Ein Leben zwischen Hörsaal und Hürden

Pamela Dutkiewicz

Wettkämpfe, jeden Tag mehrere Stunden Training und Vorlesungen: Viele Hochleistungssportler studieren nebenbei. Dass diese extreme Doppelbelastung nicht immer funktioniert, erzählen eine Hürdenläuferin und ein Langestreckenläufer.

Mit großen Schritten läuft Pamela aus dem Chemiesaal über den Campus zu ihrem Auto. Ständig geht ihr Blick auf die Armbanduhr. Es ist Donnerstagnachmittag und die 25-Jährige hat einen straffen Zeitplan. Sie hofft, dass es auf der A40 in Richtung Bochum-Wattenscheid keinen Stau gibt. Die Studentin wirft ihren Rucksack auf die Rückbank neben die gepackte Sporttasche mit ihren Turnschuhen und Spikes. Sie muss sich beeilen.

Pamela Dutkiewicz zählt zu den Top-Hürdensprinterinnen Deutschlands. Im Februar holte sie bei den Deutschen Leichtathletik-Hallenmeisterschaften die Goldmedaille über die 60 Meter Hürden. Während der Weltmeisterschaften in London schaffte Pamela es über die 100 Meter Hürden auf den Bronzerang. Zusätzlich absolviert sie an der TU Dortmund den Master Grundschullehramt in den Fächern Deutsch, Mathe und Sachkunde.

Wie bist du zur Leichtathletik gekommen und wie hat sich deine sportliche Karriere entwickelt?

Angefangen habe ich schon in der vierten Klasse. Damals in einem kleinen Verein in meiner Heimat im Baunatal in Hessen. Mit 14 Jahren wurde deutlich, dass ich über die Hürden großes Potenzial habe. Meine Eltern, die beide auch Leistungssportler sind, haben mir dann geraten, in einen größeren Verein zu wechseln, falls ich den Sport ernsthaft betreiben möchte. Deswegen ging es für mich mit 16 ins Sportinternat nach Wattenscheid und in den dortigen Verein, den TV Wattenscheid.

Warum hast du dich 2012 für ein Studium in Dortmund entschieden?

Ich konnte mir nie vorstellen, nur den Sport auszuüben. Mit meinem Studium an der TU will ich mir ein zweites und vor allem festes Standbein schaffen. Den Sport in der derzeitigen Form kann ich vielleicht maximal bis 35 ausüben – im besten Fall. Für mich war und ist es toll, etwas für den Kopf zu machen. Ich will mich nicht nur komplett auf den Sport versteifen. Ich habe mich ganz bewusst für die Doppelbelastung entschieden. Mich würde es, glaube ich, gar nicht glücklich machen, nichts Anderes nebenbei zu haben.

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Wie sieht dein Alltag zwischen Sport und Studium aus?

Oft renne ich zur Uni, setze mich in mein Seminar und renne anschließend zurück zum Training. Wenn ich im Aufbautraining bin, das ist circa die Hälfte des Jahres der Fall, heißt das konkret neun Einheiten pro Woche, mit Doppeleinheiten an drei Tagen. Jeden Tag trainiere ich dann etwa zwei bis zweieinhalb Stunden.

Das echte Studentenleben mit Partys oder dem Wochenendbier am Freitag werde ich wahrscheinlich nicht kennenlernen. Ich bin Sportlerin und das 24 Stunden lang.

Bist du überhaupt eine typische Studentin? Klingt irgendwie nicht so.

Nein, das auf keinen Fall. Das war und werde ich nie sein. Das echte Studentenleben mit Partys oder dem Wochenendbier am Freitag werde ich wahrscheinlich nicht kennenlernen. Ich bin Sportlerin und das 24 Stunden lang. Mein Schlafrhythmus, die Essenszeiten, wann ich mich mit wem verabrede, das ist alles perfekt abgestimmt. Ich bin nicht unbedingt traurig darüber, aber neugierig, was mich erwarten würde, wenn da nicht der Sport wäre.

Welche Pläne hast du für die Zeit, wenn der Sport nicht mehr so funktioniert, der Körper nicht mehr mitmacht?

Optimal wäre es für mich, mit dem Sport aufzuhören und dann direkt ins Berufsleben einzusteigen. Denn den Leistungssport und meinen Job als Grundschullehrerin kann ich auf keinen Fall nebeneinander ausüben. So ganz ohne Sport kann ich mir mein Leben aber nicht vorstellen. Dann steht wahrscheinlich eher Yoga auf dem Plan.

