Währungskrise in der Türkei – Sollte Deutschland helfen?

Die Türkei steckt in einer wirtschaftlichen Krise – der Kurs der Landeswährung Lira stürzte vor zwei Wochen um rund 21 Prozent gegenüber dem Dollar ab. Die SPD-Vorsitzende Andrea Nahles brachte am vergangenen Wochenende eine mögliche Hilfe von Deutschland ins Gespräch. Nachdem sie am Mittwoch ihren Vorschlag noch einmal verteidigte, stellt sich die Frage – ist das sinnvoll?

Was ist passiert?

Seit Monaten verliert die türkische Währung an Wert, seit Beginn des Jahres um 50 Prozent gegenüber dem Dollar. Auslöser der Krise scheint der Konflikt des Staates mit den USA zu sein. US-Präsident Donald Trump fordert die Freilassung des in der Türkei inhaftierten amerikanischen Pastors Andrew Brunson, dem bis zu 35 Jahre Gefängnis drohen. Darum verhängte er vor 14 Tagen Sanktionen gegen zwei türkische Minister und drohte mit einer Verdopplung der bestehenden Strafzölle auf Aluminium- und Stahlimporte.

Der Lira-Kurs brach daraufhin um 21 Prozent ein. Doch der türkische Staatschef Recep Tayyip Erdogan blieb hart. Die Türkei schlug mit gleich 22 Sanktionen gegen US-Produkte zurück.

Dass die Wirtschaft allerdings so stark reagierte, lag nicht nur am Streit der beiden Machthaber. „Das hat die Panik der Märkte natürlich verstärkt“, sagt der politische Analyst Kristian Brakel von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik im Gespräch mit Kurt. Die wahren Gründe würden aber tiefer liegen. Zum einen seien das hausgemachte Probleme der türkischen Wirtschaft, die das Vertrauen der Anleger schwächen. Denn die türkischen Unternehmen importieren viel mehr Waren und Dienstleistungen als sie exportieren, was zu einer hohen Auslandsverschuldung führt. Außerdem sorgten zweistellige Inflationsraten und ein starker Wirtschaftsaufschwung durch staatliche Kredite für den Währungssturz. Als besonders schwerwiegend gilt der Angriff von Staatspräsident Erdogan auf die Unabhängigkeit der nationalen Notenbank.

Auch steigende Zinsen in den Vereinigten Staaten sind von Bedeutung. Die Investoren ziehen aus den Schwellenländern wie der Türkei ab und pumpen ihr Geld wieder in die USA.

Warum verliert die Währung an Wert?
Bekommt man für eine Währung weniger Einheiten einer Fremdwährung, bezeichnet man das als Abwertung. Wenn die amerikanische Zentralbank die Zinsen anhebt, werden Investitionen in den USA attraktiver für Anleger. Sie ziehen sie aus der Türkei zurück und senken die Nachfrage nach der Inlandswährung, sprich der Lira. Dadurch steigt das Geldangebot und die Währung verliert an Wert. Es wird weniger Lira benötigt.

Viele Türken tauschten außerdem ihre Ersparnisse von Lira in Dollar oder Euro, was den Wertverlust zusätzlich beschleunigte.

Was unternimmt die Türkei dagegen?

Zuletzt legte der türkische Industrieminister einen 16-Punkte-Plan vor, um die Lira-Krise zu bekämpfen. Besonders kleinere Unternehmen will er damit unterstützen. Der Finanzminister versuchte in einer Telefonkonferenz mit knapp 4000 Investoren, die Lage zu beruhigen. Die Notenbank, die sich in der Krise lange zurückgehalten hatte, kündigte zudem an, dass Banken sich mit ihrer Hilfe zusätzliche Mittel in Fremdwährung leihen könnten. Der Staat Katar bot eine finanzielle Hilfe von 15 Milliarden Dollar an. Dadurch erholte sich die Lira etwas. Experten sagen allerdings, eine endgültige Entschärfung der Krise könne nur durch eine Zinserhöhung gelingen. Aber Erdogan ist dagegen. Trotz des Lira-Verfalls und hoher Inflation wurden die Zinsen nicht angehoben. Ein starker Einfluss des Staates auf die Geldpolitik lässt das Vertrauen von Investoren sinken.

