Wie ein Student gegen den drohenden Abriss seiner Heimat kämpft

David Dresen muss nur einmal pfeifen, dann flattert und gackert alles um ihn herum. 15 Hühner leben in dem Gehege, das er vor ein paar Jahren aus dunkelgrünem Maschendraht und ein paar Steinen und Ästen selbst im Garten gebaut hat. Mit grauer Fleecejacke und dunklen Arbeitsschuhen kniet David davor und beobachtet die Tiere. Sein ganzer Stolz. Er hat die Hühner von seinem Großvater übernommen, der auf dem selben Grundstück wohnt. “1862” steht auf dem alten Bauernhaus – das Baujahr. David Dresen und seine beiden Geschwister zählen zu der vierten Generation der Familie, die in dem Haus Geburtstage gefeiert, gestritten, zusammen gegessen und geschlafen hat. Schon seine Großeltern haben ihr ganzes Leben dort verbracht. Bald, wenn die Bagger kommen, soll alles abgerissen werden.

David vor dem Hühnerstall, den er selbst gebaut hat. Foto: Marei Vittinghoff

Etwa so groß wie zwei Fußballfelder ist das Grundstück. Es gibt Koppeln für Pferde, Apfel-, Kirsch- und Birnbäume, Tomatensträucher und Ställe voller Strohballen. Der Boden ist matschig, es riecht nach Ferien auf dem Bauernhof. Unendlich weit wirkt der Wald, der das Grundstück hinter den Koppeln begrenzt. Neben dem Gackern der Hühner ist das Rauschen des Windes das lauteste Geräusch, das weit und breit zu hören ist. Idylle. Aber keine für die Ewigkeit. Wo David heute steht, soll in den nächsten Jahren eine gigantische Mondlanschaft entstehen. Dann kommen die Bagger, fressen sich mit ihren Schaufeln in Dächer und Mauern und lassen das alte Haus verschwinden. Und mit ihm das ganze Dorf. Davids Heimat ist Kuckum, ein kleiner Ortsteil der Stadt Erkelenz zwischen Köln, Aachen und Mönchengladbach. Weil unter Kuckum Braunkohle liegt, sollen die Gebäude weg. Der Energiekonzern RWE Power möchte die Kohle abbaggern und verbrennen, um so Strom zu erzeugen.  Und weil das Gemeinwohl laut dem Bergbaurecht über den Interessen der Dorfbewohner steht, müssen die Häuser bis 2027 geräumt werden. Dann gibt es Kuckum nicht mehr. Dann ist der Ort nur noch ein kleiner Abschnitt des Braunkohletagebaugebiets Garzweiler II. Die 485 Bewohner sollen gemeinsam umgesiedelt werden. In einen neuen Ort, wenige Kilometer entfernt. Nicht alle wollen mitkommen.

Seit 1953 wird umgesiedelt
Seit 1953 müssen im Rheinischen Braunkohlerevier im Städtedreeick Aachen, Köln und Mönchengladbach immer wieder Menschen ihre Heimat für den Abbau von Braunkohle verlassen. RWE betreibt dort die Tagebaue Hambach, Garzweiler und Inden. Ganze Dörfer mussten bereits umgesiedelt werden.

Dass Kuckum kein normales Dorf ist, wird schon klar, wenn man mit dem Auto hineinfährt. Direkt hinter dem gelben Ortsschild ein zweites, rotes Schild: “Ja zur Heimat. Stop Rheinbraun. Wir bleiben hier” steht darauf. Seit Jahren schon. Auch Armin Laschet wird das Schild gesehen haben, als der Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen vergangenen Samstag, am 10. November, nach Kuckum kam, um dort unter Ausschluss der Öffentlichkeit mit 60 Bewohnern im Pfarrsaal zu sprechen. Er war der erste Ministerpräsident überhaupt, der in das von den Umsiedlungen betroffene Dorf gefahren ist. Plötzlich stand ganz Kuckum voll mit den Übertragungswagen, Regierungslimousen und Menschen aus der Umgebung. Der Besuch kam spontan: Nur fünf Tage lang hatte Kuckum Zeit, sich auf den Ansturm vorzubereiten.