Was waren im Laufe des Studiums die größten Hürden, die du nehmen musstest, um Sport und Uni zu vereinbaren?

Von Juli bis August stehen meine wichtigsten Wettkämpfe an und ich laufe gleichzeitig noch die Qualifikationen für nationale sowie internationale Meisterschaften. Somit fällt meine Sommersaison genau in die Klausurphase. Wenn die Uni da nicht flexibel ist, funktioniert das nicht. Für mich selbst habe ich herausgefunden, dass ich bei Klausuren lieber den Zweittermin nehme. Dann gibt es für mich zwar viel Lernerei nach der Saison und wenig Pausen, aber es ist die einzige Möglichkeit, meinen Sport so zu betreiben. Ein eigentlich noch weit größeres Problem sind meine Fehlzeiten. Ich bin viele Wochen im Trainingslager. Mich immer vor den Dozenten zu rechtfertigen, ist echt unangenehm. Auch, weil meine Situation manchmal belächelt wird, wenn ich sage: Ja, ich mache den Sport schon ernsthaft und nicht nur zum Spaß.

Pamela Dutkiewicz
Foto: Karolina Timoschadtschenko

Hattest du nie Zweifel, dass dir die Doppelbelastung zu viel wird oder dass du dich besser anders entschieden hättest?

Doch. Die Zweifel waren da und das sogar ganz häufig. Oft kam mir der Gedanke, das Studium abzubrechen. Ich habe den Umfang der Klausuren zu Beginn total unterschätzt.

Auch das Niveau und die Menge an Stoff waren so hoch und groß. In der ganzen Zeit habe ich versucht, 100 Prozent im Sport sowie in der Uni zu geben. Ich hatte kaum Schlaf oder Zeit für mich selbst. So einen Stress macht der Körper auf Dauer nicht mit und sportliche Höchstleistungen sind dann nicht mehr zu erwarten. Doch ich war so begeistert von dem Beruf, dass ich das Studium unbedingt durchziehen wollte. Und ich bin jetzt so froh, den Bachelor in der Tasche zu haben.

Was hast du verändert, damit der Stress weniger wird?

Ich musste es hinnehmen, dass ich für mein Studium wohl einfach ein bisschen länger brauche. Am Ende sind es jetzt statt sechs Semester im Bachelor zehn geworden. Und mein Master wird wohl mindestens sechs anstelle der vier vorgesehenen Semester dauern. Zurzeit bin ich nur mittwochs und donnerstags jeweils für zwei Stunden in der Uni. Das lässt sich sehr gut mit meinem Training vereinbaren.

Hast du zwischen deinem vollgepacktem Plan überhaupt noch Zeit für dich, Familie oder Freunde?

Meine freie Zeit ist super kostbar. In meiner Freizeit entscheide ich mich für ganz bewusste Dinge. Mein Umfeld ist sehr klein, besteht zum Teil auch aus Leuten, die ebenfalls Hochleistungssport machen und somit wissen, dass man wenig Zeit hat. Ich besuche sehr gerne meine Eltern oder treffe mich mit meinen besten Freunden. Ansonsten chille und schlafe ich, wie wahrscheinlich alle Studierenden.

Ein Tipp für sehr gute Sportler, die den gleichen Weg einschlagen wollen wie du?

Hab Mut, dich auf eine Sache zu fokussieren, an der dein ganzes Herz hängt. Lass dich nicht mitreißen von dem Druck oder der Idee, das Studium in Regelstudienzeit beenden zu müssen.

Fabian Gering ist ein Student, der sich trotz seines Erfolges gegen den Stress und die Doppelbelastung des Hochleistungssports entschieden hat. Der 20-Jährige erreichte 2015 bei den Leichtathletik- Europameisterschaften der Junioren den Höhepunkt seiner noch jungen sportlichen Karriere. Im schwedischen Eskilstuna gewann der Langstreckenläufer die Silbermedaille über 10 000 Meter. Jetzt, zwei Jahre später, studiert er in Rostock Medizin – die Leichtathletik ist eine Nebenbeschäftigung.

Wie kam es dazu, dass du dich auf das Studium konzentrieren willst?

Für mich war schon in der 11. Klasse klar, dass ich gern Medizin studieren möchte. Meine Schwester hatte sich vor mir schon für diesen Studiengang entschieden. Daher wusste ich, dass die ersten zwei Jahren des Physikums sehr anspruchsvoll sind. So konnte ich vorher absehen, dass es schwierig werden würde, das Studium mit meiner sportlichen Karriere zu vereinbaren. Mich aber nur auf den Sport zu konzentrieren, war mir einfach zu unsicher. Es muss nur eine Verletzung dazwischenkommen. Der Sport bleibt nicht ewig und die Medizin ist wirklich das, was ich später machen will.

