Depressionen in den Medien – jede*r verdient, gehört zu werden.

Triggerwarnung: Dieser Beitrag thematisiert Depressionen und Suizid.

Die Zahl der Menschen mit Depressionen liegt in Deutschland in Millionenhöhe – laut Deutscher Depressionshilfe bei über 5,3 Millionen Menschen. Und obwohl die sogenannte Volkskrankheit so weit verbreitet ist, ist die Berichterstattung und Aufklärung rar. Geht nun ein Suizid durch die Medien, von dem geglaubt wird, er sei durch Depressionen verursacht, ist der Aufschrei plötzlich groß: Betont wird, wie wichtig es doch sei, über die Erkrankung zu sprechen, das Ganze zu thematisieren und zu enttabuisieren. Präventiv zu handeln. Das ist es auch. Mehr als wichtig sogar. Nur gemacht wird es selten – und das ist ein Problem. Ein Kommentar.

Seit Anfang 2020 ist Corona bereits ein Thema hier bei uns in Deutschland – damit verbunden auch die Lockdowns, die folgten. Das sorgte auch dafür, dass Depressionen und andere psychische Krankheiten temporär einen Platz in der deutschen Medienlandschaft fanden: Vor allem über die Verbindung von Lockdowns und Isolation und steigenden Zahlen psychischer Erkrankungen wurde berichtet. Das aber besonders zu Beginn der Pandemie, mittlerweile noch vereinzelt meist im digitalen Bereich.

YouTube-Kanäle, etwa solche, die sich gerade an junge Menschen richten, bringen vereinzelt Reportagen über die Krankheit. Aus dem Internet heraus schafft es Berichterstattung über Depressionen nur selten. Dabei besteht aber gerade im linearen Fernsehen besonders großes Potenzial, viele Menschen zu erreichen, wie etwa die ARD/ZDF-Langzeitstudie Massenkommunikation aus dem Jahr 2021 zeigt: In Nutzungsdauer und Tagesreichweite liegt das Fernsehen in der gesamten deutschen Bevölkerung auf Platz eins. Genau das zeigt, wie gut sich also das Fernsehen dazu eignen würde, über das Thema aufzuklären. Auch würden so viele Betroffene erreicht – die sich dann gehört und gesehen fühlen könnten. Das wäre ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung: Das Tabu zu brechen, das die Krankheit auch heute schlimmer Weise noch umgibt.

„Experiment Psyche“ – gute Intention, falscher Fokus

Probiert hat genau das vor ein paar Tagen Jenke von Wilmsdorff: Am 3. Mai erschien eines seiner Experimente auf ProSieben, das den Titel „Experiment Psyche: Wie depressiv ist Deutschland?“ trug und von einer Talk-Runde gefolgt war. Dafür gab es ordentlich Kritik – auch ich hatte zugegebenermaßen Bauchschmerzen, als ich gelesen und später dann gesehen habe, dass hier gewollt mit der menschlichen Psyche experimentiert wurde. Die Psyche ist nichts, mit dem man experimentieren sollte. Ich finde, hier wurde ein vollkommen falscher Fokus gewählt, denn die grundsätzliche Idee, Depressionen zu thematisieren, ist natürlich zunächst sehr wichtig. Dabei hätte er jedoch sich selbst in den Hintergrund stellen und viel mehr den Betroffenen das Wort überlassen sollen – die bekamen unterm Strich nämlich nur einen winzigen Bruchteil der Sendezeit.

Vollkommen schlecht war die Idee der Sendung zwar nicht – schließlich schaffte es Jenke, Aufmerksamkeit auf das Thema zu lenken – und das sogar zur Primetime auf einem TV-Sender mit großer Reichweite! Nur der Fokus wurde eben falsch gelegt – das Potenzial hier also leider nicht genutzt. 

Depressionen als Schlagzeile

Wenn Depressionen es sonst in das lineare Fernsehen schaffen, dann meist, wenn ein Promi sich dazu entscheidet, über seine oder ihre Krankheit zu sprechen. Einige gehen ganz offen mit ihrer Krankheit um, haben sich den Medien geöffnet und den Depressionen so einen gewissen Weg in die Mitte unserer Gesellschaft geebnet – dazu zählen etwa Cathy Hummels, Alexander Bojcan aka. Kurt Krömer, Torsten Sträter oder Sarah Connor.

Dass das so ist, finde ich wahnsinnig wichtig und richtig – schließlich haben Promis ein riesiges Potenzial, Aufmerksamkeit auf ein solches Thema zu lenken und so einen öffentlichen Diskurs ins Rollen zu bringen. Aber sollten nicht auch nicht-prominente Menschen die gleiche Chance haben, sich über ihre Krankheit öffentlich zu äußern? Würde das die Aufklärung über das Thema nicht meilenweit voranbringen, einfach, weil gerade so die Berichterstattung enttabuisiert wird und jeder Mensch das Gefühl bekommt, gehört zu werden? Weil Depressionen dann nicht mehr zu einer Schlagzeile, sondern zu einem ganz normalen Gesprächsthema werden? Ich finde schon.

Bildquelle: www.tag24.de, Screenshot aufgenommen am 01.05.22, 12:43 Uhr

Beispiele, wie das der Website von TAG24, einem deutschen Boulevardportal, zeigen meiner Meinung nach das eigentliche Problem ganz wunderbar. „Hey, eigentlich sind Depressionen und Suizid ein Tabu, aber wenn es um Promis geht, dann passt das ja wiederum voll in unser Schema!“ Natürlich ist keine Redaktion der Welt dazu verpflichtet, Depressionen und mentale Gesundheit in ihr Themenrepertoire aufzunehmen – worüber berichtet wird, ist letztendlich eine Entscheidung, die Redaktionen und Medien für sich selbst treffen müssen. Aussagen wie hier senden aber vielleicht ungewollt ein Signal an die Bevölkerung und unterstreichen die Tabuisierung noch einmal.

Depressionen sind nämlich so viel mehr als nur eine Schlagzeile, die oft geklickt wird. Es stecken Menschen dahinter, die leiden. So etwa Kurt Krömer, der seine Depressionen im Frühjahr 2021 publik machte. Erneut: Dass er das getan hat, finde ich großartig und wichtig. Doch die Medien haben sich auf dieses „Promi-Outing“ gestürzt, eine Schlagzeile nach der nächsten geschrieben – und das war‘s dann nach einer Zeit auch wieder.

So sollte es aber nicht sein. Depressionen dürfen nicht nur dann zum Thema in unserer Gesellschaft werden, wenn ein Prominenter daran erkrankt ist. Sondern immer und unabhängig vom Bekanntheitsgrad der Betroffenen. Eine Herangehensweise, die die Aufarbeitung des Themas durch prominente Vertreter wunderbar ergänzen und neben ihr existieren könnte. Das würde ich mir wünschen – natürlich nicht ausschließlich im Fernsehen, aber eben gerade dort. Denn präventiv über die Themen zu sprechen, aufzuklären und Kommunikation anzuregen – das macht einen Unterschied. Das ist ja auch nichts Neues – man muss es dann nur auch machen.

Beitragsbild: Leslie Jil Stracke

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