Kein Zuckerschlecken – wenn Diabetes das Leben bestimmt

Diabetes ist nur etwas für alte und übergewichtige Menschen? Stimmt nicht. Die Krankheit kann auch Veranlagung sein – und junge Leute treffen. So oder so bedroht der vermeintlich harmlose Zucker dann den Körper und das ist manchmal sogar lebensgefährlich.

Wenn die Sommersonne auf den Campus scheint gibt es viel nackte Haut zu sehen. Und Ilie wird besonders angestarrt. Es sind nicht die dunklen lange Haare, die sportliche Figur oder der lässige Gang. Das rund vier mal fünf Zentimeter große weiß-graue
Stück Plastik an ihrem Arm sorgt für neugierige Blicke. Viele wissen nicht wie wichtig dieses kleine Gerät in ihrem Leben ist. Denn ablegen kann Ilie ihre Insulinpumpe niemals, sonst könnte sie, zumindest auf Dauer, nicht weiterleben. So ist die Krankheit immer präsent – am Körper und im Kopf. Ilie Shirin ist 23 Jahre alt und lebt seit fünf Jahren mit Diabetes Typ I.

Diabetes Mellitus, besser bekannt als Zuckerkrankheit, ist eine Stoffwechselstörung. Der Körper produziert zu wenig Insulin, um Kohlenhydrate in Energie umwandeln zu können. Der Zucker bleibt in der Blutlaufbahn, was kurz- und langfristig die Gesundheit gefährdet: Nervenschäden, Nierenschäden, Beeinträchtigung der Blutgefäße, Erblindung. Laut des Gesundheitsberichts der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) ist die Lebenserwartung von Patienten  5,8 Jahre und von Patientinnen 6,9 Jahre niedriger als bei gesunden Menschen.

Vor allem Kinder und Jugendliche sind betroffen

Die Krankheit kann in zwei verschiedenen Formen auftreten: ​Typ I und Typ II. Den Unterschied erklärt der Arzt Klaus Busch. Er führt die diabetologische Schwerpunktpraxis im Dortmunder Centrum für Medizin und Gesundheit (DOC). Typ II werde meist durch falsche Ernährung und mangelnde Bewegung verursacht, sagt er. Oder die Patientinnen und Patienten sind bereits älter, weshalb die Insulinproduktion nachlässt. Sie müssen dann Tabletten einnehmen, die die Insulinproduktion wieder in Gang bringen. Heilung ist bei jungen Patientinnen und Patienten mit einer ausgewogenen Ernährung und Sport durchaus möglich. Typ I, woran Studentin Ilie leidet, ist dagegen eine Autoimmunerkrankung und basiert nicht auf Ernährung und Bewegung, sagt Busch. Diabetes Typ I tritt oft schon im Kindesalter, bei jungen Erwachsenen und sogar bei Säuglingen auf. ​162 von 100.000 Kindern unter 14 Jahren und 328 von 100.000 zwischen 15 und 19 Jahren sind in NRW an Typ-1-Diabetes erkrankt. Dabei glaubt der Körper, die eigenen Insulinproduzierenden Zellen seien Viren und er bildet Antikörper. Das Ergebnis: absoluter Insulinmangel, keine Energie mehr. Die Funktion der Insulinproduktion kann bei Typ I nie wiederhergestellt werden, unheilbar und absolut. Warum es diesen Prozess gibt, ist trotz intensiver Forschung bis heute unklar.

 

Ilie muss sich Insulin nicht mehr spritzen, sie hat inzwischen eine Insulinpumpe am Arm

Ein zu hoher Blutzuckerspiegel macht sich bei Diabetikerinnen und Diabetikern – wie auch bei Ilie – früher oder später bemerkbar. Die Lehramts-Studentin trank, bevor sie von der Krankheit erfuhr, mehr als sechs Liter Flüssigkeit am Tag, weil der Körper versuchte, den Zucker aus dem Blut zu spülen. Sie konnte schlechter sehen und wurde zunehmend müde und schlapp. Die Energie fehlte. Ilie bemerkte diese Symptome im Prüfungsstress für die Abiturklausuren.