Wie wolltest du deinen Sport mit dem Medizinstudium vereinbaren?

Ich habe mich frühzeitig umgeschaut, an welcher Universität in Deutschland ich gleichzeitig Medizin studieren und meinen Sport voll nebenbei betreiben kann. Wattenscheid mit seinem Olympiastützpunkt und den nahegelegenen Unis Bochum und Essen fiel mir 2015 nach meinem Abitur als erstes ins Auge. Dann habe ich auch schnell die Entscheidung getroffen, in den Verein vor Ort zu wechseln.

Fabian Gering
Foto: Fabian Gering

Und was ist dann passiert?

Es war eben nicht sicher, dass ich zum Wintersemester 2015 an den Unis in Bochum und Essen angenommen werde. Die Bewerbungsphase lief für mich leider nicht wie geplant. Beide Unis haben mir abgesagt und ich stand mit leeren Händen da.

Mit welchem Plan hast du dein Studium dann 2016 begonnen?

Zunächst einmal war ich echt froh, dass ich endlich in Rostock in den Studiengang aufgenommen wurde. Obwohl es nicht mein Erstwunsch gewesen ist, hoch in den Norden zu gehen, bin ich zurzeit hier wirklich glücklich und zufrieden. Zu Beginn des ersten Semesters habe ich mir so das Ziel gesteckt, mich die nächsten zwei Jahre komplett auf die Uni zu konzentrieren. Dann erst will ich entscheiden, ob ich mich dem Hochleistungssport noch einmal zuwende. Während dieser Zeit war für mich klar, dass ich weiterhin bis zu vier Mal in der Woche trainiere. Genau deswegen habe ich mir auch relativ schnell einen Verein in Rostock gesucht. Ohne eine Trainingsgruppe wäre es ziemlich schwierig geworden, überhaupt beim Sport zu bleiben.

Wenn ich zwei Jahre pausiere, wird es ganz schwierig wieder zum Sport, vor allem zum Hochleistungssport, zurückzukehren.

Es war keine Option für dich, mit dem Sport komplett aufzuhören?

Nein, das kam für mich nicht in Frage. Dafür ist meine Leidenschaft auch zu groß. Wenn ich zwei Jahre pausiere, wird es ganz schwierig wieder zum Sport, vor allem zum Hochleistungssport, zurückzukehren.

Was waren die großen Probleme, die es dir erschwert haben, den Sport mit deinem und Studium in zu vereinbaren?

Zunächst muss ich sagen, dass man mit viel Selbstdisziplin auch im Medizinstudium den Hochleistungssport noch nebenbei betreiben könnte. Aber dann gäbe es nur noch Training, Vorlesung und wieder Training. Irgendwann ist auch Schluss und die Kapazität erreicht. Ein großes Problem sind vor allem die Wettkämpfe am Wochenende. Ich habe freitags oft bis 18 Uhr Uni und dann Montagmorgens direkt wieder ein Pflichtseminar. Wo soll da noch Zeit für eine nationale oder internationale Meisterschaft sein?

Vermisst du etwas, weil du den Sport reduziert hast?

Obwohl ich immer noch regelmäßig trainiere und bei regionalen Läufen in meiner Umgebung mitmache, vermisse ich besonders die Trainingslager mit den anderen Athleten. Dort bin ich über einen längeren Zeitraum drei bis vier Mal im Jahr mit den Leuten zusammen, die das gleiche machen wie ich. Also auch dieselbe Leidenschaft teilen. Eins wünsche ich mir nicht zurück in meinen Alltag. Oft musste ich morgens um sechs Uhr aufstehen, um dann vor der Schule die ersten Kilometer abzuspulen. Da ist es jetzt doch entspannter.

Kannst du dir vorstellen wieder zum Hochleistungssport zurückzukehren?

Ja, definitiv. Vor allem im Hinblick auf die olympischen Sommerspiele 2020 in Tokio ist das so eine Idee, die ich in meinem Kopf habe. Ich will mich mit kleinen Schritten wieder der Spitze des Hochleistungssports und den ganz großen Läufern zuwenden. Die zehn Kilometer unter 30 Minuten zu laufen, ist ein Ziel, das ich anpeile.

Teaser- und Beitragsfoto: Dirk Fußwinkel

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