sich allerdings schwierig gestalten. Es ist anzunehmen, dass beim Tratschen nahezu alle Areale im Gehirn angesprochen werden, die mit Lust und Belohnung verknüpft sind. Wenn etwas für das Gehirn dermaßen belohnend ist, fällt es schwer, sich diese Eigenheit abzugewöhnen.

 

Beitragsbild: mohamed_hassan via Pixabay 

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