Mit Mathe zum YouTube-Star

Mit ihrem YouTube-Kanal "The Simple Club" wollen Alexander Giesecke (links) und Nicolai Schork Mathe verständlich erklären.
Mit ihrem YouTube-Kanal The Simple Club wollen Alexander Giesecke (links) und Nicolai Schork Mathe verständlich erklären.

„Die coolsten Mathe-Videos Deutschlands machen!“ Wer denkt sich sowas aus? Alex, 23, eigentlich ein ganz normaler Student – wie du und ich – nur hat er inzwischen 28 Mitarbeiter, mehr als zwei Millionen Abonnenten auf YouTube und lebt auf Mallorca. KURT-Reporterin Katja Sterzik hat sich mit ihm zum Interview verabredet.

„Moin Leute!“ Diesen Satz hören viele Studenten regelmäßig, vor allem in der Klausurenphase. Dann nämlich, wenn Alexander Giesecke und Nicolai Schork ihnen den Vorlesungsstoff besser erklären als viele Professoren. Die beiden haben The Simple Club gegründet: Mit über 2,2 Millionen Abonnenten bilden sie die erfolgreichste und bekannteste Online-Nachhilfe in Deutschland. Erst letztes Jahr haben die Jungs der Wissenschaftskoriphäe Harald Lesch den deutschen Webvideopreis in der Kategorie „Science and Education“ vor der Nase weggeschnappt. Wie sieht es hinter den Kulissen von The Simple Club aus? Ich erwische Alex in einer ruhigen Minute bei seinen Eltern in der Nähe von Heidelberg für ein Skype-Interview.

Hallo Alex, vielen Dank, dass du dir die Zeit nimmst. Wann hat das mit The Simple Club eigentlich angefangen?

Also Nico und ich, wir kennen uns schon seit der 7. Klasse und wir haben schon immer Lust gehabt, im Internet irgendwas zu starten. In der 11. Klasse haben wir dann mitbekommen, dass unsere Mitschüler vermehrt auf Youtube unterwegs waren, um sich über Dinge schlau zu machen, die sie nicht verstanden. Wir haben uns auch mal umgeschaut und gemerkt, dass es da nur schlechte Videos gab. Warum kann man Erklären nicht einfach mal cool machen? Warum gibt es nur entweder „schlecht in der Schule“ oder „totale Nerds“? Dann haben wir eben unsere eigenen Ideen umgesetzt. Wir hatten mal den Ansporn, die coolsten Mathe-Videos Deutschlands zu machen. Damals dachten wir auch, dass wir das erreicht haben. Und wenn wir jetzt nach ein paar Jahren alte Videos anschauen, denken wir nur: oh je!

Die FAZ hat geschrieben, ihr hättet euch im Abi unterfordert gefühlt und deswegen mit The Simple Club angefangen. Jetzt studierst du nebenher noch in Karlsruhe Maschinenbau. Wie ist das für dich im Studium?

Also unterfordert ist da schon ein krasses Wort. Wir waren nie die „Super-Brains“. Wir haben immer den einfachsten Weg gesucht, die Klausuren gut zu bestehen, und waren dadurch auch ganz gut. Aber ich muss sagen, im Studium ist es schon schwer. Da kann ich nicht drei Tage vor der Klausur alles durchballern. Man muss schon früh anfangen zu lernen.

Hier an der TU Dortmund hat man das Gefühl, jeder kennt euch und jeder hat schon mal mit einem Video von euch gelernt. Wirst du da bei dir an der Uni oft angequatscht?

Also ich war bis zum vierten Semester aktiv an der Uni und da waren wir ja fast die erste Generation an Studenten, die The Simple Club genutzt haben. Dementsprechend kannten einen da noch nicht so viele. Aber inzwischen ist es echt krass. Wenn ich dann mal für Klausuren an der Uni bin, kommen oft Leute zu mir und sagen: „Hey, bist du nicht der von The Simple Club?“ Ich habe dann immer Angst, dass ich die Klausuren nicht bestehe und die Leute dann beim Nachschreibetermin wiedersehe. Das wäre dann peinlich. (lacht)

Auf euren Channels erscheinen jede Woche neue Videos. Man könnte meinen, ihr seid allwissend. Es ist aber kein Geheimnis, dass ihr das nicht nur zu zweit macht. Wie sieht euer Team aus?

Wir haben mittlerweile 28 Leute im Team. Das ist wirklich groß. Wir haben eine Reihe von Autoren – pro Fach ein bis zwei Leute. Das sind Studenten, die das Fach selbst noch in den Anfangssemestern studieren. Wir haben nämlich gemerkt, dass Lernende besser erklären als Absolventen. Oft ist es eben so, dass Leute, die gerade herausgefunden haben, wie man eine Klausur am besten versteht, die beste Erklärung überhaupt abliefern. Und genau solche Leute suchen wir.

Und dann macht jeder sein eigenes Video fertig?

