Das Duell: Trash-TV – Unterhaltung oder Fremdschämen?

Eine Mischung aus Zickenkrieg, Fremdschämen und vielen falschen und echten Emotionen zeigt die neunte Staffel vom Bachelor. Seit Mittwoch kämpfen wieder 20 Single-Frauen um das Herz eines Mannes und er darf die Rosen verteilen. Während Rebecca Zöller gebannt vor dem Bildschirm sitzt, schaltet Rachel Patt den Fernseher erst gar nicht an.

Trash-TV ist vor allem erst einmal unterhaltsam

findet Rebecca Zöller

Ob Bachelor, Germanys Next Topmodel (GNTM) oder Adam sucht Eva: Ich schaue die Sendungen alle gerne. Ich bin ein absoluter “Trash-TV-Fan“. Wenn ich das offen zugebe, werde ich meistens schief angeguckt und mit einer Menge Argumenten konfrontiert: „Warum findest du es gut, dich über Leute lustig zu machen, die im Fernsehen bloßgestellt werden?“, ist vielleicht die erste Frage, die ich dazu zu hören bekomme.

Über mein Leben würde ich genauso lachen

Mal ehrlich: Ich lache doch ganz genauso über meine eigenen Freunde, Familie und mich selbst. Wenn ich mir zum Beispiel Familien-Feste anschaue, vergeht da selten eins, das komplett friedlich abläuft: Wenn dort eine Kamera aufgestellt werden würde, dann könnten wir ab und zu auch die Hauptdarsteller bei „Familien im Brennpunkt“ sein. Da würde ich genauso lachen. Es geht ja nicht nur um die Menschen in den Serien, sondern vor allem auch um die Situationen, und wenn etwas witzig ist, dann darf man doch wohl auch lachen. Schließlich lache ich ja auch in einer Komödie über witzige Situationen oder erfreue mich daran, wenn den Schauspielern etwas Peinliches passiert. Natürlich ist das etwas anderes, wenn Leute in Sendungen bloßgestellt werden, die selbst nicht wissen, was ihnen bevorsteht, wenn sie den Vertrag unterschreiben. Zum Beispiel bei “Bauer sucht Frau” oder auch die jungen Kandidatinnen bei GNTM. Zusätzlich werden sie dann übertrieben und bewusst zur Schau gestellt. Da finde ich auch, dass dieses bewusste zur Schau stellen grenzwertig sein kann, aber genau das trägt auch zum Unterhaltungswert der Sendung bei. Manche Sachen sind einfach amüsant und das kommt natürlich noch mehr zur Geltung, wenn der Fokus darauf gerichtet wird. Wie zum Beispiel, wenn jemand mit 50 Jahren gerne Diddle-Mäuse sammelt und dann in aller Ausführlichkeit jede Maus gezeigt wird. Ob es jetzt ein B-Promi ist, ein Bauer aus einem kleinen Kuhdorf oder doch nur eine Freundin von mir: Wenn eine Situation witzig ist, dann ist sie witzig und egal, ob jetzt bewusst bloßgestellt oder zufällig passiert.

Trash-TV soll kein Bildungsfernsehen sein

Was mir besonders gut an Trash-TV gefällt ist, dass es kein Bildungsfernsehen ist, und das soll es auch gar nicht sein.

Wer schaut nicht gerne Netflix, während er den Uni-Kram erledigt? Wir brauchen doch alle mal Zeit zum Abschalten. Da eignet sich Trash-TV eben besonders gut zu, denn dort ist definitiv weniger Konzentration und Aufmerksamkeit gefragt als bei Dokumentationen oder Politik-Sendungen.  Wenn im Hintergrund zwei Frauen ihre Wohnungen tauschen und erst einmal überfordert sind oder einsame Bauer ihre große Liebe suchen, kann ich nebenher gut weitere Dinge erledigen und mich dabei berieseln lassen. Bei diesen Serien muss das Gehirn nicht mehr arbeiten, soll es auch gar nicht. Es ist kein Bildungsfernsehen, definitiv nicht, aber darauf erhebt es ja auch keinen Anspruch.

Dann ist es halt niveaulos – Na und?

Trash-TV Gegner kritisieren oft die Niveaulosigkeit. Gut: Menschen, die jegliche Kakerlaken im Dschungel-Camp essen oder sich nackt auf eine Insel begeben bei Adam sucht Eva – dass das nicht das höchste Niveau hat, kann ich nicht verneinen. Aber für mich braucht es dieses Niveau auch nicht. Denn genau deshalb ist es unterhaltsam. Die Sendungen sind nicht ohne Grund erfolgreich. Das wissen auch die Macher der Formate selbst: Wer 2018 zum Beispiel “Love Island” gesehen hat, konnte die Ironie in vollen Maßen hören und sehen. Während die Kandidaten dort in Zeitlupe im Bikini und Badeshorts gezeigt wurden, hat der Kommentator nur einen witzigen Spruch auf den Lippen gehabt, in etwa “Natürlich laufen sie bei uns wie immer in Zeitlupe ein, damit es dramatischer aussieht”. Und diese Niveaulosigkeit kombiniert mit Ironie macht das Ganze einfach nur unglaublich witzig. Damit kann ich nur sagen: Alle Argumente hin oder her: Trash-TV ist vielleicht niveaulos und kein Bildungsfernsehen, aber das muss es auch gar nicht sein. Denn es ist vor allem unterhaltsam!

