Prank-Videos auf YouTube: Wann hört der Spaß auf?

Es ist dunkel. Zwei Freunde fahren mit dem Auto, als sie eine Panne haben. Die beiden steigen aus und werden von einem maskierten Mann überfallen, der sie fesselt, entführt und einen der beiden scheinbar erschießt. Sein Freund weint und schreit verzweifelt, als sich der Totgeglaubte die Augenbinde abzieht und verkündet „It was just a prank!“. Alles nur ein Scherz; die Entführung und Hinrichtung inszeniert, der eine Freund eingeweiht, der andere nicht. Alles wurde gefilmt und auf YouTube als sogenanntes Prank-Video hochgeladen. Das Video erhält Millionen Klicks.

Das Internet ist voll von Prank-Videos, in denen fremden Menschen oder Freunden und Familie Streiche gespielt werden, die gefilmt werden und auf Plattformen wie YouTube hochgeladen werden. Das Wort „Streich“ umfasst dabei eine große Bandbreite: Während einige Kleber in das Haargel ihres Freundes geben, eine Trennung vortäuschen oder Passanten erschrecken, treiben es andere viel weiter und inszenieren zum Beispiel den eigenen Tod, um die Freundin zu erschrecken oder simulieren einen Anschlag. Der Fokus solcher Prank-Videos liegt dabei auf den Reaktionen der Geprankten. Weinende Männer, erschrockene Eltern und schreiende Menschenmassen in Panik.

Prank in Dortmunder Thier-Galerie endet mit Strafanzeigen

Am Samstag, 15. Dezember, ist ein Prank in der Dortmunder Thier-Galerie zu einem Polizeieinsatz und mehreren Verletzten ausgeartet. Mindestens ein Feuerwerkskörper soll laut Polizeiangaben im Untergeschoss des Einkaufszentrums Thier-Galerie in Dortmund gezündet worden sein, um einen Anschlag zu simulieren und die Reaktionen der Besucher für ein YouTube-Video zu filmen. Hunderte Menschen verließen das Gebäude fluchtartig. Mehr als 30 wurden dabei leicht verletzt. Die Polizei ermittelt inzwischen gegen einen 17-jährigen YouTuber aus Wolfsburg, der vermutlich vier Dortmunder im Alter von 14 und 15 Jahren für eine geringe Geldsumme engagiert hatte, den Feuerwerkskörper zu zünden. Die vier Jugendlichen wurden von der Polizei festgenommen. Den Verdächtigen stehen jetzt Anzeigen wegen gefährlicher Körperverletzung und eventuell zivilrechtliche Ansprüche der Betroffenen bevor. Nach Angaben der Polizei Dortmund könne ein Streich kaum „dümmer und fehlgeleiteter“ sein.

YouTuber als Auftraggeber?

Medialen Berichten und Beiträgen auf sozialen Netzwerken zufolge, soll es sich bei dem 17-jährigen YouTuber um Jounes Amiri handeln, der auf seinem Account, dem 320.000 Abonennten folgen, Prank-Videos veröffentlicht. Amiri lud demnach am Samstag, 15. Dezember, ein Video mit dem Namen „Anschlag in Dortmund“ hoch, welches jedoch kurze Zeit später wieder gelöscht wurde. Der YouTuber selbst äußerte sich auch nach mehrmaligem Bitten um eine Stellungnahme nicht zu dem Vorfall.

Reaktionen von Augenzeugen auf Twitter

Passanten und Besucher der Thier-Galerie äußerten sich auf Twitter zu dem Vorfall.

Bisher kein ähnlicher Vorfall in Dortmund

Nina Vogt, Pressesprecherin der Polizei Dortmund, kann sich nicht erinnern, einen ähnlichen Vorfall in Dortmund erlebt zu haben. „Die Frage ist, wie sinnvoll es generell ist, Streiche zu spielen und diese zu filmen, um Klicks auf YouTube zu generieren.“ Vor allem in solch einem Ausmaß wie am Samstag, können Aktionen wie diese keinesfalls gutgeheißen werden. Die Polizei komme zwar erst ins Spiel, sobald Gesetzesverstöße vorliegen und Menschen behindert, gefährdet oder verletzt werden, aber auch bei gesetzeskonformen Streichen solle man sich über deren Auswirkungen bewusst sein und die Sinnhaftigkeit hinterfragen, bevor gehandelt wird.

Suche nach Anerkennung

Diplom-Psychologe Ulrich M. Schmitz aus Köln

Diplom-Psychologe Ulrich M. Schmitz sieht die Motivation, solche Videos zu drehen, vor allem in der Suche nach Anerkennung. Streiche seien etwas, was so alt sei, wie die Menschheit selbst im Hinblick auf Schadenfreude. Es gebe uns ein gutes Gefühl, andere in einem kurzen Moment schwach zu sehen. „Solange es uns nicht selbst passiert, besteht eine gewisse Distanz zu dem Vorfall und wir empfinden Faszination und Sensationslust“, so Schmitz. Damit erklärt er auch die hohen Klickzahlen von Prank-Videos auf YouTube: „Je extremer sie sind, desto mehr Leute schauen sich die Videos an.“ Zum Beispiel erzielte das Video „Brothers convince little Sister of Zombie Apocalypse“ 24 Millionen Klicks. Das Video „Dead Boyfriend Prank on Girlfriend!“ wurde bisher 2,5 Millionen Mal angeschaut.

Der Mensch will immer mehr, mehr, mehr und ist irgendwann bereit, für diese Anerkennung auch Grenzen zu überschreiten

Jeder Klick gebe dem Produzenten des Videos eine Form von Anerkennung, erklärt der Psychologe. „Der Mensch will immer mehr, mehr, mehr und ist irgendwann bereit, für diese Anerkennung auch Grenzen zu überschreiten“, so Schmitz. Aus der Euphorie der bevorstehenden Anerkennung durch solche Extremvideos gingen deshalb viele einen Schritt weiter, als bloß einen Streich zu spielen. Beim Pranken werde mit den Grundängsten der Menschen gespielt: Geister, Existenzbedrohung und Unberechenbarkeit.

YouTube als Realitätsverlust

Prank-Videos werden vor allem über YouTube verbreitet, was die Extremität solcher Streiche noch mehr steigert, erklärt Schmitz weiter: „YouTuber werden auf der Plattform mit keinem direkten Korrektiv konfrontiert und verlieren dadurch den Bezug zur Realität.“

 

 

 

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