Kuckum schöpft neue Hoffnung

David, seine Eltern und seine Großeltern  waren eine der ausgewählten Familien, die von Laschet zusätzlich zu Hause besucht wurden. “Vor zwei Jahren hätten wir dieses Gespräch niemals geführt”, sagt David. Lange Zeit habe man in Kuckum das Gefühl gehabt, dass es den Leuten außerhalb der Region ziemlich egal sei, was mit ihrer Heimat passiert. Und auch das Vertrauen in die Politik sei längst verloren gegangen. Doch die Zeiten haben sich geändert. Der Kohleausstieg ist beschlossen. Die Kraftwerke sollen abgeschaltet werden. Bis zum Jahresende soll eine Experten-Kommission in Berlin einen Zeitplan für den Ausstieg aus der Kohle erarbeiten. Die jetzige Rechtslage sieht das Jahr 2045 als Endpunkt vor, doch ein früherer Ausstieg steht zur Debatte. Und seit die Proteste rund um den Hambacher Forst in ganz Deutschland in den Medien aufgegriffen wurden, rücken auch Kuckum und seine Nachbardörfer wieder in das Zentrum der Öffentlichkeit. “Die Aufmerksamkeit hat uns Bewohnern viel Kraft gegeben, weil sich endlich mal etwas tut. Seit kurzem auch Waldspaziergänge, die durch unsere Dörfer führen. Plötzlich kommen von überall Leute her, die sagen, dass wir hier bleiben müssen. Das ist schon verrückt” , sagt David. Auch er selbst war in den vergangenen Monaten häufiger im Hambacher Forst: bei Spaziergängen oder der Großdemo mit tausenden Teilnehmern Anfang Oktober etwa. Auch wenn David sagt, dass er sich lieber zum Protest in den Kuckumer Wald stellen würde. An seinen Lieblingsort – ein kleines Waldstück hinter einem Sportplatz, durch das die Niers fließt und das früher seiner Uroma gehörte.

Braunkohle produziert zu viel CO2
Die Kohlekommission ist ein von der Bundesregierung eingesetztes Gremium, das einen Vorschlag zum Kohleausstieg erarbeiten soll. Denn um seine Klimaschutz-Verpflichtungen einzuhalten, muss Deutschland die Stromgewinnung aus Kohle beenden. Braunkohle ist umstritten, weil fossile Energiestoffe einen hohen CO2-Ausstoß produzieren. In der Kommission sind unter anderem Umweltverbände, Wirtschaftsvertreter und die Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie und Energie. Bis Ende des Jahres soll ein Enddatum für das letzte Kohlekraftwerk in Deutschland festgelegt werden.

Wie RWE das Dorfleben verändert hat

Viele Leute sind hier noch überfordert mit den Entwicklungen der vergangenen Monate. Gerade ältere Menschen im Dorf, die kein Internet haben und die Ereignisse nicht mitverfolgen konnten, haben mit der Aufregung nicht rechnen können. “Einige Bewohner sagen, es sei jetzt halt alles so wie es ist. Es gebe nun mal die Gesetze. Für andere in Kuckum sind die Demonstranten im Hambacher Forst wahre Helden”, sagt David. Seit kurzem spüren Einige in Kuckum wieder Hoffnung – Hoffnung auf Heimat. Auch wenn der Abriss schon feststand, als David noch gar nicht geboren wurde, haben seine Eltern immer so in Kuckum gelebt, als ob es für die Ewigkeit wäre. Während andere Leute aufhörten in ihre Häuser zu inverstieren und sich mit dem Umzug in ein neues Dorf abfanden, pflegte und renovierte Davids Familie den Hof regelmäßig. Das Haus an RWE zu verkaufen oder sogar nach Neu-Kuckum zu ziehen, könnte sie sich nie vorstellen. “Dort würden wir ein Grundstück von maximal 2000 Quadratmetern bekommen. Das ist einfach nicht das selbe wie der Hof hier, weil wir unsere Pferde dort nicht behalten könnten. Es ist ein Neubaugebiet wie jedes andere”, sagt David. RWE bemüht sich zwar, die sozialen Strukturen im Dorf zu bewahren und Vereine wie den Schützen- und den Fußballverein auch in Neu-Kuckum zu etablieren. Doch wenn die Maschinen kommen, werden sie nicht nur Häuser, Vereinsheime oder Kirchen einreißen, sondern auch Erinnerungen. “Wenn ich einmal Kinder habe, werde ich ihnen niemals zeigen können, wo ich aufgewachsen bin. Nicht, weil ich weggezogen bin, sondern weil die Heimat wegerissen wurde”, sagt David. Von seinen sieben Freunden leben bis heute noch fünf in Kuckum. Im Alter zwischen 18 und 30 Jahren leben etwa 40 Menschen im Dorf, schätzt David. Der Rest von Kuckum gehört der Generation “50 plus” an.

