Als Adrian sich Michelle nannte

Als Kleinkind haben wir alle gelernt: Es gibt Männer und Frauen – also zwei Geschlechter.  Aber nicht ohne Grund kann man bei Facebook inzwischen aus über 60 verschiedenen Geschlechtern wählen. Es gibt eben doch nicht nur männlich und weiblich, sondern zum Beispiel auch Transsexualität: Michelle sieht sich als Transfrau.

Michelle ist 21 Jahre alt. Kennengelernt haben viele sie als jungen, attraktiven Mann. Denn 19 Jahre lang lebte sie als Adrian – diesen Namen gaben ihr ihre Eltern, als sie als Junge zur Welt kam. Dass sie aber lieber jemand anderes als Adrian ist, nämlich eine Frau, hat sie schon früh geahnt: „Das merkst du irgendwann, dass dieses Ich, das du lebst, nicht zu dir passt“, fasst sie es nachdenklich zusammen. Es fällt ihr nicht ganz so leicht, dieses Gefühl in Worte zu fassen. Dass die Person ‚Adrian‘ nicht zu ihr passt, habe sie an ganz alltäglichen Dingen und den typischen Rollenbildern gemerkt. Als Kind habe sie lieber mit Puppen gespielt. Fußball und Autos – typische „Jungs-Sachen“ – mochte sie nicht.

Fragen und Antworten

Nach vielen schlaflosen Nächten mussten auf die Fragen endlich Antworten her. Erste Anlaufstelle: das Internet. „So komisch das klingt, man googelt das erst einmal.“ Mit vierzehn, fünfzehn Jahren wusste Michelle fast noch nichts von dem dritten Geschlecht, wie manche die Transsexualität nennen. Nach viel Recherche traute sich Michelle dann, damals noch Adrian, sich zu outen. Das war im Dezember 2015. „Da war dann dieses eine Gefühl, das mir sagte: ‚Du bist bereit – Jetzt ist die Zeit dafür gekommen’“

Es gibt Hilfe!
Menschen, die sich dem anderen Geschlecht zugehörig fühlen, sind sich in vielen Fällen unsicher, wie sie mit den Gefühlen umgehen sollen. Vereine wie Trans-Ident e.V. helfen und geben Tipps, zum Beispiel zum Thema Outing.

Ihre Schwester Ricarda kann sich noch gut an diese Situation erinnern. „Ich sollte die Augen zumachen, saß auf einem Stuhl mit dem Rücken zu Adrian, er hat sich umgezogen und dann kam er in Frauenklamotten rein. Also erst einmal war ich so ein bisschen ‚ok, cool, was geht denn hier ab?‘  Musste ich verarbeiten, war aber cool.“ Ricarda muss dabei grinsen, Michelle lacht mit. Aber noch ist Michelle für ihre Schwester mehr Adrian als Michelle: „Ich glaube ich werde auch weiterhin ‚Adrian‘ sagen, weil ich das einfach so kenne.“ Für Michelle ist das erstmal okay – sie versteht, dass es für ihre Schwester eine große Umstellung ist. Das war es auch für ihr Umfeld: Einige Freunde haben sich abgewandt. „Aber das waren die, von denen ich es eh erwartet hätte. Kein großer Verlust“. Der andere Teil habe zu ihr gehalten und sie unterstützt. Dazu zählen auch die Kommilitonen an der FH, ergänzt Michelle. Für ihre geschiedenen Eltern war es auch eine Umstellung. Ihrer Mutter hat sie es zuerst gesagt, „bei meinem Vater brauchte ich etwas mehr Mut, er hat es auch nicht ganz so schnell realisiert.“

Zweite Pubertät

Und auch bei Michelle hat sich das Leben in vielen Teilen verändert. Sie erlebt eine Art zweite Pubertät: „Wie jedes Mädchen, das mit zwölf Jahren den Lippenstift der Mutter über das Gesicht zieht, macht man das fast genauso. Man muss halt lernen, was für ein Typ man ist…“ Für Transsexuelle sei gerade das Schminken nicht so einfach, weil die Gesichtskonturen anders betont werden müssten. Sonst sähe es nicht weiblich aus. Hilfreich sind dabei zum Beispiel Internetforen und YouTube-Videos.

Und auch wenn Michelle noch in einem männlichen Körper steckt, gibt es Sachen, die ihr an ihrem neuen weiblichen Ich gefallen: So ist sie stolz auf ihr weibliches Verhalten und darauf, lange Haare zu haben.

Frauen- statt Männerabteilung

Richtig sicher fühlt sie sich allerdings erst in den passenden Klamotten. Deshalb geht sie beim Shoppen auch immer direkt in die Frauenabteilung. „Ich habe in der Männerabteilung jetzt wirklich nichts mehr, was ich bräuchte“, sagt Michelle. „Weil es für mich jetzt auch gar keinen Anreiz mehr macht, mir irgendwelche Schlabberjeans zu holen oder so.“ Stattdessen greift sie lieber zu den engen Modellen aus der Frauenabteilung – die betonen die Figur. Die Frauenkleidung ist für sie die effektivste Möglichkeit, sich weiblich zu fühlen, ohne direkt auf der Straße angestarrt zu werden.

Psychologen beraten
Bevor zum Beispiel eine endgültige Geschlechtsumwandlung ansteht, muss es ein psychologisches Gutachten geben. Psychologen beraten aber auch grundsätzlich und begleiten in diesem Lebensabschnitt. Hier gibt es eine Auflistung von Psychologen in NRW.

Und wenn sie doch mal auf der Straße angestarrt wird, dann fallen ihr die Blicke definitiv auf, gibt Michelle zu. Das passiert gerade dann, wenn sie auffallend weiblich angezogen ist – zum Beispiel mit Rock, Strumpfhose und hohen Schuhen. Richtig gut tue es, wenn sie auch als Frau angesprochen wird. „Das ist halt auch so eine Sache wo man merkt, das ist der richtige Weg für mich – wenn man solche Situationen hat und richtig happy danach ist, weil man auch so gesehen werden will.“

Entwicklung ist ein langer Weg

Ob Michelle aber auch mal in einem weiblichen Körper leben wird, weiß sie noch nicht. Die ganze Entwicklung ist ein langer Weg mit vielen Entscheidungen und Risiken – denn nach einer finalen OP gibt es kein Zurück mehr. Die wenigsten sind sich wirklich sicher, dass eine Geschlechtsangleichung endgültig das Richtige für sie ist. Auch bei Michelle ist das so. „Deshalb nehme ich auch Termine bei Psychologen, dass ich sicher sein kann: Sind diese Risiken für mich so greifbar und setze ich es aufs Spiel?“ Bis sie eine endgültige Entscheidung darüber getroffen hat, ob sie in einem Frauenkörper zu leben möchte, verwirklicht Michelle ihr Leben als Frau auf anderen Ebenen: Inzwischen heißt sie Michelle statt Adrian bei Facebook und begeht in Frauenklamotten ihren Alltag.

Beitrags- und Teaserfoto: pixabay.com/PDPics, lizensiert nach CC0

Redaktioneller Hinweis: Weil Michelle sich aktuell in einer Phase der Veränderung befindet, hat sie sich dagegen entschieden, dass Bilder von ihr veröffentlicht werden. 

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