Mein Steak heißt Dirk

Drei Bullen schauen in die Kamera.

Wer bei Aldi, Lidl, Rewe und Co. Rindfleisch einkauft, erfährt so gut wie nie, wie das Tier aufgewachsen ist und wer es großgezogen hat. Der 23-jährige Landwirt Christian Schlichtmann zeigt: Es geht auch anders.

„Eintritt verboten – wertvoller Tierbestand“ steht an der dunkelgrünen Stalltür, die Christian Schlichtmann zum zweiten Mal an diesem Novembertag aufstößt. Drinnen ist es ebenso kühl wie draußen, es riecht schwach nach Heu. Der 23-jährige Landwirt schaltet das Licht an und lässt seinen Blick durch den Stall schweifen: ein breiter Gang in der Mitte, links und rechts von Buchten gesäumt, in denen Schlichtmanns Rinder in Gruppen zusammenstehen. Simmentaler Rinder heißen die weiß-braun gefleckten Tiere. Einige von ihnen stecken neugierig die großen Köpfe in den Gang, beäugen den Landwirt und wackeln mit den Ohren. Heute Morgen um fünf haben die Bullen Frühstück bekommen. Jetzt, am Nachmittag, ist es Zeit für eine Futterkontrolle.

Der Landwirt schnappt sich eine breite Schaufel, die an eine Schneeschippe erinnert, und macht sich an die Arbeit. Chrp, Chrp, Chrp, Chrp, Chrp. Er kratzt die Futterreste zusammen, angelt kleine Steine aus dem Mais-Heu-Gemisch und schubst es zurück in den Trog. Chrp, chrp, chrp, chrp, chrp. Das metallische Kratzen wird höchstens von einem „Muuuh“ unterbrochen. Am anderen Ende des Stalls angekommen, bleibt Christian Schlichtmann stehen und stützt sich auf seine Schaufel. Neugierig schnüffeln die Tiere in der Bucht neben ihm an seiner Arbeitshose und seinem grauen Sweatshirt. „Im Idealfall sehen wir jedes Tier dreimal am Tag“, erklärt der 23-Jährige, während er einen seiner Bullen seine linke Hand abschlecken lässt. 300 Rinder leben auf seinem Hof in Wichum, einer Bauernschaft der Gemeinde Heek im Münsterland.

Landwirt Christian Schlichtmann füttert seine Limousin-Bullen.
Auf seinem Hof hält Christian Schlichtmann 300 Bullen. Foto: Christian Schlichtmann

Der Landwirt hat den Betrieb von seinen Eltern übernommen, die den Hof vorher im Nebenerwerb geführt haben. Seine Mastrinder leben 20 bis 22 Monate bei ihm. „Dann sind sie fertig“, erklärt Schlichtmann. Fertig bedeutet: Sie haben ihr Schlachtgewicht erreicht und werden an Viehhändler weiterverkauft. Sind die Tiere zu schwer und entsprechen damit nicht mehr der Norm, gebe es Abzüge beim Preis. „Dagegen können wir nichts machen, wir sind abhängig von denen“, betont der 23-Jährige mit einem Hauch Ärger in seiner Stimme.

Mehr Unabhängigkeit, mehr Nähe

Die Abhängigkeit von den Viehhändlern wird ihm vor allem nach seiner Ausbildung an der Höheren Landbauschule bewusst. Um unabhängiger zu werden, entschied sich der Landwirt deshalb 2021, in die Direktvermarktung von Rindfleisch einzusteigen. Einmal im Monat sucht Christian Schlichtmann nun einen seiner Bullen aus, den er selbst vermarktet – online. So spart er sich die Zwischenschritte über den Vieh- und Lebensmittelhandel. Wenn er den nächsten Bullen ausgewählt hat, gibt er dem Tier einen Namen und wirbt in den sozialen Medien mit dem Fleisch von Otto, Dirk oder Leopold. Verbraucher*innen können dann die Fleischteile vom Filet bis zum Suppenknochen auf der hofeigenen Homepage vorbestellen und die Ware abholen, wenn sie vakuumiert und gereift ist. Pro Bulle vermarktet Schlichtmann rund 500 Kilo Fleisch.

