Nicht auf smarte Toiletten setzen

Smarte Toilette, Internet of Things, Smart Home, Klo

Im Club des „Internets der Dinge“ sind mittlerweile auch Toiletten. Das macht sie aber nicht unbedingt eindrucksvoller. Ich möchte gern smarte „kleine Mädchen“ und „kleine Jungs“ statt möchtegernsmarter Klos.

Noch führe ich keine Statistik darüber, wie oft auf den Mädchentoiletten der EF50 die Klospülungen grundlos laufen. Wenn niemand auf der Toilette und nichts in der Toilette ist, meine ich. Doch ich rede nicht von einem Einzelfall. Wie viel Wasser sich dadurch ungenutzt mit den Fäkalien in der Kanalisation vermischt, bevor es aufwendig gereinigt wird, bleibt reine Spekulation.

Mein eigener Wasser-Fußabdruck stammt vielleicht nicht von Kinderschuhen. Aber für diese Verschwendung wünsche ich mir trotzdem eine Lösung. Denkbar wäre doch eine Toilette, die weiß, wann Schluss ist – eine „smarte“ halt.

Vieles ist heute bereits smart, vom Smartphone zum Smart Home. Jeder siebte Deutsche lebt schon in so einem, sagt eine aktuelle Studie von Deloitte, einem Dienstleister für Wirtschaftsprüfung. Auch Dortmund möchte eine vernetzte Smart City sein und hat 2016 eine gleichnamige Allianz gegründet. In diesem vermeintlich cleveren Umfeld hätte es mich überrascht, wenn ich die Erste gewesen wäre, die in einem Klo Innovationspotential sieht.

Wellness-Update für die Toilette

Das eingebaute Bidet japanischer WCs kann zum Beispiel – wahlweise mit Fernbedienung – für Massagezwecke missbraucht werden. Gegen Massage habe ich natürlich nichts einzuwenden. Aber bei einem oszillierenden Wasserstrahl in einer Nasszelle kommt bei mir nicht so recht dieselbe Entspannung auf wie bei einer Rückenmassage auf meinem Sofa.

Immerhin ist das Wasser wohltemperiert. Passend zur vorgeheizten Klobrille. Die Zeiten, in denen ich zu spät in die Vorlesung gekommen bin, weil ich festgefroren auf der Toilette saß, sind damit passé. Künftig werde ich dann zu spät kommen, weil ich noch das Aufheizen abwarten muss. Wobei – wer seine Spülung unter Kontrolle bekommt, darf vielleicht dafür die Klobrille dauerhaft beheizen.

Das Wollmilchklo

Wenn im deutschen Sprachgebrauch eierlegende Wollmilchsäue leben, muss aber auch die Toilette mehr können als nur Komfort. Zum Beispiel Medizin. Die ursprüngliche Funktion müsste ich gleich noch einmal googeln.

Auf der Fachmesse ISH lenkte im vergangenen Jahr das „weltweit erste App-gesteuerte WC, das vollautomatisch Urin analysiert“, die Aufmerksamkeit auf sich. Die ISH, das sei hier kurz bemerkt, beschreibt sich selbst als führende Messe für den verantwortungsvollen Umgang mit Wasser und Energie – nicht mit Urin.

Der Dortmunder Urologe Edvin Destanovic würde ein solches WC sogar praktisch finden. In seiner Praxis, wohlgemerkt. Nicht dass etwas dagegen sprechen würde, seine Urinwerte täglich zuhause zu testen. Aber: „Wollen Sie die jeden Tag wissen?“, fragt mich Destanovic. „Dafür geht man zum Arzt.“ Das müsse man sowieso spätestens dann, wenn die App etwas Auffälliges feststelle. In der Praxis von Adnan Dadikhi braucht man den sanitären Medikus nicht. Und „die Breite der Menschheit“ würde es auch nicht tun. Der Urologe steckt das WC mit Urinanalyse in die gleiche Schublade, in der schon der japanische Bidet-Hype liegt.

Man sollte aus einem Klo nicht das machen, was es niemals sein wollte. Von meinem Fernseher erwarte ich immerhin auch weder Akupressur noch Röntgenaufnahmen. Da ist es eigentlich schade, dass der bis dato investierte Erfindergeist nicht für mehr Nachhaltigkeit genutzt wurde. Denn von einem Klo ganz ohne Wasser sind wir schätzungsweise noch ein paar Spülgänge entfernt.

Alexa, spülen, bitte!

Einen Hoffnungsschimmer gibt es: Beim Wassersparen könnte mir bald Amazons Alexa helfen. Der US-Hersteller Kohler stellte für 2019 seine sprachgesteuerten Technologien für Badezimmer und Küche vor. Von dem Herzstück aus, dem smarten Spiegel, führt Alexa ihre Gerätearmee. Smart sei Dank schenkt der Wasserhahn mir nicht mehr ein, als das, worum ich vorher gebeten habe. Toll wäre das auch für die Toilette – sofern man denn wüsste, wie viel Wasser man zum Spülen braucht.

Ich setze jetzt auf smarte Nutzer. Die einfach noch einmal drücken, um der Spülung Einhalt zu gebieten. Und die die minimale Aufmerksamkeit aufbringen, den selbst aufgedrehten Wasserhahn in der Bibliothek auch wieder zu schließen – nicht überall auf dem Campus gibt es dafür Sensoren! Sich smart zu verhalten wäre doch letztlich nur konsequent, wenn man den Smart-Trend mitmachen will.

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