Selbstverteidigung: Der Schlüssel gegen die Angst?

In der dunklen Jahreszeit fühlen sich viele Menschen unsicher. Eine bestimmte Form der Selbstverteidigung soll Abhilfe schaffen: Selbstverteidigung mit Alltagsgegenständen. Diese Methode stößt allerdings auch auf Kritik.

„Die Opferrolle verlassen und sich gegen gewalttätige Übergriffe behaupten“: Mit solchen und vielen weiteren Werbesprüchen locken Sportstudios. Scheinbar mit dem Ziel, die potentiellen Kunden in ihrer Angst abzuholen. Dabei geht es schon in den Beschreibungen der Kurse um diese angeblich tägliche Angst vieler Menschen: Ein Angriff auf offener Straße.

Die Bekämpfung dieser Angst scheint die Geschäftsidee vieler Fitness- und Kampfsportstudios zu sein. Selbstverteidigungskurse – wie zum Beispiel „Wendo“ extra für Frauen oder „Krav Maga“, eine Technik des israelischen Militärs – fehlen heute in kaum einem Sportstudio. Darunter finden sich auch immer wieder Kurse und Workshops, die weniger auf Selbstverteidigung als Sportart zielen, sondern auf das Stillen der Angst: Sie setzen auf Selbstverteidigung mit Alltagsgegenständen. In solchen Kursen sollen die Teilnehmer lernen, wie unter anderem ein Schlüssel im Ernstfall zur Waffe werden könnte: richtig positioniert in der Hand mit festem Griff und festem Schlag.

Jeder Gegenstand kann eine Waffe sein

Auch Mark Buchholz kennt solche Praktiken. Er betreibt die „Fightlounge“, ein Kampfsportstudio in der Dortmunder Innenstadt, und bietet dort ebenfalls Selbstverteidigung an. „Im Prinzip kann jeder Gegenstand zur Waffe werden“, erklärt er. Mit einem Griff in die Tasche finde man verschiedene Typen von möglichen Waffen:

  1. Wurfwaffen: Sie sollen bei geringem Abstand zwischen zwei Personen mit einem kräftigen Wurf Abhilfe schaffen (z. B. Flaschen, Handys).
  2. Schlagwaffen: Gegenstände, die zu den Schlagwaffen zählen, müssen fest in der Hand liegen und sollen so die Schlagkraft erhöhen (z. B. Stifte, Schlüssel).
  3. Abwehrwaffen: Zu den Abwehrwaffen zählen großflächige Gegenstände. Sie sollen dafür sorgen, den Gegner von sich fernzuhalten (z. B. die Tasche selbst). Sie sollen besonders dann helfen können, wenn der Angreifer mit einem Messer bewaffnet ist.
Mark Buchholz kennt sich als Selbstverteidigungstrainer mit verschiedenen Praktiken aus. (Foto: Larissa Rehbock)

Prävention statt Provokation

Bei all diesen Formen gilt laut Trainer Mark Buchholz allerdings: „Das Ziel ist nie der Kampf.“ Am wichtigsten sei immer die Situation zu deeskalieren, zum Beispiel durch ein lautes, bestimmtes „Stopp“. Auch einfaches Wegrennen sollten die Opfer zuerst versuchen, bevor sie auf einen Kampf eingehen. Erst wenn das nichts mehr bringt und der Angriff bereits absehbar oder im Gange ist, sollten Gegenstände als Waffe angewandt werden. Dabei sollte es nicht darum gehen, den Gegner stark zu verletzen. „Man sollte nur versuchen, den Gegner so schnell und einfach wie möglich von sich abzubringen und dann zu flüchten. Da reicht schon ein fester Schlag mit dem Schlüssel auf die Hand“, sagt Mark Buchholz. Das tue dem Gegner genug weh, dass er zumindest von einem ablässt. Große Verletzungen sollte das, laut Mark Buchholz, aber nicht bringen.

Der „Weisse Ring“, eine Hilfsorganisation für Opfer von Kriminalität, rät allerdings zur Vorsicht beim Einsatz von Alltagsgegenständen zur Selbstverteidigung. Die Organisation bietet zwar selbst sogenannte Selbstbehauptungskurse an, betont aber, dass Waffen auch immer gegen das Opfer selbst eingesetzt werden können. Zusätzlich könnte der Einsatz von Waffen den Täter aggressiver und gewalttätiger machen. In einem Punkt stimmt die Organisation deshalb mit Mark Buchholz von der „Fightlounge“ überein: Die Prävention steht jeder Selbstverteidigung voran – und wenn es die Wahl eines sicheren Heimwegs ist. Die Polizei Dortmund ergänzt: Selbstverteidigung sollte immer erprobt und vor allem eine Form von Sport sein. Das sei in den Selbstverteidigungskursen in der „Fightlounge“ auch der Fall, sagt Trainer Mark Buchholz. „Einige kommen her, weil sie Mist erlebt haben, aber viele wollen einfach Sport machen und dabei noch was für das sichere Gefühl tun“, erklärt der Trainer. Deshalb passt auch die Formulierung des „Weissen Rings“: Die Organisation spricht nie von Verteidigung als körperlichen Kampf, sondern von Selbstbehauptung, in der die Betroffenen wissen, wie sie richtig handeln können.

 

Beitragsbild: Larissa Rehbock

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