In der Direktvermarktung laufe vieles anders als bei den konventionellen Mastbullen, erklärt der Landwirt: „Wir verladen das Tier mit ganz viel Ruhe. Und wenn das an dem Tag nicht klappt, dann bleibt der auch stehen. Wir wollen keinen Stress bekommen, das hat auch mit der Fleischqualität zu tun.“ Geschlachtet wird in der Dorfmetzgerei wenige Autominuten entfernt. „Ich bin froh über jeden Bullen, der in die Direktvermarktung geht. Am liebsten würde ich sie alle darüber verkaufen“, betont Schlichtmann. Das sei aber nicht umsetzbar.

Ein Bulle frisst Heu
Die Bullen fressen unter anderem Luzerne-Heu. Foto: Christian Schlichtmann

Die Futterkontrolle bei den ersten Bullen ist erledigt, weiter geht es zum L-förmigen halboffenen Stall auf dem Hof. Dort stehen die Tiere ebenfalls in Gruppen zusammen. Die Buchten sind nach vorne geöffnet, sodass die Rinder überdacht und gleichzeitig an der frischen Luft stehen. Wieder heißt es: Futter kratzen. Chrp, chrp, chrp, chrp, chrp. Schlichtmann schnippt einen Stein aus dem Trog. Die kommen durchs Luzerne-Heu ins Futter, das der Landwirt zukauft und verfüttert. „Das ist mehrjähriges Gras, wächst auch in trockenen Gegenden und speichert viel Stickstoff aus der Luft,“ erklärt er. Eigentlich schätzt der junge Mann die Qualität des Heus. „Dieses Mal sind viele Steine drin. Das ist ärgerlich, die haben wir schließlich alle mitbezahlt.“ Aber Christian Schlichtmann schmunzelt. „Manche von den Bullen mögen es, auf den Steinen herumzulutschen. Ist ‘ne gute Beschäftigung.“

Lieblingsrasse: Limousins

In der nächsten Bucht stehen Tiere mit braunem Fell, die etwas kleiner sind als die Rinder, die der Landwirt bisher versorgt hat. „Das sind unsere Limousin-Bullen“, erklärt er. „Meine Lieblingsrasse. Ich mag das Verhalten, die haben ein ruhiges Gemüt. Außerdem find ich die einfach schick. Und die Mastleistung und die Fleischbeschaffenheit sind auch top“.

Aus dieser Gruppe stammte auch „Dirk“, Schlichtmanns letzter Direktvermarktungs-Bulle. Dirk wurde vor wenigen Tagen geschlachtet. „Es hat mir sehr leid getan, den abzugeben“, sagt der Landwirt wehmütig. „Das war wirklich ein tolles Tier.“ Auf Facebook und Instagram hat er Dirk bereits einige Wochen vorher in Videos und Storys angekündigt. In einem Zusammenschnitt sind erst die Bullen und dann hübsch angerichtete Menüs mit Braten und Filet zu sehen. „Bulle Dirk ist online. Jetzt reservieren und ab Dezember genießen“, heißt es im Text. Mehr als 3.500 User haben das kurze Video bisher gesehen.

Der Bulle ist bereits zerlegt: Die einzelnen Fleischteile wurden vakuumiert und verpackt, kleinere Teile schockgefroren. Dirk lagert nun in Kühl- und Gefriertruhen im eigens umgestalteten Kühlwagen und wartet auf seine Abholung. Währenddessen hat Schlichtmann im Instagram-Reel bereits den nächsten Bullen angekündigt: Dagobert. „Moin Leute, bald ist es wieder soweit und das Weihnachtsfest steht vor der Tür. Wir haben passend dafür unseren Bullen Dagobert online gestellt und ihr habt wieder die Chance, leckeres Fleisch direkt vom Landwirt zu bestellen!“ Im Hintergrund des Videos stapfen seine Bullen durch das Stroh.

