Vorlesungen nur für Geimpfte? Wie Impfprivilegien das Unileben verändern könnten

 

Eine Reihe Impfdosen gegen das Coronavirus
Die Corona-Schutzimpfung soll unseren Alltag wieder normalisieren.

Die Corona-Impfungen gehen in Deutschland nur schleppend voran. Trotzdem diskutieren Experten schon über mögliche Folgen und Auswirkungen. Haben bald nur Geimpfte das Privileg wieder normal am öffentlichen Leben teilnehmen zu können? Mit dem Philosophen und Politikwissenschaftler Prof. Dr. Christian Neuhäuser haben wir über solche Szenarien gesprochen – und welche Auswirkungen sogenannte Impfprivilegien noch auf unseren Alltag haben könnten.

Christian Neuhäuser
Prof. Dr. Christian Neuhäuser ist geschäftsführender Direktor des Instituts für Philosophie und Politikwissenschaften an der Technischen Universität Dortmund. Nach seinem Studium in Göttingen, Berlin und Hongkong promovierte er an der Universität Potsdam zu dem Thema der moralischen Verantwortung von Wirtschaftsunternehmen. Seit 2014 ist er Professor an der Fakultät Humanwissenschaften und Theologie und beschäftigt sich in seiner Forschung unter anderem mit Wirtschaftsphilosophie und der Philosophie der internationalen Politik.

Herr Neuhäuser, es wird oft über Impfprivilegien gesprochen, und ob diese ethisch korrekt wären. Dabei gibt es doch schon einen konkreten Fall in Deutschland: Seit 2020 müssen Kindergarten-Kinder gegen Masern geimpft sein. Was unterscheidet die Masern-Impfung von der Corona-Impfung?

Das sind zwei unterschiedliche Situationen. Bislang sind wir bei Corona in einer Situation, in der noch nicht alle die Möglichkeit haben, geimpft zu werden. Anders ist es bei der Masern- oder Mumpsimpfung bei Kindern. Hier haben alle einen Zugang zum Impfstoff, aber einige entscheiden sich dafür, ihn nicht zu nutzen. Davon sind wir bei Corona noch weit entfernt.

Wenn man dann in dieser Situation ankommt und jemandem ein Grundgut verweigert, muss man sich immer fragen, ob man gute Gründe dazu hat. Und je wichtiger ein Grundgut ist, desto stärker müssen diese Gründe sein. Die Grundrechte sind ganz besondere Grundgüter und dürfen nur zum gleichen Schutz der Grundrechte aller eingeschränkt werden.

Derzeit ist mit dieser Begründung beispielsweise die Versammlungsfreiheit eingeschränkt: Weil man durch Versammlungen die Grundrechte aller – vor allem das Recht auf körperliche Unversehrtheit – in Gefahr bringt. Dieselbe Rechtfertigung gibt es auch bei anderen Krankheiten, zum Beispiel bei den Masern-Impfungen in Kindergärten.

Beziehen wir die Situation auf unserer Universität: Wäre hier vorstellbar, dass nur noch geimpfte Studis zu Präsenzveranstaltungen kommen dürfen?
 
Hier wäre die Voraussetzung, dass alle die Möglichkeit haben, sich impfen zu lassen. Und dann sind wir eine Präsenzuniversität. Das heißt: Wenn es wieder erlaubt ist, kommt man zu den Seminaren – oder nimmt halt nicht teil. Eine Schwierigkeit bei Corona ist, wo liegt der Punkt, an dem wir sagen: Die negativen Konsequenzen, wenn ungeimpfte Studierende in die Veranstaltungen kommen, sind zu groß?

Man muss immer abwägen gegen das Gut, das eingeschränkt wird. Es gibt viele Leute, die bei Autounfällen ums Leben kommen und wir verbieten das Autofahren nicht. Da nimmt man die negativen Konsequenzen in Kauf und versucht sie zu reduzieren. Beispielsweise dadurch, dass man in Städten nur noch 50 Kilometer pro Stunde schnell fahren darf. Das Gut, in einer Innenstadt 100 fahren zu dürfen, ist natürlich kein besonders wichtiges Gut. Mit 50 km/h kommt man auch ziemlich gut von A nach B. Das Gut, nicht mehr studieren gehen zu können, ist hingegen ein sehr viel wichtigeres Gut. Und das ist eine schwere Abwägungsfrage.

Urlaub nur noch nach der Spritze?

Nun gehört zum Studi-Leben ja noch mehr als Lehrveranstaltungen. Wie sieht es zum Beispiel bei Flügen in den Urlaub aus? Die sind ja auch eher ein Luxusgut.

Im Moment sieht es so aus, als ob die Impfung vor allem dafür sorgt, dass die Krankheit bei einem selber nicht schwer ausbricht. Aber man kann das Virus trotzdem verbreiten. Da sind wir dann wieder mit grundlegenden Gerechtigkeitsproblemen konfrontiert. Denn für viele sind Linienflüge natürlich eine Art von Luxus oder Freizeitgestaltung. Aber es gibt auch berufliche Kontexte oder Familienkonstellationen, in denen sie wichtig sind. Da ist es dann so, dass eine extrem starke Chancenungleichheit entsteht.

Da muss man sich fragen, ob man bereit ist, so massiv ungleiche Chancen zu produzieren. Vor allem vor dem Hintergrund, dass die Leute eventuell aus „Glück oder Pech“ Zugang zu einer Impfung haben oder nicht. Die Politik hat auch selbst zu verantworten, dass das Impfgeschehen nicht besser organisiert ist. Das ist so, als würden Studierende bei einer Klausur sagen: „Tut mir leid, ich kann das nicht, sie müssen eine andere Frage stellen.“ Dann würde ich sagen: „Entschuldigung, aber Sie hätten sich vorbereiten können.“

 

Jetzt werden wir mal hypothetisch: Für einen Linienflug oder Präsenzveranstaltungen in der Uni muss man geimpft sein. Was würden solche Impfprivilegien mit den Menschen machen?

Ich glaube nicht, dass sich deswegen alle impfen lassen, sobald sie die Zugänge haben. Die Menschen sind so autoritätstrotzig und autonomieliebend, dass sie sagen: „Ne, also wenn ihr mir so die Pistole auf die Brust setzt, dann erst recht nicht.“ Das ist aus meiner Sicht keine gute Strategie und bewirkt, dass sich manche von der Mehrheitsgesellschaft abwenden und noch stärker als ohnehin schon zur Radikalisierung neigen.

So eine Art „schwarze Pädagogik“, wie man sie bei Kindern ja schon lange nicht mehr anwendet. Wenn du X nicht tust, dann darfst du auch Y nicht. Das ist eine schlechte Strategie, um diejenigen abzuholen, die jetzt zu den sogenannten Corona-Leugnern gehören, weil sie verunsichert sind – und nicht weil sie sowieso rechtsradikal oder Populisten sind, die davon profitieren. Diese Sachen verstärken Tendenzen, die wir ohnehin schon haben: Nämlich eine Spaltung der Gesellschaft.

Beitragsbild: pixaby.com/torstensimon

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