Rostock-Lichtenhagen – wie es zu dem Pogrom kam und was danach passierte

Vor 30 Jahren kam es in Rostock-Lichtenhagen zu einem Pogrom. Mehrere Tausend Menschen attackierten die Zentrale Aufnahmestelle für Flüchtlinge mit Steinen und Brandsätzen. KURT erklärt, warum es heute noch wichtig ist, daran zu denken.

Steine fliegen, später auch Brandsätze. Es ist der 22. August 1992. Am Abend beginnen die Ausschreitungen. Sie richten sich gegen das Sonnenblumenhaus im Rostocker Stadtteil Lichtenhagen. Darin befinden sich die Zentrale Aufnahmestelle für Flüchtlinge und ein Wohnheim vietnamesischer Vertragsarbeiter*innen. Seit Tagen ist die Stimmung angespannt – dann entlädt sich der Fremdenhass vollends. Nach Angaben des NDR versammeln sich rund zweitausend Anwohner*innen und rechte Gruppen vor dem Gebäude. Die Ausschreitungen dauern das ganze Wochenende an.

Im Sommer 1992 war die Zentrale Aufnahmestelle überlastet. Viele Asylbewerber*innen mussten ohne sanitäre Versorgung vor dem Gebäude ausharren. Die Anwohner*innen äußerten immer offener ihren Unmut über die Menschenmassen. Die Flüchtlingsunterkunft sollte zwar langfristig geschlossen werden, doch zum Zeitpunkt der Ausschreitungen gab es noch kein konkretes Datum.

Am Montag, den 24. August, räumt die Stadt die Asylbewerberunterkunft. Doch die Angreifer*innen ziehen sich nicht zurück. Stattdessen konzentrieren sie ihre Gewalt auf das Wohnheim vietnamesischer Vertragsarbeiter*innen. Am Abend rückt die Polizei ab, obwohl die Angreifer*innen weiter gewalttätig sind. Die Gründe sind bis heute unklar. Ob die Beamt*innen überfordert waren, die Ausschreitungen von der Polizei geduldet oder sogar gewollt – darüber gibt es keinen Konsens. Vom Abzug der Polizei motiviert, betritt der Mob das Sonnenblumenhaus, zerstört die Einrichtung und legt schließlich Feuer. Ungefähr 150 Menschen befinden sich zu diesem Zeitpunkt in dem Gebäude, darunter die Bewohner*innen, ein Fernsehteam und einige Unterstützer*innen. Sie haben Glück und finden einen Durchgang, den sie aufbrechen können. So können sie über das Dach ins Nachbarhaus fliehen. Alle Menschen können sich retten. Doch niemand von ihnen wird diesen Tag wohl so schnell verarbeiten, geschweige denn vergessen können. Das erzählt der Zeitzeuge und ehemalige Vertragsarbeiter Hung Quoc Nguyen in einer YouTube-Dokumentation des NDR zu dem Pogrom. Nguyen war zur Zeit der Ausschreitungen im Sonnenblumenhaus. „Es war wie im Film“, schildert er.

Keine große Überraschung

Gudrun Heinrich leitet den Lehrstuhl für politische Bildung der Universität Rostock und beschäftigt sich in ihrer Forschung mit dem Pogrom von Lichtenhagen. Sie erzählt, dass der Schock innerhalb der Gesellschaft tief gesessen habe. Dabei sei es keine große Überraschung gewesen, dass es zeitnah zu Ausschreitungen gekommen war. Durch Faktoren wie den Fall der Berliner Mauer 1989, den Zusammenbruch des Ostblocks und den Jugoslawienkonflikt stieg die Zahl der Zuwanderer*innen weiter stark an. Besonders die Behörden der neuen Bundesländer waren laut der Bundeszentrale für politische Bildung auf die stark steigenden Flüchtlingszahlen nicht gut vorbereitet. Sie befanden sich in der Übergangsphase von der DDR zur Bundesrepublik Deutschland und waren damit beschäftigt, deren politisches und administratives System zu übernehmen, sagt Gudrun Heinrich: „Die DDR war eigentlich abgewickelt, aber die Bundesrepublik im August 1992 noch nicht wirklich angekommen. Das heißt, die staatlichen Strukturen waren nicht fest etabliert und es gab eine große Unsicherheit, was die ökonomische Zukunft betrifft.“ Heinrich betont, „dass nicht ein Faktor allein erklärt, wieso es zu Rostock-Lichtenhagen kam. Wir haben zu der Zeit auch Ausschreitungen in Westdeutschland, aber die genannten Faktoren haben dieses Pulverfass begünstigt“.

Zur gleichen Zeit forderten die CDU und CSU eine Einschränkung des Grundrechts auf Asyl, doch die nötige Zwei-Drittel-Mehrheit kam zunächst wegen der SPD nicht zustande. Rechtsextreme Parteien wie „die Republikaner“ und „die Deutsche Volksunion“ (DVU) verbreiteten das Narrativ der gefährlichen Flüchtlinge weiter. Teilweise konnten sie in den Neunzigerjahren Wahlerfolge erzielen. 1992 schaffte es die DVU nach Informationen der Bundeszentrale für politische Bildung mit 6,3 Prozent der Stimmen in den Landtag von Schleswig-Holstein. Die Republikaner waren noch erfolgreicher. Sie kamen 1989 in Berlin auf 7,5 Prozent und 1992 in Baden-Württemberg auf 10,9 Prozent.

Erinnerungskultur zu Rostock-Lichtenhagen heute

Kurz nach dem Anschlag von Rostock-Lichtenhagen traten der Landesinnenminister Schleswig-Holsteins, der Oberbürgermeister Rostock sowie der Sozialsenator zurück. Der Bundestag schränkte das Grundrecht auf Asyl ein. Die Welle rassistischer Angriffe, so ein Argument der konservativen Parteien, könne die Bundesregierung nur durch eine Begrenzung der Zuwanderung unter Kontrolle bekommen.

In den Jahren nach Rostock-Lichtenhagen sind in Deutschland die ersten Anti-Rassismus-Programme entstanden. Trotzdem gebe es laut Heinrich immer wieder eine Schlussstrichdebatte: „Wenn Sie hier mit Menschen sprechen, gibt es bei einigen immer noch diese Abwehrhaltung.“ Die Einwohner*innen seien oft dagegen, Gedenkveranstaltungen zu dem Pogrom zu organisieren. Ihrer Meinung nach hätten sie lange genug darüber gesprochen und wollten damit nichts mehr zu tun haben. Trotzdem gebe es Anlass zur Zuversicht, was die Erinnerungskultur angeht: „Die Perspektiven der Opfer rücken mittlerweile mehr in den Vordergrund.“ Die Veranstaltungen, die zur diesjährigen Gedenkwoche geplant sind, träfen insgesamt auf deutlich breitere Zustimmung als noch vor fünf oder zehn Jahren.

Beitragsbild: Pixabay/Kira Hoffmann

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