Dortmunder Hafen: Quartier für alle, oder wird hier nur gentrifiziert?

Die Stadt Dortmund will das Hafenquartier in der Nordstadt umgestalten. Es soll ein neuer Digitalcampus mit modernen Bürogebäuden und Fußgängerzonen entstehen. Viele Bewohner*innen haben allerdings Sorge, dass sie bei den Entwicklungen zurückgelassen werden. Zurecht?

Fast alle Kund*innen, die in Rojdans Kiosk kommen, kennt er persönlich. Er redet mit ihnen über ihr Wochenende und stellt Fragen, die übers typische „alles gut?“ hinausgehen. Teilweise ziehen sich die Gespräche über Minuten. Kein Wunder: Rojdan wohnt seit seiner Kindheit im Hafenquartier.

Als Kind sei er hier immer um die Häuser gezogen, erzählt er. Dabei habe er bei einem bestimmten Kiosk Süßigkeiten gekauft. Als Erwachsener entschied er sich dann, genau diesen Kiosk zu übernehmen.

Erste Veränderungen am Hafen

Weil er schon so lange am Hafen wohnt, hat er mitbekommen, dass sich im Viertel etwas ändert. In seiner Jugend sei es hier nachbarschaftlicher gewesen. Laut Rojdan kannte man sich untereinander, und auf der Straße grüßten sich die Leute. Heute sei das anders.

„Vor sechs bis sieben Jahren, als die Strandbar entstanden ist: Da haben wir langsam etwas gespürt, dann ging es los mit den Projekten und wir haben gedacht: Der Hafen ist jetzt vorbei, das ist jetzt Geschichte,“ erzählt Rojdan.

Die Prestigeprojekte im Hafenquartier

Baustelle um den "Leuchtturm" (Foto: Charlotte Rothe)
Die Baustelle um den „Leuchtturm“ (Foto: Charlotte Rothe)

Seit der Eröffnung der Strandbar hat sich im Hafen viel verändert: Gebäude wurden abgerissen, saniert und umgestaltet. Hier wird ein Digital- und Innovationscampus entstehen. Eins der wichtigsten Projekte an der Speicherstraße ist ein Bürogebäude: der „Leuchtturm“ direkt am Hafenbecken. Die Entwicklungsfirma Apodo Bauen + Wohnen wirbt damit, dass man wegen der Nähe zum Wasser hier „arbeiten und flanieren“ könne. Das Frauenhofer Institut für Software und Systemtechnik wird in das Bürogebäude einziehen.

Das andere große Vorhaben im Hafenquartier ist die Akademie für Theater und Digitalität. Bisher liegt diese noch direkt neben dem Dortmunder Theater in der Innenstadt.Auf Nachfrage schreibt die Stadt, dass die Speicherstraße und ihr Umfeld mit viel Aufenthaltsqualität neugestaltet werden soll. Unter anderem sei beabsichtigt, dass 60 Prozent des Raums ohne Konsumzwang gestaltet werden. Geplant sind Sitzgruppen und eine Fußgängerzone.

Annette Kritzler bei einer Tour durch das Hafenquartier (Foto: Borsigplatz VerFührungen/ Christian de Vries)

Annette Kritzler ist Geografin und Museumspädagogin. Sie bietet Stadtteiltouren durch die Nordstadt an, zu der auch das Hafenviertel zählt. Sie nimmt neben dem räumlichen Wandel auch eine demographische Veränderung im Viertel war. „Wir waren schon immer der jüngste Stadtteil anhand der Geburtenraten. Ich habe aber trotzdem das Gefühl, dass die Nordstadt sich deutlich verjüngt“, erzählt die Stadtführerin.

Das bestätigt auch der Statistikatlas der Dortmunder Stadtteile, den die Stadt zuletzt 2019 herausgegeben hat. Annette Kritzler beobachtet, dass besonders Studierende der TU Dortmund häufig ins Viertel ziehen.

Der Hafen als neues Kreuzviertel?

Laut Duden ist Gentrifizierung die „Aufwertung eines Stadtteils durch dessen Sanierung oder Umbau mit der Folge, dass die dort ansässige Bevölkerung durch wohlhabendere Bevölkerungsschichten verdrängt wird“. Genauer beschreibt das unter anderem das Verlaufsmodell des Soziologen Jens Dangschat. Das Modell stellt vereinfacht da, wie sich Gentrifizierung auf die Bevölkerungsstruktur eines Stadtteils auswirkt: In der ersten Phase ziehen zusätzlich „Pionier*innen“ in den Stadtteil.

Das sind häufig Studierende, aber auch Künstler*innen fallen unter diese Kategorie. Sie haben selbst wenig Geld und wollen trotzdem in einem Stadtteil mit viel Kultur und Möglichkeit zur Selbstentfaltung leben. Sie treiben nicht aktiv die Gentrifizierung an. Häufig flüchten sie selbst vor steigenden Mieten.

