Von wegen pervers: So verbreitet sind Fetische wirklich

Fetische gelten als abnormal. Dabei sind sie sehr weit verbreitet, wie eine Studie aus Kanada zeigt.

Wer an Fetische denkt, sieht Menschen in Lack und Leder und gefesselte Sexpartner. Für manche sind sie reine Perversion – für andere Normalität. Die meisten dieser sexuellen Vorlieben werden zwar nur von einer Minderheit praktiziert. Aber einige sind mittlerweile weit verbreitet.  

Der Begriff Fetisch hat im ursprünglichen Sinne eine ganz andere Bedeutung. Fetische waren Gegenstände, die vergöttert oder denen magische Kräfte zugesprochen wurden. Zum Beispiel eine Hasenpfote, die Jägern Glück bringen sollte. Ende des 14. Jahrhunderts beschrieb der Psychologe Alfred Binet das erste Mal den Fetischismus in Zusammenhang mit sexueller Erregung. Er verstand unter sexuellem Fetischismus Erregung und sexuelle Lust, die mit Objekten erlebt wird. Sexueller Fetischismus galt für ihn als psychische Abweichung vom Sexverhalten.

Aus medizinischer Sicht gilt diese Auffassung immer noch. Fetische werden von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und dem psychologischen Handbuch Diagnostic and Statistical Manual (DSM) als Störungen der Sexvorlieben eingestuft. Darunter versteht man Abweichungen vom sexuellen Normalverhalten, die zu einer psychischen Krankheit heranwachsen können. Diese Abweichungen werden auch als Paraphilien bezeichnet. Fetischismus ist nur einer der gelisteten Paraphilien:

Voyeurismus
Sexuelle Erregung beim Beobachten von nackten Personen oder Personen beim Sex.
Fetischismus
Sexuelle Erregung durch unbelebte Objekten oder Körperteile.
Frotteurismus
Reiben an anderen Menschen in der Öffentlichkeit zur sexuellen Befriedigung.
Masochismus
Das Verlangen nach sexueller Unterwürfigkeit.
Andere sexuelle Präferenzen
  • Erotophonie: sexuelle Lust beim Telefonsex mit Fremden.
  • Gymnophilie: sexuelle Lust am Nacktsein.
  • Narratophilie: sexuelle Erregung durch erotische Gespräche (Dirty Talk).
  • Olfaktophilie: sexuelle Erregung durch Gerüche.
  • Podophilie: Fußfetischismus.
  • Exhibitionismus: Sexuelle Lust, nackt oder beim Sex von anderen, meist fremden Menschen beobachtet zu werden.
Eine Studie aus Kanada zeigt: Masochisten sind zufriedener mit ihrem Sexleben.
Studie: Masochisten sind zufriedener mit ihrem Sexleben. Foto: pixabay.com/Shibari lizensiert nach CC

Menschen mit Fetischen werden heutzutage zum Teil immer noch als „abartig“ verurteilt. Dabei sind Fetische in den letzten 30 Jahren immer alltäglicher geworden. Sie haben etwa die Mode und die Unterhaltungsbranche stark beeinflusst. Kleidung, die als körperbetonend oder sexy gilt, stammt häufig aus der Welt der Fetische. Genauso wie Sexspielzeuge. Noch offensichtlicher ist der Einfluss auf Filme und Bücher, wie „50 Shades of Grey“. Fetische werden immer mehr zur Normalität.

Zwischen Fetisch und scheinbar „normalen“ sexuellen Vorlieben kann man nur schwer eine Grenze ziehen. Nach der psychologischen Definition ist die Obsession mancher Männer für Brüste ein Fetisch, wenn auch kein krankhafter. Aber trotz des großen Einflusses auf unser alltägliches Leben gibt es kaum Zahlen, wie viele Menschen genau Fetische ausleben.

Frauen haben genauso häufig Fetische wie Männer

2016 hat ein kanadisches Forscherteam ein wenig Licht ins Dunkel gebracht. In ihrer Studie befragten sie 1040 Personen aus Quebec (Kanada) zu ihren Erfahrungen mit Fetischen. 45,6 Prozent hatten demnach schon einmal das Verlangen, eine der Sexpraktiken, die als Paraphilie gelten, auszuprobieren. Ein Drittel gab an, eine solche Praxis tatsächlich mindestens schon einmal ausgelebt zu haben.

Laut der Studie haben Männer übrigens entgegen dem verbreiteten Klischee  nicht häufiger einen Fetisch als Frauen. Die Forscher vermuten zudem, dass noch viel mehr der Befragten, Fetische ausleben, aber das aus Scham nicht zugeben wollten. Doch trotz dieser Dunkelziffern zeigt die Studie, dass diese vier Neigungen sehr beliebt sind:

Fetische können zur Krankheit werden

Besonders interessant ist der Zusammenhang zwischen Fetisch und der Zufriedenheit mit dem eigenen Sexleben. Vor allem Personen, die angaben, Masochismus schon einmal ausprobiert zu haben, waren zufriedener mit ihrem Sexleben. Das Ergebnis der Studie: Die Einteilung in „normales“ und „abnormales“ Sexualleben müsse überdacht werden. Denn es gebe einige Fetische, die von einer  großen Anzahl der Bevölkerung praktiziert werden.

Entscheidend sei außerdem, wie stark ein Fetisch ausgeprägt ist. Die Frage ist: Handelt es sich einfach nur um eine Abwechslung im Sexleben oder schon um ein krankhaften Verhalten? Im Falle einer einfachen Abwechslung stellen Fetische nur eine Erweiterung der Sexpraktiken dar und sind nicht unbedingt notwendig, um zum Orgasmus zu gelangen. Zudem sind alle Beteiligten einverstanden. Ein Fetisch ist dann krankhaft, wenn die sexuellen Vorlieben den Alltag beeinträchtigen. Das heißt, ohne diesen speziellen Reiz ist es unmöglich, sexuelle Erregung zu spüren. Im Extremfall kann krankhafter Fetischismus bis zum Missbrauch führen. Bloße Vorlieben für Lack, Leder oder Füße sind davon aber weit entfernt.

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Beitragsbild: pixabay.com/cuncon, lizenziert nach  Creative Commons.

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