Studierende in Heidelberg können sich bald per App behandeln lassen

Neu an der Uni und das erste Mal krank – spätestens jetzt sollte sich jeder Studienanfänger Gedanken um seine ärztliche Versorgung machen. Studierende der Universitäten Heidelberg und Karlsruhe werden es demnächst einfacher haben: Im Rahmen eines Testprojekts sollen sie passende Ärzte per Smartphone-App kontaktieren können.

„Das Angebot richtet sich vor allem an Studenten, die neu an einer Universität sind und sich in vielfältigen Bereichen noch nicht zurechtfinden“, erklärt Oliver Erens, Leiter der Ärztlichen Pressestelle der Landesärztekammer Baden-Württemberg. Schließlich steht für Neuankömmlinge zunächst nicht unbedingt die ärztliche Versorgung im Mittelpunkt. Studierende sollen deshalb im Rahmen eines Forschungsprojekts erst einmal per App einen Arzt aus der Umgebung kontaktieren können – ohne dass dieser den Betroffenen schon einmal gesehen haben muss. Der Mediziner kann dann eine Einschätzung der Situation vornehmen und entscheiden, ob der Patient behandelt werden sollte. Besonders ausländische Studenten könnten von diesem Konzept profitieren. Denn sie können von vornherein mit Experten Verbindung aufnehmen, die Englisch oder die jeweilige Fremdsprache beherrschen.

Minxli Ltd: Arztsuche über die Minxli-App

Durch die Studie sollen einige wichtige Fragen geklärt werden: Wie haben sich die Studierenden bei der Behandlung gefühlt? Und konnte ihnen medizinisch geholfen werden? Außerdem wollen die Initiatoren herausfinden, in welchen Fällen die Fernbehandlung wirklich Sinn ergibt und wann der Arzt den Patienten lieber persönlich sehen will. „Wir müssen ja schließlich rauskriegen, welche Einschränkungen der Arzt-Patient-Kontakt per Ferngespräch hat“, meint Olivier Blanchard, Chief Operating Officer (COO) des Münchner Unternehmens Minxli, welches das Projekt durchführen wird.

Minxli ist ein Anbieter von Online-Offline-Lösungen für Arztpraxen und ermöglicht Arzt-Patienten-Gespräche per App. Für Blanchard ist bei der Analyse von Fernbehandlungen auch das emotionale Empfinden des Patienten wichtig. Das kann allerdings je nach Charakter einer Person und der für sie notwendigen Behandlungsmaßnahme komplett unterschiedlich sein. Auf der einen Seite gebe es nach wie vor viele Patienten, die einen persönlichen Kontakt zum Arzt bevorzugen, für andere hingegen könnten Diskretion und Abstand angenehmer sein, erklärt Blanchard.

Im entfernten Kontakt ist es oft einfacher, mit Patienten zu sprechen. Dadurch können Hemmungen abgebaut werden.

Bei unangenehmen Erkrankungen, beispielsweise Geschlechts- oder psychischen Krankheiten, zögern Betroffene häufig, sich ärztliche Hilfe zu holen. Dieser Zugang soll ihnen durch die App erleichtert werden. „Im entfernten Kontakt ist es oft einfacher, mit Experten zu sprechen“, berichtet Erens. „Dadurch können Hemmungen abgebaut werden.“ So könne etwa bei psychischen Problemen erst einmal ein Fernkontakt hergestellt werden, um eine Vertrauensbasis zu schaffen. Dann könne immer noch entschieden werden, ob ein anschließender Arztbesuch notwendig ist oder die Gespräche per Smartphone ausreichen.


Eigene Abbildung: Ablauf des Patienten-Arzt-Kontaktes per App

Wie steht es um den Datenschutz?

In einem Arztgespräch per App gibt der Patient gezwungenermaßen auch intime Details von sich preis, da stellt sich schnell die Frage nach dem Datenschutz. Minxli-COO Blanchard versucht solche Bedenken zu zerstreuen. „Die ganze Kommunikation zwischen Arzt und Patient ist Ende-zu-Ende verschlüsselt“, erklärt er. Das Gesagte wird dabei auch nicht gespeichert – zumindest bei Gesprächen per Video oder Telefon. Bei der Chat-Funktion gibt es jedoch eine Ausnahme: Hier bleibt der Verlauf auch weiterhin für Arzt und Patient gesichert zugänglich. Auch Dokumente wie Fotos oder Befunde, die über diese Funktion verschickt werden können, bleiben als Notiz in Arztakte und Patientenprofil bestehen.

