Corona: Sorge gegen Gewalt an Kindern wächst – warum Zahlen wenig Auskunft geben

Gewalt gegen Kinder: Mädchen schlägt die Hände vor ihr Gesicht.

Für viele Kinder und Jugendliche ist Gewalt trauriger Alltag. Ob physisch oder psychisch, oft sind sie dieser schutzlos ausgeliefert und haben lange mit den Folgen zu kämpfen. In Deutschland bleibt die Gewalt an Kindern auf einem hohen Niveau.

Das geht aus der Auswertung der Polizeilichen Kriminalstatistik 2019 zu kindlichen Gewaltopfern hervor, die das Bundeskriminalamt (BKA) am Montag, 11. Mai, in Berlin vorgestellt hat. Gerade in der Corona-Krise wächst die Sorge, dass Kinder vermehrt Opfer von Gewalt werden könnten.

Die nackten Zahlen sprechen dagegen.

Katrin Pinetzki, Pressesprecherin der Stadt Dortmund

Bisher sind die Fallzahlen von Gewalt gegen Kinder während der Pandemie in Dortmund scheinbar nicht gestiegen. Die Pressestelle der Stadt Dortmund sagte auf KURT-Anfrage, es habe sogar weniger Meldungen als vor Corona gegeben. Allerdings seien durch die Schließungen von Kitas, Schulen und Jugendzentren auch wichtige „Kontrollsysteme“ weggefallen, aus denen normalerweise viele solcher Meldungen kämen. Kinder und Jugendliche, die selbst von Gewalt betroffen seien und jeder, der den Verdacht habe, dass Kinder Gewalt ausgesetzt seien, könnten sich Tag und Nacht an den Notdienst des Jugendamts wenden, heißt es von der Stadt Dortmund.

Auch bei Arndt van der Wurp hat sich bei der Anzahl der Fallanfragen bisher nichts verändert. Er arbeitet beim Deutschen Kinderschutzbund Dortmund. „In den Familien, in denen es schon vorher Gewalt gab, sind durch den Lockdown und die Isolation, die Belastungen und Spannungsfelder mehr geworden. In diesen Familien kann es vermehrt zu Gewalt kommen. Aber da, wo vorher keine Gewalt war, wird es durch Corona auch nicht plötzlich zu Gewalt kommen“, meint der Soziotherapeut. Im Gegenteil sei ihm aufgefallen, dass viel mehr Familien draußen gewesen seien und mehr Zeit miteinander verbracht hätten. „Die Annahme, dass es einen signifikanten Anstieg der Gewaltzahlen gibt, kann ich erstmal nicht bestätigen“, so van der Wurp.

Vieles entsteht auch in den Köpfen der Erwachsenen. Für einige Kinder und Jugendliche ist der Lockdown gar nicht so schwierig. Sie kommen gut mit den Bedingungen zurecht.

Arndt van der Wurp

Schutzräume fehlen während der Pandemie

Damit sich Kinder und Jugendliche schützen können, müssten überhaupt erst Möglichkeiten vorhanden sein. Laut van der Wurp werde allerdings durch die Pandemie das soziale Umfeld eingeengt. Das Kind bleibe also in seinem Familiensystem. „Gewalt fällt demnach nicht auf.“ Normalerweise sei durch das soziale Umfeld ein Schutzraum gegeben. Da die Kinder und Jugendlichen aber durch den Lockdown isoliert seien, könnten sie sich nicht direkt an jemanden wenden.

Sie sind allein. Das ist das Schwierige und Gravierende.

Arndt van der Wurp

Umfeld sollte gerade wegen der Isolation aufmerksam bleiben

Dass die Corona-Krise deutschlandweit zu einer Zunahme von Gewalt oder Missbrauch in der Familie führe, lasse sich in den Daten bisher nicht erkennen, erklärt Holger Münch, Präsident des Bundeskriminalamtes am Montag, 11.Mai, in Berlin. Sie seien allerdings mit großer Vorsicht zu interpretieren, da das Dunkelfeld groß sei. Existenzängste und familiäre Spannungen könnten dazu beitragen, dass Konflikte eskalierten. Es sei also möglich, dass die Gewalt im Zusammenhang mit Corona zunehmen könne. Umso wichtiger sei es, dass das soziale Umfeld trotz physischer Distanz aufmerksam bleibe und sich bei einem Verdacht an die Polizei oder an Beratungsstellen und das Jugendamt wende. Denn wenn Täter und Opfer kontinuierlich im Haus bleiben, sei es für Kinder sehr schwierig unbemerkt Gewalterfahrungen zu melden und Hilfe zu bekommen, teilt das BKA mit.

Weniger Todesfälle in der Statistik

Die tatsächlichen Auswirkungen der Pandemie auf die Fallzahlen bleiben also abzuwarten. Grundsätzlich sind laut Auswertung des Bundeskriminalamts im vergangenen Jahr weniger Kinder als im Vorjahr vorsätzlich oder fahrlässig getötet worden oder in Folge von Körperverletzung gestorben. 2019 waren es 112 Kinder, 2018 waren es 136. Auch die Zahl der Misshandlungen ist leicht rückläufig, bewegt sich aber auf dem Niveau der Vorjahre. Dafür sind die Zahlen zu sexueller Gewalt, sexuellem Missbrauch und Kinderpornografie angestiegen.

Jeden Tag werden durchschnittlich 43 Kinder Opfer sexueller Gewalt 

2019 sind 15.936 Kinder in Deutschland Opfer sexueller Gewalt geworden, ein Jahr zuvor waren es 14.606 Kinder. Das entspricht einem Anstieg um neun Prozent. Die Zahl der Opfer von sexuellem Missbrauch ist auf 15.701 Kinder gestiegen – ebenfalls ein Plus von neun Prozent.

Bei kinderpornografischen Delikten hat das Bundeskriminalamt im Jahr 2019 12.262 Fälle registriert. Im Vorjahr ermittelte die Polizei noch in 7449 Fällen. Das zeigt einen Anstieg um fast 65 Prozent. Laut BKA bedeutet das nicht zwangsläufig eine höhere Zahl von Straftaten. Viel mehr gebe es inzwischen deutlich mehr Hinweise auf Kinderpornografie. Denn vom US-amerikanischen National Center for Missing and Exploited Children (NCMEC) bekam das BKA im vergangenen Jahr etwa 62.000 Hinweise, aus denen sich 21.600 Fälle ergaben.

Auch Jugendliche werden zu Tätern

Im Bereich der Kinderpornografie würden auch Jugendliche immer häufiger Videos über Messenger Dienste wie WhatsApp und Facebook tauschen, so das BKA. Ihre Motive seien dabei nicht pädosexueller Natur, sondern der Austausch erfolge ohne sich ausreichende Gedanken über den kinderpornographischen Charakter der geteilten Dateien und die strafrechtlichen Folgen zu machen.

Hilfsangebote für Betroffene und Angehörige

Jugendamt der Stadt Dortmund; Notdienst 0231 500

Deutscher Kinderschutzbund Dortmund; 0231 8479780

Nummer gegen Kummer für Kinder, Jugendliche und Erwachsene; 116 111

 

Beitragsbild: Anemone123 / Pixabay

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