Wenn das Land Notkredite braucht – und darauf deutet vieles hin -, bleibt Erdogan keine andere Wahl, als den IWF um Hilfe zu bitten.

Marcel Fratzscher, Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung

Oder kann beziehungsweise sollte auch Deutschland helfen? Darüber sind sich die deutschen Politiker bislang uneins.

Wie wichtig ist die Türkei für Deutschland?

Die Europäische Union ist der wichtigste Handelspartner der Türkei – sowohl bei Importen als auch bei Exporten, so Brakel. Dabei spiele Deutschland neben den Niederlanden die größte Rolle. Viele Unternehmen produzieren demnach aufgrund geringerer Kosten und gut ausgebildetem Personal am Bosporus. „Mercedes stellt ihre weltweit fahrenden Busse in der Türkei her“, nennt Brakel als Beispiel.

Sollte Deutschland der Türkei also helfen?

Die SPD-Chefin Andrea Nahles kann sich solch einen Schritt vorstellen. Der Politikerin zufolge könne die Situation entstehen, in der Deutschland der Türkei helfen muss – unabhängig von den politischen Auseinandersetzungen mit Präsident Erdogan. „Die Türkei ist ein Nato-Partner, der uns nicht egal sein kann. Es ist unser aller Interesse, dass die Türkei wirtschaftlich stabil bleibt und die Währungsturbulenzen eingedämmt werden“, sagte Nahles den Zeitungen der Funke Mediengruppe. Am Mittwoch verteidigte sie ihren Vorstoß noch einmal und warnte vor den Folgen einer Destabilisierung der Türkei. Wie die Hilfe aussehen soll, ließ die SPD-Vorsitzende allerdings offen. Man solle erst einmal im Gespräch bleiben. Die Bundesregierung reagierte zurückhaltend auf Nahles Aussagen. Im Netz stieß die Politikerin auf Kritik.

Die Unterstützung der Türkei sei prinzipiell nicht falsch, meint auch Brakel. Zum Beispiel könne Deutschland als wirtschaftlich starker Staat in der Welt das Vertrauen der Anleger in die Türkei wieder stärken und sich bei internationalen Finanzinstitutionen wie dem Internationalen Währungsfonds (IWF) und deren Mitgliedsstaaten für die Kreditvergabe einsetzen.  „Man sollte den Türken klar machen, dass solche Dinge möglich sind – aber gegen einen Austausch“, sagt der politische Analyst. Zwar habe es in der jüngeren Zeit positive Signale seitens der türkischen Regierung gegeben, wie die Freilassung der deutschen Journalistin Mesale Tolu, Menschenrechte würden aber weiterhin verletzt. Auch Journalisten sind weiterhin inhaftiert. Eine Wiederherstellung der Rechtssicherheit gegen Hilfe in der Währungskrise – so könnte ein möglicher Deal aussehen.

Wie geht es weiter?

Nach den ersten Notmaßnahmen der türkischen Zentralbank und der Regierung hat sich die Währung leicht erholt. Dennoch könne die Lage laut Brakel kurz- und auch mittelfristig nicht wirklich entschärft werden. Die Wahrscheinlichkeit sei hoch, dass die Krise länger anhält: „Die Türkei hat sich in eine Sackgasse manövriert.“ Erdogan sei nicht gewillt, wichtige Maßnahmen wie die Erhöhung der Leitzinsen umzusetzen.

Nun gebe es Brakel zufolge zwei Möglichkeiten. Entweder die Türkei verfährt weiter wie bisher und die Unternehmen können weiterhin ihre hohen Schulden nicht zurückzahlen oder die Notenbank hebt endlich die Leitzinsen. Das könne allerdings unter anderem für steigende Arbeitslosenzahlen sorgen. Letztendlich sei es nur möglich, die Krise abzuschwächen – ein Ende sei aber nicht absehbar.

Teaser- und Beitragsbild: World Humanitarian Summit/flickr.com, lizenziert nach CC.

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