Dortmund führt ab 2020 gendergerechte Sprache in Behörden ein

Worte sind Macht. Das zeigen Diskussionen über eine „gendergerechte Sprache“. Also über eine Sprache, die keine Frauen, Männer oder Transsexuelle ausschließt. Die will die Stadt Dortmund ab Frühjahr 2020 umsetzen und orientiert sich dabei grob an Hannover.

Denn Hannover hat als erste Stadt in Deutschland so eine Sprache durchgesetzt: „Studierende“ statt „Studenten“ oder „Redepult“ statt „Rednerpult“. Und ein „Gendersternchen“ („Lehrer*innen“), falls sich das Wort nicht gendergerecht umwandeln lässt. Die Stadtverwaltung Hannover hat in einer Broschüre eine „Empfehlung für eine geschlechtergerechte Verwaltungssprache“ veröffentlicht. Die Empfehlung gilt nur für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Behörden, zum Beispiel in Briefen an die Bürgerinnen und Bürger. Auch die Anrede „Sehr geehrte Damen und Herren“ solle möglichst vermieden und durch „Guten Tag“ oder „Liebe Gäste“ ersetzt werden, heißt es in der Broschüre.

Die Stadt Dortmund möchte dem Beispiel Hannovers folgen und ebenfalls eine gendergerechte Sprache einführen. Das hat die Stadt am Mittwoch im Gespräch mit KURT bekannt gegeben. Zwar werde sie sich am Vorbild Hannovers orientieren, aber trotzdem eine eigene Richtlinie mit individuellen Vorgaben erstellen. Diese könnten von Hannover abweichen. Für das Frühjahr 2020 werde die Umsetzung geplant, so die Gleichstellungsbeauftragte Maresa Feldmann: „Ich glaube, jetzt ist genau die richtige Zeit dafür.“

Die Gesellschaft sei für so eine Veränderung bereit, das Bewusstsein für eine offene Sprache sei da. Sowieso würden die Dortmunder Behörden bereits versuchen, sich gendergerecht zu verständigen – und zwar ohne offizielle Empfehlung, sagt die Gleichstellungsbeauftragte. Ob das Ganze nicht den bürokratischen Schriftverkehr verkomplizieren würde? „Nein. Man gewöhnt sich an alles in der Sprache“, sagt sie entschieden.

„Sprache schafft Identität“

Sigrid Nieberle, Literaturwissenschaftlerin. Foto: Würminghausen

Das sagt auch Sigrid Nieberle, Literaturwissenschaftlerin der TU Dortmund: „In der Sprache kann sich auch Neues durchsetzen, man muss sich aber kollektiv daran gewöhnen können.“ Sie hat sich auf Gender und Diversität spezialisiert und ist auch Mitglied bei „Netzwerk Frauen und Geschlechterforschung NRW“. Sie kann sich vorstellen, dass sich das Gendern mitsamt Gendersternchen auch im Alltag etabliert.

Für Sprache hat die Literaturwissenschaftlerin viele Bezeichnungen: „Sie bildet Wirklichkeit ab und gleichzeitig gestaltet sie Wirklichkeit. Sie sollte repräsentativ und inkludierend sein. Und sie wirkt sich stark auf die Identität ihrer Sprecher*innen* aus.“ Der letzte Punkt sei für gendergerechte Sprache wohl am wichtigsten. Jeder Mensch möchte sich gerne in der Sprache wiederfinden, so Sigrid Nieberle. In der deutschen Sprache seien viele Begriffe grammatikalisch männlich. Autor, Bundeskanzler, Studenten. Durch eine feminine Ableitung, wie Studentin oder Autorin, würden zwar auch Frauen in die Sprache einbezogen werden. Aber Inter- und Transsexuelle fänden so immer noch keinen Platz darin.

Die Literaturwissenschaftlerin findet, dass Hannover mutig war: „Die Stadt war sich vielleicht sogar ihrer historischen Vorreiterrolle bewusst.“ Es sei nur logisch, dass andere Städte – wie Dortmund – nachziehen: „Behörden müssen sich sehr konkret ausdrücken, damit sie rechtssicher und verlässlich kommunizieren können“. Eine gendergerechte Sprache ist sehr präzise, da sie alle Menschen miteinbezieht. Ein Vorteil für Behörden.

Aber die Entwicklung sehen nicht alle positiv: Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil sagt, dass sich die gendergerechte Sprache zu sehr von der Alltagssprache entfernt, berichtet die Hannoversche Allgemeine. Die Meinungen der Studierenden an der TU Dortmund gehen auseinander.

 

* Auf Wunsch haben wir hier gegendert.
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