„Da ich wegen des Abis so unter Strom stand, habe ich die Veränderungen an meinem Körper eher als Nebeneffekte vom Stress wahrgenommen“, erklärt die 23-Jährige. „Ich habe mit meiner Mama tatsächlich mal meine Beschwerden gegoogelt und sofort wurde Diabetes angezeigt. Damals haben wir uns noch darüber lustig gemacht.“ Doch die Müdigkeit blieb. Sie fühlte sich kraftlos, auch weil sie stark abnahm. Das Fett verschwindet, schließlich auch Muskelmasse. Bei Diabetes Typ I wandelt der Körper aufgrund des fehlenden Insulins nicht Kohlenhydrate zu Energie um, sondern körpereigenes Fett und Eiweiß. „Wenn der Körper ausschließlich Fett verbrennt, entstehen Ketone, die als Energie dienen. Diese gelangen ins Blut und lassen es übersäuern. Das kann in schlimmen Fällen zu einem lebensgefährlichen Koma führen“, sagt der Diabetologe Dr. Busch.

Angst vor der Unterzuckerung

Schließlich musste Ilie ins Krankenhaus. „Mit der Diagnose konnte ich erst einmal nichts anfangen. Meine Mama und ich sind vorher noch gemütlich einkaufen gegangen. Im Krankenhaus musste ich dann für ein paar Tage auf die Intensivstation“, erinnert sie sich. „Dort habe ich mich noch sehr behütet gefühlt.“ Sie habe gelernt, wie sie Kohlenhydrate berechnet, die sie isst, und sich passend Insulin verabreicht. Im Laufe der Zeit erlebte sie auch ein paar Mal eine Unterzuckerung: „Das war ziemlich übel.“ Nebenerscheinungen einer Unterzuckerung sind kaltes Schwitzen, Zittern, Herzjagen, Blutdruckanstieg und schließlich die Ohnmacht. Eine Unterzuckerung kann bei falscher Berechnung der Kohlenhydrate durch eine erhöhte Zufuhr des Insulins entstehen, durch den Genuss von Alkohol und durch Sport. Es fehlt Zucker, um den Körper am Laufen zu halten.

Diese Auswirkungen belasten Illie auch nach fünf Jahren noch sehr. „Nachts kann ich nicht so gut schlafen, da ich automatisch öfter wach werde, um meinen Zucker zu kontrollieren. Ich habe Angst zu unterzuckern.“ Bei einer starken Unterzuckerung könnte sie sogar ins Koma fallen . „Manchmal nervt mich einfach alles an dem Diabetes. Dann fange ich an alles zu verfluchen. Doch meine Freundin Magdalena holt mich dann wieder auf den Boden der Tatsachen zurück und kann mich beruhigen“, sagt die 23-Jährige. Ihre Partnerin helfe ihr dabei, die Krankheit mal für einen Abend zu vergessen.

Die Insulinpumpe versorgt Ilie automatisch mit Insulin

Die Unterzuckerungen sind nicht Ilies einziges Problem mit der Krankheit. „Ich mag es nicht, wenn Laien, die keine Ahnung haben, mir sagen, was gut und was schlecht für mich ist“, sagt sie. Auch ihre Mutter habe zu Beginn versucht, ihren Umgang mit Diabetes zu kontrollieren. „Meine Zuckerwerte sind immer noch etwas zu hoch, doch andere Leute verstehen eben nicht, dass es nicht so einfach ist“, sagt Ilie. Dr. Busch kennt dieses Phänomen vieler seiner Patientinnen und Patienten. „Eine perfekte physiologische Einstellung ist bei einem Diabetiker nicht möglich. Das künstliche Insulin kann nicht wie das körpereigene Insulin wirken.“ Früher musste Ilie spritzen, inzwischen trägt sie eine elektronische Insulin-Pumpe am Arm. Auch mithilfe dieser ist das nicht möglich. Wenn sie Sport treiben, müssen Betroffene die Insulin-Dosis anpassen.
Denn die Muskeln ziehen sich den Zucker dann aus dem Blutkreislauf, was den Zuckerspiegel ebenfalls stark beeinflusst.