Studien zur Fernbehandlung sind ein Muss

Dass die Studie ausgerechnet in Baden-Württemberg stattfindet, hat einen einfachen Grund: Im Gegensatz zu den meisten anderen Bundesländern hat der Südwesten die ausschließliche Fernbehandlung bereits erlaubt.  Zwar hat der Deutsche Ärztetag das Fernbehandlungsverbot gelockert; bis die Neuregelungen allerdings in Kraft treten, kann es noch eine Weile dauern. Schließlich müssen erst die einzelnen Landesärztekammern die Änderungen in ihre Berufsverordnungen übernehmen und somit in geltendes Recht umsetzen. Baden-Württemberg hat bereits 2016 seine Berufsverordnung geändert und ausschließliche Fernbehandlung innerhalb von Modellprojekten, die durch die Landesärztekammer genehmigt werden müssen, erlaubt.

Dafür hat das Land gute Gründe: „Die Medizin muss mit den Entwicklungen der heutigen Zeit mithalten können“, meint Erens. Denn gerade im Bereich der Telemedizin stecke viel Potenzial. Und die Projekte zur Fernbehandlung seien im Sinne der Patienten: Schließlich griffen manche Deutsche andernfalls auf Online-Dienstanbieter aus dem Ausland zurück. Bei denen sei häufig nicht gesichert, ob tatsächlich Experten am anderen Ende der Leitung sitzen. Deshalb müsse laut Erens die Entwicklung von qualitativ hochwertigen Konzepten zur Fernbehandlung auch in Deutschland vorangetrieben werden. Tatsächlich hätten Erkenntnisse aus Ländern wie der Schweiz und den USA, wo Fernbehandlung bereits erlaubt ist, gezeigt, dass 60-70 Prozent der Fälle auf diesem Weg behandelt werden können, ergänzt Blanchard.


Kassenärztliche Bundesvereinigung , 17.05.2018: Fernbehandlungsverbot aufgehoben: Was bedeutet das?

Veränderungen für Ärzte und Patienten

Um in der Fernbehandlung tätig werden zu dürfen, müssen Ärzte in allen Projekten speziell geschult werden. Zudem müssen sie ihrer Haftpflichtversicherung mitteilen, dass sie Ferndiagnosen stellen. Im Normalfall akzeptieren die Versicherungen das auch. Um das Risiko einer Fehldiagnose zu verringern, werden die Mediziner außerdem dazu angehalten, Patienten im Zweifelsfall lieber einmal zu viel zum Arzt zu schicken. Tatsächlich habe sich sogar in Ländern wie England und der Schweiz gezeigt, dass die Fehlerquote eher geringer ist als in der klassischen Arztpraxis, berichtet Erens.

Der Ärztemangel kann durch die Online-Behandlung natürlich nicht behoben werden. Allerdings ist eine Entlastung der Notfallambulanzen möglich, wenn sich Patienten mit Bagatellerkrankungen zunächst per Fernsprechstunde ärztlichen Rat holen können. Auch die Ansteckungsgefahr in einem Wartezimmer mit anderen Kranken würde verringert, wenn bestimmte Fälle von zu Hause aus abgeklärt werden. Zudem erhalten Erkrankte meist eine schnellere Aussage, zum Beispiel, wenn der Online-Kontakt zunächst über eine medizinische Hilfskraft verläuft. Im Rahmen mancher Studien besteht sogar schon die Möglichkeit, Online-Rezepte auszustellen – zumindest für Privatversicherte. Die Krankschreibung von zu Hause aus bleibt allerdings vorerst Wunschdenken.

Nächste Schritte des neuen Telemedizin-Projektes

Das Projekt mit Minxli ist zunächst auf ein Jahr ausgelegt und wurde Ende Mai von der Landesärztekammer Baden-Württemberg genehmigt. Starten soll es bereits nächstes Wintersemester – die Informationen gibt es dann direkt bei den Ersti-Veranstaltungen. Über Studierendenwerke und die mitwirkende Techniker Krankenkasse (TK) sollen die Studenten auf die Studie hingewiesen werden. Teilnehmen können zunächst auch nur Studierende, die auch über die TK versichert sind. Für das Vorhaben gibt es bereits einige Partnerärzte, nun soll nach der Zusage der Ärztekammer die Suche nach weiteren erfolgen. Läuft das Projekt gut, wird es eventuell verlängert. Außerdem besteht die Möglichkeit, dass es auf andere Universitäten ausgeweitet wird.

Teaser- und Beitragsbild: Minxi Ltd.

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