Zum Tag der Roma: „Die Identität als Rom*nja wird einem oft aberkannt“

Der „Internationale Tag der Roma“ soll auf Diskriminierung und Verfolgung der Rom*nja aufmerksam machen. Gleichzeitig stiftet er Identität. Ajriz Bekirovski, Bundesvorsitzende einer Jugendgruppierung, erzählt aus der Perspektive junger Rom*nja. Klar wird: Verfolgung und Diskriminierung gegen Rom*nja in Europa sind ein aktuelles Thema.

Ajriz Bekirovsk

Ajriz Bekirovski ist auf dem Weg nach Berlin. Dort sind das gesamte Wochenende Seminare und Podiumsdiskussionen der Rom*nja-Bürgerrechtsbewegung. Er ist der Bundesvorsitzenden des Vereins Amaro Drom. Am Telefon erzählt er, dass die Jugendorganisation besonders daran arbeitet, Vorurteile gegenüber Rom*nja abzubauen.

 

Er hat die Erfahrung gemacht, dass Diskriminierung gegen Rom*nja schon in der Kita und Grundschule anfangen, schon hier beginne die Ausgrenzung. „Die Identität als Rom*nja wird einem aberkannt: Es wird das Z-Wort benutzt. Junge Rom*nja trauen sich deshalb oft nicht, sich als Rom*nja erkennen zu geben, es gibt zu viel Angst vor Diskriminierung.“

„Die Identität als Rom*nja wird einem aberkannt: Es wird das Z-Wort benutzt“

Am 08.04. findet jährlich der „Internationale Tag der Roma“ statt, so auch an diesem Freitag. Es ist der Jahrestag des in London gegründeten Roma-Kongresses, dieser tagte erstmals 1971 und hatte die Ziele, Gleichberechtigung und Gerechtigkeit für Rom*nja zu verbessern.

Auch in NRW finden Veranstaltungen statt: In Köln wird am Rathausplatz die Flagge der Roma gehisst und es gibt am Samstag ein Kulturfest der Rom*nja. Mehr Infos findet ihr auf der Seite des Rom e.V.

Ziel des „Internationalen Tags der Roma“, auch „Romaday“ genannt, ist es, sich gegen Diskriminierung und Antiziganismus einzusetzen. Es wird an den Porajmos, den Völkermord an den Sinti*zze und Rom*nja im Nationalsozialismus erinnert.

Identitätsbildung und Gemeinschaft der Rom*nja

Auch für Ajriz Bekirovski, Vorsitzender des Vereins Amaro Drom, ist die Erinnerung an den Völkermord wichtiger Bestandteil des Romaday: „Es geht aber auch um Anerkennung als Minderheit und Gruppierung. Auf dem Londoner Roma-Kongress wurden die Flagge und offizielle Sprache festgelegt.“

Der Amaro Drom e.V.
Der Amaro Drom e.V. setzt sich als interkulturelle Jugendselbstorganisation junger Rom*nja und Nicht-Romn*nja für die politische Beteiligung und Empowerment der Rom*nja ein.

Die Rom*nja haben auf dem Roma Kongress eine Einigung zur gemeinsamen Identität gefunden, dazu gehört die Selbstbezeichnung „Roma“ und die festgelegte Nationalhymne „Djelem Djelem“.

Übersetzung eines Auszug aus der Nationalhymne der Roma:

Ich hatte einmal eine große Familie

Die Schwarze Legion ermordete sie

Kommt mit mir Roma aus der ganzen Welt

Für die Roma die Straßen geöffnet haben

Jetzt ist die Zeit, steht auf Roma, jetzt

Wir steigen hoch, wenn wir handeln

 

Die Nationalhymne der Rom*nja erzählt von der Verfolgung der Rom*nja. Auch heute sind Verfolgung und Diskriminierung dieser Bevölkerungsgruppe vieler europäischer Länder keine Seltenheit. Besonders wichtig seien laut Ajriz Identitätsbildung und Multiplikatoren. Dabei spielen auch Aktionstage, wie der Romaday eine Rolle. Neben dem Aktionstag gibt es regelmäßige bundesweite Jugendtreffen mit über 100 Teilnehmer*innen. Es werden Workshops angeboten, Vorurteile abgebaut, Netzwerke gebildet und Antiziganismus entgegengetreten.

Verbrechen in der NS-Zeit und Verleumdung in der Nachkriegszeit

Die Vorurteile gegen Rom*nja sind historisch gewachsen. Und haben in der Vergangenheit zu der Vernichtung und Verfolgung geführt, erklärt Ajriz: „Damals gab es Untersuchungen durch das NS-Regime, die behaupteten, dass Rom*nja nicht lern- oder anpassungsfähig seien. Auch heute wird behauptet, dass Rom*nja nur musizieren und tanzen können. Es geht sogar so weit, dass man sagt, sie seien Diebe und Betrüger.“

„Auch heute wird behauptet, dass Rom*nja nur musizieren und tanzen können. Es geht sogar so weit, dass man sagt, sie seien Diebe und Betrüger.“

Das führe dazu, das Rom*nja Probleme bei der Job- und Wohnungssuche haben. Ajriz erzählt: „Es kann sein, dass man sich bei einem Vermieter meldet, einen Besichtigungstermin bekommt man. Ist man dann vor Ort, heißt es plötzlich, die Wohnung sei längst vermietet, weil der Vermieter sieht, dass man Rom*nja ist und dieser Vorurteile hat.“

Auch die Verfolgung sei kein Thema der Vergangenheit, so Ajriz Bekirovski: „Es hat Jahre lang gedauert, bis Deutschland den Völkermord anerkannt hat.“ Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier äußerte sich am Donnerstag (07.04.) anlässlich des 40. Jahrestags der Gründung des Zentralrats der Sinti und Roma dazu: „Auch für dieses zweite Leid, das den Sinti und Roma in der Nachkriegszeit angetan wurde, will ich heute im Namen unseres Landes um Vergebung bitten.“

Bestehende Diskriminierung in der EU

In vielen europäischen Ländern gäbe es dennoch heute Verfolgung und Ghettoisierung der dort ansässigen Rom*nja: „Besonders durch Corona hat sich die Lage für die Rom*nja in beispielsweise Ungarn und Tschechien verschlechtert. Viele haben keinen Zugang zu fließendem Wasser oder Strom“, erklärt Ajriz Bekirovski. An eine vollständige Integration sei gar nicht zu denken, solange das Existenzminimum nicht gesichert ist.

Europaweit steht es schlecht um die Integration der Rom*nja: Auch im aktuellen Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine haben die etwa 400.000 in der Ukraine lebenden Rom*nja massive Probleme bei der Flucht, so Jasna Causevic von der Gesellschaft für bedrohte Völker. Rund 20 Prozent von ihnen hätten keine offiziellen Dokument und würden von Busunternehmen und an den Grenzen abgewiesen werden.

Beitragsbild: Pixabay/mikael_good

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