Die Menschen mit aufs Feld nehmen

Der junge Mann dokumentiert auf Instagram und Facebook auch seinen Alltag als Landwirt. Sein Insta-Account hat rund 580 Abonnenten, sein Facebook-Profil über 1.000. Seine Reels sind besonders beliebt: Bis zu 4.000 Views erhält er auf Clips, in denen er den Ackerbau auf seinen Feldern erklärt, seine Tiere streichelt oder einen neuen Bullen für die Direktvermarktung ankündigt.

Screenshot der Instagram-Seite von Christian Schlichtmann
Auf Instagram zeigt Christian Schlichtmann seinen Alltag. Foto: Christian Schlichtmann

„Social Media ist für mich natürlich eine gute Möglichkeit, um Werbung zu machen. Aber ich kann so auch rüberbringen, wie Landwirtschaft tatsächlich ist“, erklärt Schlichtmann. „Ich will die Leute direkt mit aufs Feld nehmen“. Sich selbst zu filmen und dabei etwas zu erklären, ist für ihn jedes Mal eine Überwindung. „Aber die Leute sollen ja auch wissen, wer zu denen spricht und sie sollen mich als Landwirt kennenlernen.“ In den sozialen Medien lernen seine Verbraucher*innen auch die Bullen für die Direktvermarktung mit Namen kennen.

Unter anderem die Landwirtschaftskammer hatte dem Landwirt davon abgeraten, seine Tiere zu taufen. Christian Schlichtmann hat sich trotzdem dafür entschieden: „Es muss jedem klar sein, dass ein Tier für uns getötet wurde. Wenn das Tier einen Namen hat, setzen wir uns ganz anders damit auseinander – wir wollen Wertschätzung für das Lebewesen, das für uns gestorben ist.“ Die meisten seiner Kund*innen fänden es gut, zu wissen, von welchem Bullen ihr Steak, ihr Burgerpatty oder ihr Hackfleisch stammt. Wenn die Verbraucher*innen ihre Waren bei dem Landwirt abholen, kommt er immer wieder mit ihnen über seine Arbeit ins Gespräch. Er schätzt diesen persönlichen Kontakt: „Viele sagen, Landwirte sind schlecht, verschmutzen alles und quälen ihre Tiere. Ich will wieder mit den Verbrauchern reden und zeigen, was wir wirklich machen.“

Fleisch essen als Feier

Für den Ernährungspsychologen Professor Dr. Christoph Klotter ist das ein „revolutionärer“ Ansatz. Der Experte hat über 20 Jahre an der Hochschule Fulda zu Ernährungswissenschaften geforscht und gelehrt. „Wenn Sie in einen Supermarkt an die Fleischtheke gehen, werden Sie sehen: Das Fleisch ist so verpackt, dass man nicht mehr erkennt, dass ein Tier getötet worden ist. Das heißt, wir wollen mit dem Tod von Tieren nichts zu tun haben“, erläutert er. „Deshalb ist die Strategie des Landwirts bemerkenswert: Mit der Direktvermarktung stellt er die Wertschöpfungskette wieder her.“ Verbraucher*innen könnten so nicht mehr verleugnen, dass für ihr Fleisch ein Tier getötet wurde.

„In unserem Alltag gehen unsere Konstrukte oft auseinander“, betont Klotter. So könnten wir uns als tierlieb begreifen und trotzdem ein Wiener Schnitzel essen. Indem die Tiere einen Namen erhalten, versuche der Landwirt, die Konstrukte wieder zusammenzubringen. Diese Strategie kann auch für einen bewussteren Fleischkonsum sorgen: „Wir können aus dem Essen von Fleisch eine Feier machen“, erklärt der Ernährungspsychologe. „Heute ist ein besonderer Tag, leider musste Otto sterben. Aber wir genießen nun gemeinsam das Essen und das Fleisch. Ich finde die Strategie des Landwirts eine innovative und kluge Geschichte.“ Durch den direkten Kontakt mit den Verbraucher*innen sorge Schlichtmann außerdem für Nähe: Heutzutage seien weniger als fünf Prozent der Deutschen als Landwirt tätig – unsere Lebensmittelproduktion sei deshalb vollkommen entfremdet. „Die Direktvermarktung ist ein großes Plus in der Annäherung“, unterstreicht Klotter.