In verschiedenen Bereichen des Alltags benachteiligt

Ilie spielt seit ihrer Kindheit Handball. Während des Trainings treten oft Unterzuckerungen auf und sie muss eine Pause machen. Darunter leidet nicht bloß ihre Gesundheit. „Wenn ich sage, dass es mir wegen des Zuckers nicht gut geht, denken die anderen inzwischen, dass ich den Diabetes nur als Ausrede benutze.“ Zusätzlich hätten ihre Trainer sie nach ihrer Diagnose ausgemustert, sodass sie mit ihrer Mannschaft nicht aufsteigen durfte. „Ich denke nicht, dass meine Trainer unbedingt an meine Gesundheit gedacht haben, sondern eher an die Leistung und den Erfolg des Teams.“ Auch in anderen Lebensbereichen hat Ilie es schwerer als gesunde Menschen. Diabetikerinnen und Diabetiker durchlaufen ein strengeres Verfahren beim Führerschein. Selbst dann, wenn sie gut eingestellt und geschult sind. Sie seien zudem bei der Arbeitssuche und dem Abschluss einer Lebens-, Unfall- oder Krankenversicherung benachteiligt, heißt es im Gesundheitsbericht der DDG.

Die Leichtigkeit des Lebens geht ein Stück weit verloren.

Ann-Sophie Ulrich, Diabetes-Beraterin

 

Die Krankheit schränkt das Leben in vielen Bereichen ein ​– auch auf psychologischer Ebene, sagt Ann-Sophie Ulrich. Sie ist Diabetes-Beraterin im Marien-Hospital in Dortmund-Hombruch. „Die Party, Essen gehen mit Freunden, einen Partner oder eine Partnerin finden – Gedanken um den Zucker an sich macht sich der Patient immer.“ Auch das ständige Nachdenken über das Essen sei eine starke Belastung: „Wenn die Freunde alle Pizza bestellen, müssen die sich nicht darum sorgen, wie viele Kohlenhydrate da drin sind und was später mit dem Blutzucker passiert.“ Es könne aber auch anders gehen: „Die Motivation und der Umgang mit der Krankheit ist bei jeder Patientin und jedem Patienten unterschiedlich. Manche haben keine Probleme damit.“

Das Mittagessen mit Freunden wird zur Hürde

Ilies Messgerät ist klein und sieht auf den ersten Blick wie ein ganz normales Handy aus

Damit die Berechnung der Kohlenhydrate im Essen stimmt, müssen die Nährwerte kontrolliert werden. Essen die Patientinnen und Patienten zum Beispiel in der Mensa an der Uni, müssen sie schätzen – und das klappt in den meisten Fällen nicht. Die Folge: Über- oder Unterzuckerung. Ilie isst deshalb nur noch selten außerhalb von Zuhause. Sie kocht lieber für sich selbst. „Ich versuche dann auch mich so gesund wie möglich zu ernähren. Obwohl mich das meist eher mehr unter Druck setzt und stresst. Vor der Diagnose habe ich mich mit dem Thema Ernährung kaum beschäftigt.“ Sie liebt Schokolade und Chips. „Der Diabetes liebt das leider nicht so sehr“, sagt die Lehramts-Studentin, die sich seit 2010 vegetarisch ernährt.

Ein weiteres Problem: Typ-I-Diabetikerinnen und -Diabetiker nehmen aufgrund des extern zugeführten Insulins schneller zu als gesunde Menschen. „Als ich mal im Krankenhaus war, meinte ein Arzt ganz nüchtern zu mir, dass ich mich besser ernähren und einfach abnehmen soll. Doch das ist eben nicht so einfach mit Typ I“, sagt Ilie. Inzwischen nimmt sie die Einschränkungen sowie den psychischen Druck wegen des Diabetes nicht mehr so präsent wahr. „Für mich ist vieles zum Automatismus geworden“, sagt sie. Die Krankheit bestimmt dennoch ihr Denken und ihren Alltag. Das erste, woran sie morgens denkt? „Das ist doch klar. Ich mess‘ sofort meinen Zucker.“

 

Beitrags- und Teaserfoto: Jessica Eberle

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1 Comment

  • Hallo Ilse,
    Ich habe grade den Beitrag „keine Zuckerschlecken, wenn Diabetes das Leben bestimmt“ gelesen und konnte mich darin sehr gut wider finden, da ich seit 2012 Diabetes Mellitus habe.
    Ich studiere seit diesem Semester an der tu Dortmund Sonderpädagogik auf Lehramt und wollte fragen ob es bei den Prüfungen einen Nachteilsausgleich gibt falls man Unterzuckern würde.

    liebe Grüße, Lea Köppe

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