Es gibt verschiedene Schritte, aber im Prinzip läuft die Produktion von jedem Video gleich ab. Die Autoren schreiben fertige Skripte, die dann bei unseren Designern landen. Die erstellen die Animationen und überlegen, mit welchen Bildern man das Thema anschaulich erklären kann. Danach kommt das Skript zu mir und ich spreche den Text für das Video. Am Ende geht das Ganze nach Berlin zu unseren Cuttern und Motion-Designern. Die schneiden alles zusammen, animieren noch ein bisschen und dann geht das Video online.

Wie lange dauert es, bis ein Video fertig ist?

Alles zusammen so 12 bis 16 Stunden. Natürlich nicht an einem Tag. Die einzelnen Schritte sind auch komplett voneinander getrennt. Es ist wie eine Massenproduktion, die Bock macht.

Und das Geld verdient ihr komplett über YouTube?

Nein. Wir haben aktuell zwei Einnahmequellen: einmal die Werbung und einmal das Premium-Abo in unserer App. Wir dachten am Anfang, wir könnten uns über die YouTube-Werbung komplett finanzieren. Das geht aber oft, wie man auch an anderen YouTubern sieht, leider ziemlich in die Hose. Wir könnten mit unseren Einnahmen dann nicht einmal die Firma aufbauen.

Und so seid ihr dann auf die Website gekommen?

Wir haben überlegt: Wie können wir das Geschäftsmodell in unserer eigenen Hand behalten, aber gleichzeitig auch etwas machen, was den Schülern hilft. Mit unserer App und auf der Website fahren wir ein ähnliches Modell wie Spotify. Alle Videos sind erstmal kostenlos, aber wenn du das Komplettpaket mit individuellen Lernplänen und Spickzetteln haben willst, zahlst du zehn Euro im Monat – ist tatsächlich auch im Vergleich zu anderen Anbietern das günstigste in Deutschland.

Das klingt nach richtig viel Unternehmertum und vor allem richtig viel Arbeit. Hast du da überhaupt noch Zeit für dich selbst?

(Lacht) Also vielleicht vorweg zur Klarstellung: Viele denken, wir wären YouTuber oder Nachhilfelehrer. Aber Nico und ich sind auf jeden Fall Unternehmer. Und wir bilden uns auch in dem Bereich weiter, um eben nicht in die Falle eines Selbstständigen zu kommen, der am Tag 80 Stunden arbeitet und dann mit 21 einen Burnout hat. Wir investieren sehr viel Zeit, um Konzepte zu finden, die im Hinblick auf Zeitmanagement für uns gut funktionieren. Und da haben wir uns einen sehr geilen Tagesablauf überlegt:

Montag bis Freitag arbeiten wir richtig hart – aber nicht von 5 Uhr bis 10 Uhr abends. Wir stehen schon um 5 Uhr auf, machen dann in der ersten Stunde unser „Eat-the-Frog“, also das Schlimmste, was am Tag so ansteht. Dann ist das nämlich schon mal abgehakt. Dann gehen wir trainieren und erledigen danach bis 13 Uhr die wichtigsten Sachen für unsere Weiterentwicklung – für uns, für die Firma, irgendetwas, was wirklich wichtig ist. Da darf uns auch keiner stören. Wir nehmen nie das Telefon ab, das ist eine Grundregel bei uns. Die Leute müssen immer einen Termin machen. Und nachmittags holen wir das alles dann eben nach, da gibt es dann Calls, Meetings, Umsetzung von Konzepten und so weiter. Und gegen Abend, zu einer relativ normalen Zeit, schließen wir dann alles und konzentrieren uns komplett auf unsere Freizeit: machen irgendwas, was uns ablenkt, worauf wir Bock haben.

Und dazu muss ich auch noch was loswerden: Ich wohne ja auf Mallorca und Nico in Konstanz. Uns war es von Anfang an extrem wichtig, die Firma remote aufzubauen. Und zwar nicht nur für uns als Chefs und die Mitarbeiter sind die Sklaven, sondern wir bieten das jedem.

Es gibt keine festen Konferenzen oder Meetings mit dem Team?

Wir haben in Berlin zwar ein festes Büro, aber die Leute, die man dort trifft, sind in dem Moment nur da, weil sie auch da sein wollen. Jeder von denen könnte von überall aus arbeiten, von mir aus auch Hawaii. Ganz egal! Aber der gute Effekt ist dann, dass sie ins Büro kommen, weil sie wollen und um den Kontakt zu den anderen zu haben. Und dann herrscht eine richtig geile Atmosphäre.

Vielen Dank.

Aktuell werden auf den neun Channels von The Simple Club überwiegend naturwissenschaftliche Fächer wie Mathe oder Chemie abgedeckt, die für viele wie ein Endgegner sind. Allerdings hat Alex mir verraten, dass neben Geschichte zunehmend mehr Geisteswissenschaften angeboten werden sollen. Ein Fan hat mal gefragt: Warum dann nicht gleich The Simple School? Da hat Alex aber auch eine klare Meinung zu:

Wir wollen niemals eine Konkurrenz oder ein Ersatz zur Schule sein. Vor allem, weil wir keinen Bock darauf haben, wie Schule zu sein. Wir wollen der Zusatz sein, der dann zum Einsatz kommt, wenn die Leute uns wollen – nicht, wenn sie es müssen.

Teaser-/Beitragsbild: Oana Szekely/wdv

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