Traumberuf Landwirt

Christian Schlichtmann mit Kuh Hilde
Christian Schlichtmann schätzt den Umgang mit seinen Tieren. Foto: Christian Schlichtmann

Während Schlichtmann auch in den restlichen Buchten das Futter kontrolliert, beobachtet er immer wieder seine Tiere. „Der hier war krank“, sagt er und deutet auf einen Bullen, der kleiner als die anderen in seiner Gruppe ist. Der Landwirt hatte das Tier in einer eigenen Bucht untergebracht und ihn gehegt und gepflegt. Sonderbehandlung, so sagt er. Auf Medikamente verzichtet Schlichtmann soweit wie möglich. „Aber wie in der Human-Medizin braucht es die manchmal, damit das Tier keine Schmerzen hat und schnell wieder gesund wird.“

Wenn eins der Tiere krank wird, kündige sich das meist zwei bis drei Tage vorher an. „Die haben dann einen trüben Blick. Gott sei Dank ist dieser hier wieder geworden. Wenn ein Bulle stirbt, ist das für mich das Schlimmste. Wenn ich sehe, dass ein Tier leidet …“ Er ringt nach Worten. „Das ist scheiße.“ Dass er Landwirt werden will, war für Christian Schlichtmann schon immer klar. „Bei diesen ganzen Berufsorientierungssachen hab‘ ich zu meinen Lehrern gesagt: Ich brauch das nicht machen. Ich weiß, dass es für mich nichts anderes gibt.“ Er schätzt den abwechslungsreichen Alltag, den Umgang mit den Tieren und der Natur. „Ich kann den Kreislauf verstehen und mich mit einbringen. Das ist für mich das Allergrößte.“

Abendessen für die Bullen

Für den Landwirt steht die letzte Amtshandlung für heute an: Nachdem er das Futter kontrolliert und den Bullen frisches Stroh gebracht hat, wird das Abendessen serviert. Es gibt eine Mischung aus 30 bis 40 Kilo Heu, 25 Kilo Mineralfutter, 2.000 Kilo Mais und 400 Litern Wasser. Normalerweise gehören auch noch 350 Kilo Kraftfutter zum Rezept – aber das Hochsilo ist leer. „Eigentlich sollte schon neues Futter da sein. Ich habe meinem Lieferanten extra rechtzeitig Bescheid gegeben“, ärgert sich der 23-Jährige.

Abgesehen davon, dass den Tieren ihre Mahlzeit mit dem Kraftfutter besser schmeckt, verliert der Landwirt bei seinen konventionellen Mastbullen auch wertvolle Zeit: Die Bullen müssen ihr Schlachtgewicht erreichen. Für seinen Bullen Dagobert ist das weniger entscheidend: „Wenn der eine Woche länger braucht, ist es nicht so schlimm“, erklärt der Landwirt. Als alle Zutaten im Futtermischwagen abgewogen und vermengt sind, klettert Schlichtmann in den Trecker. Lässig manövriert er das tonnenschwere Gefährt über den Hof. In wenigen Minuten sind die Tröge bei allen Bullen wieder frisch gefüllt.

Für heute ist Christian Schlichtmanns Arbeit bei seinen Bullen beendet. Er lässt ein Nachtlicht für die Tiere an. „Dann können die sich besser orientieren.“ Die dunkelgrüne Stalltür macht er morgen früh wieder auf, zum Füttern.

 

Beitragsbild: Christian Schlichtmann

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