Anna hilft Suizidgefährdeten: Ein ungewöhnlicher Nebenjob

Im Studium nebenher zu arbeiten ist nicht unüblich. Für Menschenleben verantwortlich zu sein – schon eher. Masterstudentin Anna gehört zu U25, einer Online-Beratungsstelle für Kinder und Jugendliche mit Suizidgedanken. Eine lebensrettende Aufgabe. 

21 Uhr: Wieder eine neue E-Mail. Ob sich die Situation des Absenders verbessert hat? Oder hat sich sein Selbstmordgedanke verstärkt? Diese Fragen schießen Anna-Lena Thole durch den Kopf, wenn sie abends ihr Mailpostfach aufruft. Während  ihre Kommilitonen halbherzig Werbung und Nachrichten durchklicken, warten auf Anna die Verpflichtungen als Peer. So heißen die ehrenamtlichen Mitarbeiter von U25. Seit Mitte Juli zählt die 24-Jährige dazu.

Zum Online-Lebenretter werden

Anna ist eine ganz normale Studentin. Nur der Nebenjob ist außergewöhnlich. Foto: Alexandra Domanski

Über den Uniserver erfuhr Anna in einer Mail vom Projekt U25 in Dortmund. Neue Berater wurden gesucht, also bewarb sie sich. „Das Thema Suizid und die Prävention – vor allem die Prävention bei Jugendlichen – hat mich sehr interessiert“, berichtet Anna. Das Bewerbungsgespräch verlief super. Anna fühlte sich direkt wohl. „Ich habe mich auf Anhieb dazu entschieden, ein Teil des Projekts sein zu wollen.“ Heute, im dritten Semester des Masterstudiengangs Soziale Nachhaltigkeit und demografischer Wandel an der FH Dortmund, gehört U25 bei Anna zum Alltag. Mit drei Personen steht sie momentan in Kontakt. Wer genau auf der anderen Seite vor dem Bildschirm sitzt, weiß sie aber nicht. Anonymität ist nämlich Teil des Konzepts. Zwar richtet sich das Projekt an Kinder und Jugendliche, geholfen wird aber jedem. Denn niemand ist dazu verpflichtet, sein Alter anzugeben.

U25 – ein lebenswichtiges Projekt

Zeitlich unbegrenzt, kostenlos und anonym – so funktioniert die Kommunikation zwischen Peer und Betroffenem. Wer Hilfe in schwierigen Lebenssituationen sucht, kann sich über die Internetseite anmelden. Die Kontaktaufnahme erfolgt dann per Mail. Allerdings ist eine Anmeldung nur möglich, wenn gerade Peers frei sind. Ist das nicht so, wird auf andere Hilfsangebote hingewiesen. Jährlich nutzen zwischen 200 und 300 Menschen die Online-Beratung. Und es wären noch mehr – dazu fehlen U25 aber im Moment noch die finanziellen Mittel. Das Projekt ist auf Spenden angewiesen.

U25 ist ein Projekt von Jugendlichen für Jugendliche. Foto: U25

Seit November 2015 gibt es U25 in Dortmund. Die Berater arbeiten überwiegend von zu Hause aus, treffen sich aber jede Woche zu einer Teamsitzung. Dabei ist dann auch eine Diplompsychologin. Denn auch wenn die jungen Peers während ihrer Ausbildung durch Aufklärung, Vorträge und Simulationen auf ihre Arbeit vorbereitet werden – der Austausch mit der gesamten Gruppe ist für sie wichtig.

Für das Leben von Fremden verantwortlich sein

Angst, Unsicherheit und Mitgefühl – das fühlt Anna bei ihrem Nebenjob. Sie will nichts falsch machen, gleichzeitig aber so gut es geht eine Stütze für die Unbekannten sein. Mittlerweile ist sie zwar keine unsicherere Anfängerin mehr, der Respekt vor der Verantwortung ist aber da. Und dann gibt es manchmal ein Gefühlschaos. Ohne den Rest des U25-Teams wäre es schwer, damit umzugehen. Anna ist froh, dass sie die anderen immer ansprechen kann. “ Zum Glück sind wir als Team gut vernetzt“, sagt die Studentin. „Wir haben eine WhatsApp-Gruppe und sehen uns oft, wodurch man immer seine Gefühle und aktuelle Fälle mitteilen kann. Wir sind zum Glück einige, da findet sich sogar nachts jemand.“ Dass ihr Mailpartner sich tatsächlich umgebracht hat, hat Anna zum Glück noch nicht erlebt. Trotzdem berühren sie die Schicksale, die sie kennenlernt. Mal mehr, mal weniger. Schließlich hat sie auch ihre eigenen Probleme.

Das eigene Leben steht an erster Stelle

Anna kennt die Hilfesuchenden nicht. Die Mails sind anonym. Foto: Alexandra Domanski

Für Anna ist besonders wichtig: Sie will auf keinen Fall jemanden unter Druck setzen und zwanghaft versuchen, einen Suizidgedanken zu unterdrücken. Sie will Betroffenen helfen, mit solchen Gedanken umzugehen und einen Raum bieten, wo sie sich öffnen können. „Was bei U25 im Vordergrund steht und mir persönlich auch total wichtig ist, ist dass sich diejenigen, die sich an uns wenden, verstanden und auch mit ihren Selbstmordgedanken wertgeschätzt fühlen“, betont die 24-Jährige. Dennoch steht ihr eigenes Wohlbefinden an erster Stelle – anders wäre das gar nicht möglich. „Man muss ein ganz bestimmtes Nähe-Distanz-Verhältnis entwickeln. Das kommt aber mit der Zeit von allein“, erklärt sie. „Man muss sich bewusst sein, dass man nicht auf Knopfdruck abrufbar sein muss, sondern sich durchaus einige Tage Zeit nehmen kann, um über seine Antwort nachzudenken oder Gelesenes zu verarbeiten.“

Dass sie in Zukunft in einem ähnlichen Bereich arbeiten wird, schließt Anna nicht aus. Sie ist durch U25 sicherer im Umgang mit Menschen geworden und noch hat sie als Peer die Möglichkeit zu lernen und an Herausforderungen zu wachsen.

Hinweis für Betroffene

Solltest Du selbst mit Suizidgedanken zu kämpfen haben, kannst Du dich an folgende Beratungsstellen wenden. Onlineberatung:

U25 Dortmund - Onlineberatung durch Jugendliche http://www.u25-dortmund.de

Online-Kummerkasten der Diakonie https://www.diakonie-emailberatung.de

Onlineberatung der Telefonseelsorge https://ts-im-internet.de

Onlineberatung des Kinder- und Jugendtelefons https://www.nummergegenkummer.de

Telefonische Beratung (anonym und kostenlos):

Telefonseelsorge: 0800 / 111 0 111 ? 0800 / 111 0 222 ? 116 123

Kinder- und Jugendtelefon: 116 111

Beitrags-/ Teaserbild: Bei dem Titelbild handelt es sich um keine echte Mail. Foto: Alexandra Domanski

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