Lehrermangel und die Auswirkungen auf Lehramtsstudenten

Die Prognose ist eindeutig: In den nächsten 20 Jahren sollen in Nordrhein-Westfalen insgesamt fast 140.000 Stellen neu zu besetzen sein. Der Einstellungsbedarf wird sich in den kommenden zehn Jahren besonders an Grundschulen, an Haupt-, Real-, Sekundar- und Gesamtschulen sowie an Berufskollegs bemerkbar machen.

Studentin Jana läuft den langen Schulflur entlang. Ihr Rucksack schwingt synchron zu ihrem Schritt Richtung Lehrerzimmer. Da sie selbst erst 24 Jahre alt ist, schauen die Berufsschüler Jana oft schräg an. Als junge Studentin das Lehrerzimmer betreten – für Lehramtsstudenten schon lange keine Ausnahme mehr. Immer mehr junge Studierende unterstützen die Lehrer bereits während ihres Lehramtsstudiums. Während in NRW rechnerisch rund 15.000 Lehrkräfte vor allem an Grundschulen fehlen, besteht demgegenüber ein Überhang von circa 16.000 Bewerbungen von Lehrkräften für Gymnasien und Gesamtschulen, wie das Ministeriums für Schule und Bildung (MSB) in einer Pressemitteilung berichtet.

Problem und Lösung zugleich

Im vergangenen Semester haben sich 6.820 Lehramtsstudierende an der Technischen Universitäten Dortmund eingeschrieben. „Auch dieses Semester bleibt die Gesamtzahl stabil“, so Martin Rothenberg, Pressesprecher an der TU. Immer mehr Lehramtsstudenten arbeiten bereits während des Studiums als Seiteneinsteiger, um die Schulen zu unterstützen. Auch Jana geht es so. Sie studiert in Dortmund Berufsschullehramt in den Fächern Deutsch und Wirtschaftswissenschaften. „Ich unterstütze jeden Donnerstag den Förderunterricht am Robert-Schumann Berufskolleg in Dortmund“, erzählt sie.

Aus den Statistiken des NRW-Schulministeriums geht hervor, dass jeder neunte neu eingestellte Lehrer 2017 keine ausreichende Qualifikation für diesen Beruf hatte. Junge Studierende steigen also nun als Quereinsteiger schon früh in das Berufsleben ein. Berthold Paschert, Presseprecher der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft NRW (GEW NRW) ist der Meinung, das sei „eine Lösung und ein Problem zugleich“. Es sei schwierig, wenn mit teils unqualifizierten Quereinsteigern plötzlich versucht werde, riesen Lücken zu füllen. Aber etwas anderes bleibt den Schulen aktuell nicht übrig. Sie benötigen jede helfende Hand. Studentin Jana empfindet die Einstellung von Quereinsteigern als Chance:

„Bevor die Förderklassen komplett ausfallen, bin ich froh die Schüler zu unterstützen. Wir müssen unseren Schülern ja eine gute und sichere Zukunft ermöglichen.“

Sie freut sich auch, während des Studiums praktische Erfahrungen zu sammeln. „Aber ich finde auch, dass wir als Aushilfen nicht genug leisten können. Die fertig ausgebildeten Lehrer fehlen doch weiterhin“, sagt Jana. Sie weiß, dass qualifiziert und ausgebildetes Personal fehlt.

Unfaire Bezahlung und Anforderungen an Lehramtsstudenten

Paschert sieht das Hauptproblem in den Bezahltarifen: „Lehrer an Gymnasien verdienen rund 500 Euro mehr als Grundschullehrer oder Lehrer der Sekundarstufe I“. Und das, obwohl die Ausbildung für angehende Lehrer aller Schulformen seit 2009 gleich lang ist. Das sei ein wichtiger Grund für den starken Nachwuchsmangel, denn für junge Studierende ist dies natürlich wenig attraktiv. Aktuell setzt sich die SPD im Landtag dafür ein, dass alle beamteten Lehrer gleich bezahlt werden sollen. Jana findet allerdings, dass unterschieden werden sollte zwischen Seiteneinsteigern und fertig ausgebildeten Lehrern. „Quereinsteiger sollten meiner Meinung nach nicht genau dasselbe wie die qualifizierten Lehrer verdienen. Schließlich haben die Lehrer zusätzlich einen Master of Education gemacht.“

Ebenfalls ein Grund für zukünftige Lehrerinnen und Lehrer das Studium nicht durchzuziehen: „Der Numerus Clausus sowie die hohen Anforderungen an die Studenten sind große Hindernisse“, sagt Berthold Paschert. Er ist besorgt und meint, dass die Prognosen der Vergangenheit nicht zu den aktuellen Gegebenheiten passen.

„Die hohe Geburtenrate und tausende Flüchtlingskinder führten und führen weiterhin zu einem extremen demographischen Wandel in Deutschland. All diese Kinder und Jugendliche sollten das Recht auf Bildung haben.“

Bekämpfung des Lehrermangels

NRW-Bildungsministerin Yvonne Gebauer (FDP) ist der Meinung, dass „Erfolge […] sich in dieser Situation nicht von heute auf morgen ein[stellen]. Wir müssen an vielen Stellschrauben drehen. Zahlreiche Einzelmaßnahmen führen in der Summe dazu, dass die Situation Schritt für Schritt spürbar besser wird.“ Aus einer Pressemitteilung des Schulministeriums NRW geht als weitere Maßnahme hervor, dass man Lehrerinnen und Lehrer, die kurz vor der Pensionierung stehen motivieren will, ihre Dienstzeit zu verlängern. Wer auf dieses Angebot eingeht, soll zukünftig einen Zuschlag in Höhe von zehn Prozent des monatlichen Grundgehalts erhalten. Gebauer klingt äußerst hoffnungsvoll: „Es kommt jetzt auf jede Lehrerin und jeden Lehrer an. Wir lassen nichts unversucht und setzen auf kreative und unkonventionelle Ideen, um Schulen dabei zu unterstützen, freie Stellen schnell zu besetzen. Wir wollen Angebot und Nachfrage wieder ins Lot bringen.“

 

TU Dortmund erhält jetzt weitere Fördermittel

Das Förderprogramm „Qualitätsoffensive Lehrerbildung“ des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) unterstützt die Technische Universität Dortmund sowie weitere Universitäten aus NRW mit Fördermitteln. Für die TU bedeutet dies konkret, dass das Projekt „Dortmunder Profil für inklusionsorientierte Lehrer/-innenbildung” bis zum Jahr 2023 fortgesetzt werden kann. Insgesamt fließen für diesen Zeitraum rund 5,7 Mio. Euro an die Uni. Damit wollen Bund und Länder die Lehrerbildung an den Hochschulen unterstützen und beschleunigen. Lehramtsstudentin Jana ist der Meinung, dass die Zuschüsse für die Uni „in die Praxis investiert werden sollte.“ Sie findet es besonders wichtig, Lehramtsstudenten so früh wie möglich mit der Praxis zu konfrontieren.

 

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