Verlaufsmodell der Gentrifizierung nach Dangsschat (Grafik: Canva)

Laut der Beobachtung von Annette Kritzler passiert genau das auch in Dortmund. Das ehemalige Studierendenviertel, das Kreuzviertel, sei nicht mehr bezahlbar, sagt Annette Kritzler. „Mir gefällt, dass die Studierendenschaft in den Stadtteil kommt und ihre Ideen und Kreativität mitbringen.“

Für die Studierenden und Kreativen entstehen nach dem Modell von Dangschat Kneipen und Clubs im Viertel. Die Vermieter*innen ziehen die Mietpreise an, was zu einer Verdrängung der ursprünglichen Einwohner*innen führt. Durch die Pionier*innen gilt das Viertel dann auch im Rest der Stadt als trendig. Das zieht die Gentrifier an. Sie sind meist junge und karrierebewusste Menschen. Diese Neuankömmlinge haben im Gegensatz zu den anderen Gruppen meist ein hohes Einkommen. In der ersten bis dritten Invasionsphase wächst der Anteil der Gentrifier im Viertel. Die Mieten steigen weiter an.

Renée Tribble ist Professorin für Raumplanung an der TU Dortmund. Ihre Schwerpunkte sind Städtebau, Bauleitplanung und Stadtgestaltungsprozesse. Sie sagt: „Häufig ist es  so, dass von den Verbesserungen im Viertel dann nicht mehr die bisherigen Bewohner*innen profitieren, sondern mit der Mieterhöhung solche, die sich diese leisten können.“

Der Dortmunder Mieterverein schreibt auf Anfrage, dass ihnen bisher keine aktive Verdrängung von Bewohner*innen bekannt ist. Bei Neuvermietungen sieht der Verein zwar steigende Mieten, diese steigen aber nicht schneller als im Rest von Dortmund. Es sei allerdings zu befürchten, dass mit der Umgestaltung des Hafens auch Verdrängungsprozesse gestartet werden.Kioskbesitzer Rojdan hingegen berichtet von Bekannten vom ihm, die Schwierigkeiten haben, überhaupt noch eine Wohnung zu finden. Und er  berichtet von erhöhten Mieten bei Menschen in seinem Umfeld.

Nach Einschätzung von Renée Tribbles lösen viele Stadtentwicklungen auch Gentrifizierungsprozesse aus: „Dafür ist das Interesse daran, dass die Entwicklung auch Gewinn machen soll, zu festgeschrieben. Es ist sehr schwierig, diese Projektlogik auf breiter Ebene zu verändern.“

Bürger*innenbeteiligung: gut gemeint, schlecht gemacht?

Im Sommer 2019 hat die Stadt eine Bürger*innenwerkstatt abgehalten. Die Ergebnisse sollten mit in die Ausschreibung der Städteplaner*innen und Architekt*innen einfließen. Kioskbesitzer Rojdan hatte davon nichts mitbekommen und ist nicht überzeugt: „Die Politiker, die kommen und gehen, wir müssen drunter leiden. Die Reichen werden immer reicher und die Armen leiden darunter. Wir können drumherum reden, aber die machen sowieso was sie wollen.“

Imagewechsel für den Hafen

Während Rojdan sich um die Zukunft seines Viertels sorgt, steigt in der umliegenden Region das Image des Quartiers. Immer wieder gibt es im Hafen Kunstaustellungen, die Besucher*innen aus dem ganzen Ruhrgebiet anziehen. „Mit der WordPress-Ausstellung im Depot haben wir einen echten Besuchermagneten. Das gilt auch für den Nachtflohmarkt oder kleine Kunsthäuser wie das Roto Theater.

Die bringen Menschen, die nicht unbedingt etwas mit der Nordstadt zu tun haben in unsere Quartiere hinein und das finde ich persönlich sehr gut“, sagt Annette Kritzler. Und sogar international findet die Dortmunder Stadtentwicklung Beachtung. Die EU-Kommission kürte Dortmund erst im November letzten Jahres zur Europäischen Innovationshauptstadt. Dabei lobte die Kommission, dass die Stadt sich stets bemühe, Bürger*innen mit in die Planung einzubeziehen.

Was wäre wichtig?

Renée Tribble hat mehrere Publikationen über Sankt Pauli veröffentlicht – dem Hamburger Stadtteil, der einmal zu den ärmsten Vierteln Westdeutschlands gehörte und heute ebenfalls stark gentrifiziert ist. Sie weist darauf hin, dass jede Stadt anders sei, und die Bedürfnisse der Bewohner*innen auch immer neu ermittelt werden müssten. Auffällig sei allerdings, dass sich Bewohner*innen häufig „selbstgemachte“ Läden wünschen. Also inhabergeführte Läden, die keine Ketten und trotzdem bezahlbar sind: „Die Möglichkeit einen Kaffee für einen Euro oder 1,50 Euro mal eben beim Bäcker kaufen zu gehen. Das sind solche Sachen, die allen ermöglichen am öffentlichen Leben teilzuhaben.“

Rojdan fühlt sich bei der Veränderung im Viertel zurückgelassen. Auch ihm sei klar, dass baufällige Häuser zu sanieren wären, und Investitionen im Viertel nötig seien. Aber die Art und Weise wie die Stadt mit seinem Viertel umgehe, könne er nicht nachvollziehen. Er denkt eher nostalgisch daran, wie es früher im Hafenviertel war. „Was ich hier in meiner Kindheit erlebt habe, das kann die Stadt auch nicht ersetzen, wenn man 100 Millionen ins Viertel steckt. Denn Geld ist eben nicht alles.“

Beitragsbild: Charlotte Rothe

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