Rassismusmonitor: Fast 50 Prozent glauben an menschliche „Rassen“

 

Rassismus und Diskriminierung sind Themen mit einer gewaltigen gesellschaftlichen Sprengkraft. Daher hat das Bundesfamilienministerium heute zum ersten Mal Ergebnisse einer repräsentativen Umfrage zu diesem Thema veröffentlicht. Der Monitor soll ab jetzt jedes Jahr veröffentlicht werden und aufzeigen, wie sich die Haltung in der Bevölkerung entwickelt. 

Er ist überall und jederzeit da, ob bei der Wohnungssuche oder im Alltag: Rassismus. Meist erfährt die Öffentlichkeit nur von den Vorfällen, bei denen es nicht bei verbaler Diskriminierung und Stigmatisierung bleibt. Die Betroffenen wenden sich dann häufig an Beratungsstellen. Denn auch nach einem Angriff sehen sich Betroffene mit rassistischen Strukturen konfrontiert. Heike Kleffner vom Verband der Beratungsstellen für Betroffene rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt (VBRG) erklärt, dass die Betroffenen oft erleben, „dass Rassismus nicht als Tatmotiv anerkannt oder verharmlost wird. Teilweise wird ihnen sogar eine Mitverantwortung zugeschrieben.“ Hier sehe man, „dass Deutschland meilenweit zurückhinkt, bei der Auseinandersetzung mit Rassismus als Macht- und Dominanzverhältnis.“

Was ist Rassismus?

Rassismus beschreibt eine Ideologie, welche Menschen biologischen „Rassen“ mit genetisch vererbbaren Eigenschaften zuordnet und die so verstandenen „Rassen“ hierarchisch einstuft. Heutzutage wird es meist als eine Art der Diskriminierung verstanden.

Das Konzept entspringt der Epoche des europäischen Kolonialismus und Imperialismus bis nach dem Zweiten Weltkrieg. Diese pseudo-biologische Ideologie diente der Rechtfertigung des Kolonialismus, der Sklaverei, der Verbrechen der Nazis oder von Apartheidregimes. Auch heute gibt es noch Anhänger dieser Ideologie, obwohl die Nichtexistenz von menschlichen „Rassen“ wissenschaftlich bewiesen ist.

Großes Problembewusstsein

Schwarze, Muslim*innen, Asiat*innen, Sinti*zze und Rom*nja, Jüd*innen und osteuropäische Menschen. Um diese Bevölkerungsgruppen geht es im neuen Diskriminierungs- und Rassismusmonitor besonders. Von ihnen gaben rund 60 Prozent an, schon einmal Rassismus ausgesetzt gewesen zu sein. Zusammen mit den Direktor*innen des Deutschen Zentrums für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM) stellte Bundesfamilienministerin Lisa Paus (Grüne) die neue Studie bei einer Pressekonferenz am Donnerstagmorgen (05.05.2022) vor. Rassismus gäbe es überall und „er ist mitten unter uns, ob wir wollen oder nicht“, attestierte die Ministerin gleich zu Beginn ihres Statements. Auch knapp 90 Prozent der Befragten erkennen Rassismus in Deutschland an, was selbst die Direktorin des DeZIM Prof. Naika Forotua überraschte.

Dieses allgemeine Problembewusstsein bedeute aber nicht, „dass man sich dann auch antirassistisch verhält“, ergänzte Forotua. Denn laut ihrem Kollegen Prof. Frank Kalter gehen „die Menschen in Deutschland mit dem Thema sehr unterschiedlich um. Ein Teil wehrt eine kritische Auseinandersetzung mit verschieden Argumentationen und Mechanismen ab.“ Ihre Daten würden zeigen, dass hier besonders die alters- und bildungsmäßige Mitte der Bevölkerung hervorsteche. Aber auch „höhere Bildung ist nicht gleichbedeutend mit rassistischkritischer Bildung“, wie Prof. Nikia Forotua anschließt.

Rassistisches Gedankengut

An vielen Stellen scheinen die Ergebnisse geradezu paradox: Einerseits glauben 65 Prozent der Befragten, dass es Rassismus in deutschen Behörden gibt, andererseits teilt jeder zweite die Annahme, man könne Menschen in „Rassen“ einteilen. Hier sieht Heike Kleffner vom VBRG vor allem Defizite im Bildungssystem: „Es wäre die Aufgabe aller Bildungseinrichtungen, endlich mit dem Mythos von der vermeintlichen Existenz von Rassen aufzuräumen.“ Laut ihr wäre der beste Weg, „die Perspektive von Angegriffenen und Verletzten in den Mittelpunkt zu rücken und so alle gesellschaftlichen Diskurse zu verändern.“

Um der Problematik auch politisch nachzukommen, brauche es für Lisa Paus eine klar Problemanalyse und Antworten aus der Wissenschaft. Hierfür soll ein solcher Bericht nun jedes Jahr erscheinen. Ebenso verwies sie auf den Koalitionsvertrag, in dem vereinbart wurde, „die Arbeit gegen Rassismus und Rechtsextremismus nachhaltig finanziell zu stärken.“ In Zahlen drückt sich dies durch ein 165 Millionen Euro starkes Demokratieförderprogramm aus. Mit dem Bundesprogramm „Demokratie leben“ werden bundesweit mehr als 600 Projekte und Initiativen gefördert, von denen sich viele gegen Rassismus engagieren oder Betroffenen Unterstützung bieten.

Lösungsansätze auf allen Ebenen

Auch in Dortmund gibt es „Demokratie Leben“-Projekte. Eines dieser Projekte soll vor allem jungen Erwachsenen Wege aus dem Rechtsextremismus und der Gewalt aufzeigen. Dafür erarbeitet das Team von „U-Turn“ Konzepte, um eine Radikalisierung junger Menschen zu verhindern. Im zweiten Schritt werden die sich Radikalisierenden sowie Aussteiger beraten und betreut. Alleine dieses Projekt wird mit jährlich 200.000 Euro von der Bundesregierung gefördert.

Aber nicht nur Projekte vor Ort sollen das Problem in den Griff bekommen: Auch in der Bundesregierung gibt es seit einigen Monaten eine Antirassismus-Beauftragte, Reem Alabali-Radovan. Sie sagte während der Pressekonferenz, dass Rassismus in Deutschland jahrzehntelang „verschwiegen oder gar bestritten wurde, das wirkt bis heute nach.“ Sie versprach die Strukturen anzupacken, „die im Alltag rassistisch diskriminieren – in den Behörden, bei der Polizei, am Arbeits- oder Wohnungsmarkt.“ 

Beitragsbild: Pixabay

Ein Beitrag von
Mehr von Richard Luttke
Neue Sanktionen: EU für Ölembargo gegen Russland
Die EU-Kommission hat ein Importverbot für russisches Öl vorgeschlagen. Als erstes soll...
Mehr
Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.