Mangel im Handwerk: Zu viele wollen an die Unis

Das Handwerk boomt, doch der Branche fehlt der Nachwuchs. Auch in Dortmund suchen viele Betriebe händeringend Auszubildende.

Wenn Konditormeister Andy Schrader Bewerberinnen oder Bewerber zum Vorstellungsgespräch einlädt, passiert es regelmäßig, dass dann zum Termin niemand auftaucht. „Die Bewerber haben im Moment die freie Wahl, wo sie hingehen möchten, weil überall Ausbildungsplätze frei sind“, sagt der 47-Jährige Geschäftsführer des Dortmunder Traditionsbetriebes Café Schrader. „Wenn man jemand Gutes gefunden hat, muss man den hüten, wie einen Augapfel.“

Das Problem der ganzen Branche begründet Hans Peter Wollseifer, Präsident des Zentralverbands des Deutschen Handwerks, im Nachwuchsmangel. Etlichen Betrieben in Deutschland fehlen die Auszubildenden, sodass Bürger auf Handwerker lange warten müssen, sagte er den Zeitungen der Funke Mediengruppe.

Diesen Nachwuchsmangel gibt es laut der Handwerkskammer (HWK) auch in Dortmund. „Da kommen viele Faktoren zusammen“, sagt Tobias Schmidt, Abteilungsleiter für die Auszubildendenberatung und Lehrstellenvermittlung der HWK Dortmund. In Dortmund sind laut HWK derzeit von 276 gemeldeten Ausbildungplätzen noch 235 unbesetzt (Stand 25.06.2018).

Die Top 5 der freien Stellen finden sich in folgenden Branchen:

1. Anlagenmechaniker*in; Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik

2. Gebäudereiniger*in

3. Elektroniker*in; Energie- u. Gebäudetechnik

4. Friseur*in

5. Maler und Lackierer*in

Laut Tobias Schmidt ist das Handwerk derzeit besonders gefragt. Aufgrund der niedrigen Zinsen, könne man von einem regelrechten Bauboom im urbanen Bereich sprechen. Doch es kommt zu langen Wartezeiten, da die Handwerksbetriebe ausgelastet sind – sie finden keine Auszubildenden. „Das liegt auch daran, dass die Hochschuldichte gerade hier im Ruhrgebiet gewachsen ist und immer mehr junge Menschen studieren möchten. Die Bildungspolitik hat in den letzten 20 Jahren auch immer suggeriert, dass ein Studium das Nonplusultra darstellt“, so Schmidt.

Mehr als die Hälfte der Geburtsjahrgänge will studieren

Dass die Zahl der Studierenden steigt, kann auch Eva Prost, Pressesprecherin der TU Dortmund bestätigen: „Zum einen ist der Teil der Leute gewachsen, die Abitur machen, zum anderen streben zur Zeit mehr als die Hälfte der Geburtsjahrgänge ein Studium an. Man nennt das eine gestiegene Studierneigung, die wir auch mit wachsenden Studierendenzahlen bei uns an der TU Dortmund feststellen.“

Diese Entwicklung bringt Bewerberinnen und Bewerber in eine angenehme Lage: „Auszubildende haben im Moment ein großes Angebot an Jobs mit hervorragender Zukunftsperspektive“, sagt Tobias Schmidt von der HWK Dortmund. Gleichzeitig sieht er den Wertewandel der Gesellschaft kritisch:

Alle wollen an die Unis, obwohl das vielleicht gar nichts für sie ist. Bei einer Abbrecherquote von 35 Prozent sollte man sich als Gesellschaft schon überlegen, wo wir hinwollen.

Die berufliche Ausbildung in Deutschland biete hervorragende Entwicklungsmöglichkeiten, so Schmidt. Man könne auch mit einem Meister studieren und habe so gleichzeitig eine zusätzliche berufliche Qualifikation.

Bewerbersuche ist derzeit ein „Graus“ für Betriebe 

Konditormeister Andy Schrader ist jedenfalls froh, dass er in der Backstube drei Auszubildende hat. Im Verkauf sieht es schon schwieriger aus: „Das ist bei uns ja keine einfach Verkäuferausbildung. Fachverkäufer im Lebensmittelbereich müssen auch handwerklich einiges drauf haben. Die Suche nach geeigneten Leuten ist aber ein Graus, und das geht auch meinen Kollegen so.“

Ein weiteres Problem: „Wenn man erstmal jemanden hat, so nach dem Motto ‚besser als nix‘, überlegt man sich zwei Mal, ob man bei Fehlern eine Abmahnung schreibt. Da muss man aufpassen, dass die Qualität weiterhin stimmt.“ Große Betriebe würden sogar „Leckerchen auslegen“, wie zum Beispiel einen Firmenwagen. „Das können wir als Familienbetrieb natürlich nicht bieten“, sagt Schrader.

Mehr zum Thema Handwerk und Ausbildung:

In unserem KURT-Spezial stellen wir euch Handwerker vor und zeigen, wie sie Nachwuchssorgen und andere Probleme meistern wollen. Außerdem haben wir einen Studienabbrecher begleitet, der mit einer Ausbildung einen Neuanfang wagen will. Ob das klappt, erfahrt ihr hier.

Teaser- und Beitragsbild: HWK Dortmund / Andreas Buck

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