Auch David wohnt unter der Woche nicht mehr in Kuckum, sondern in Köln. Er wohnt dort bei einer befreundeten Familie und studiert Volkswirtschaftslehre. Vorher hat er in Bonn Philosophie studiert. “Wenn die ganze Umsiedlungssache nicht wäre, würde ich mich wahrscheinlich gar nicht für Wirtschaft interessieren”, sagt er. Er möchte verstehen, wie Profit und Umweltschutz von den Konzernen gegeneinander abgewogen werden. Am Wochenende kehrt David aber immer wieder nach Kuckum zurück. Obwohl er die Anonymität Kölns manchmal schätzt: Auf das Dorfeben könnte er niemals verzichten. “Man kennt sich seit Ewigkeiten, man ist zusammen aufgewachsen und wenn man Milch braucht, holt man sie beim Bauer nebenan.” Wenn David nach Kuckum kommt, kommt er zur Ruhe. Wäre da nicht das große Loch, an dem er jedes Mal mit dem Fahrrad vorbeikommt, wenn er zum nächsten Bahnhof nach Hochneukirch in Jüchen fährt.

Kämpfen bis zum Schluss

Irgendwie ist der Tagebau doch überall. “Plötzlich redet man in Kuckum so viel miteinander wie noch nie. Das schweißt zusammen, ist für die Menschen aber auch extrem anstrengend. Es ist ein enormer psychischer Druck, der auf den Kuckumern lastet.” Aber in Kuckum will man zusammenhalten. Jeder soll weiterhin zur Dorfgemeinschaft gehören. Aber auch niemand darf ein schlechtes Gewissen bekommen, wenn er sich dazu entscheidet, das Dorf zu verlassen. “Machste nix”, sagt Davids Großvater. “Ich würde lieber sterben, als zusehen zu müssen wie mein Haus abgerissen wird”, seine Großmutter.

Laschet, sagt David, habe sich wirklich bemüht zuzuhören. “Was jetzt aber zählt ist, dass Laschet handelt.”. Im Dorf möchte man nun beraten, wie es weitergehen soll. Davids Traum ist es, später in Kuckum mit Freunden eine eigene Landwirtschaft aufzubauen. Noch möchte er das nicht aufgeben. “Ich könnte mich damit abfinden, meine Heimat zu verlassen, wenn es wirklich zu 100 Prozent notwendig wäre und es absolut keine Alternative zur Braunkohle gäbe. Aber nicht auf diese Weise”, sagt David. Dass er in Kuckum bleibt, ist für ihn auch eine Form des Widerstandes. Was aber, wenn seine Hoffnungen umsonst sind und 2027 die Bagger vor der Haustüre stehen? Könnte David sich den Abriss seines eigenen Hauses angucken? “Nein”, sagt David. “Ich wäre im Haus. Man müsste mich schon heraustragen, um das Haus abreißen zu können. Vielleicht hört man ja dann von mir in den Nachrichten.”

Beitragsbild: RoDobby auf Pixabay mit CC-Lizenz

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