Mischung aus Verblödung und Unmenschlichkeit 

findet Rachel Patt

Noch eine Staffel vom Bachelor. Es hört nicht auf! Nicht, dass es mir nur um den Bachelor an sich ginge. Das gesamte Programm an Trash-TV finde ich ziemlich nervig. Vor allem das beliebte Argument „Ich kann dabei so gut entspannen und es ist so unterhaltsam!“ finde ich schwach. Selbst die Freundinnen von mir, die Serien wie den Bachelor feiern, können mich mit dem Spruch nicht überzeugen.

Wenn es um das Abschalten vom Alltag geht, sind Dokus für mich persönlich viel praktischer. Bei Naturbildern oder Tierdokus muss ich meinen Kopf nicht groß anstrengen und mich nicht über überdrehte, affektierte Leute aufregen, mit denen ich zum Glück nicht in Kontakt treten muss. Ich empfinde ihre Geschichten eher als Störfaktor, anstatt dass ich mich davon berieseln lassen möchte. Egal ob Abschalten oder nicht, ich lasse mich von Serien und Filmen lieber inspirieren als abschrecken.

Ich brauche schon ein bisschen Köpfchen

Unterhaltsam ist für mich, was auch ein bisschen Inhalt mit Köpfchen hat und wo vor allem ein bisschen mehr passiert, als bei Bauer sucht Frau und Co. Ich frage mich auch immer, ob solche Sendungen einen nicht langweilen.

Die nichtigen Probleme irgendwelcher Mädels mit für mich fragwürdigen Wertesystemen interessieren mich nicht. Da wird so oft aus einer Mücke ein Elefant gemacht. Ich will meine kostbare freie Zeit lieber für etwas Sinnvolles nutzen. Oder für etwas wirklich Entspannendes. Und entspannt sind die Leute in diesen Serien selten. Dazu kommt ja noch, dass die Protagonisten meistens total hol sind. Ich werde dann immer wütend, weil ich mir denke: „Hilfe, so ist ein Großteil der Menschen auf dieser Welt!“ Die Aggressionen kann ich mir sparen und meine Zeit lieber mit Dingen verbringen, aus denen ich für mich etwas mitnehmen kann.

Solche Sendungen sind immer so realitätsfern

Die Geschichten und die Personen im Trash-TV und kommen mir persönlich aber immer so realitätsfern vor und irgendwie surreal. Ich weiß, es gibt Menschen, die wirklich so ticken, aber auch solche Menschen kommen mir immer sehr realitätsfern, unbewusst und unreflektiert vor. Ich versuche schon im echten Leben, mich von solchen Menschen möglichst fern zu halten. Das gefakte, oberflächliche Leben oder gar die Dummheit von anderen finde ich doch keine fünf Staffeln lang lustig. Eher beängstigend oder belästigend.

Der Fall, in dem die Protagonisten nicht mal wissen, dass sie bloßgestellt werden, finde ich unmenschlich und asozial. Das will ich nicht unterstützen, indem ich die Quoten erhöhe.

Nicht förderlich für das Frauenbild

Ein besonders großes Problem finde ich, ist die Darstellung des Frauenbildes in solchen Sendungen. Serien wie zum Beispiel der Bachelor fördern nicht gerade die Emanzipation, die nicht nur seit #metoo auch in Deutschland noch längst nicht auf dem Stand ist, auf dem sie sein sollte! Es gibt sicher genug Zuschauerinnen, die solche und ähnliche Infos nicht differenzieren können. Sie sehen nicht, dass das Ganze nur Show ist, mit der Geld verdient werden soll, sondern übernehmen Einstellungen und Ansichten, die da vermittelt werden. Manche haben irgendwelche Möchtegern-Topmodel-Teenies sogar noch als Vorbilder! Da sollten sich vor allem die ZuschauerInnen überlegen, ob sie das unterstützen wollen. Und wenn man ganz ehrlich ist, wird auch das Bild vom Mann in Sendungen wie der Bachelorette äußerst seltsam dargestellt.

Die Sehnsucht nach Prominenz

Ich glaube, viele Menschen schauen auch einfach das, was gerade im Fernsehen kommt. Dadurch, dass es dann es dann immer mehr gucken, wird ein Trend draus. Deswegen fände ich es schön, wenn dieser Vorteil nicht nur für eine möglichst kostengünstige Füllung der Sendeplätze genutzt würde. Auch wenn man sich mal gern von der Welt ablenkt, das geht auch mit mehr Intelligenz. Und es wäre bestimmt nicht schlecht, wenn sich zumindest der/die ein oder andere mehr mit den wichtigen Themen in der Welt beschäftigen würde, als damit, wer als nächstes ein Date mit irgendeinem Schwachmaten hat. Das gilt natürlich nicht für jede/n LiebhaberIn solcher Serien, für einige aber auf jeden Fall.

Und was ist überhaupt mit diesen Frauen in den Serien? Zum Beispiel beim Bachelor. So schlecht sehen die doch meistens gar nicht aus. Sind sie denn nicht selbst in der Lage, einen Typen abzuschleppen? Naja, vielleicht schon, aber dann wäre der Status als C Promi halt nicht inklusive…

Foto: Photo by Carlos Quintero on Unsplash

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