Das Duell: Brauchen wir ein Tempolimit auf der Autobahn?

Foto: Alexander Popov / Unsplash

Die Debatte um Tepomlimits ist fast so alt wie das Auto selbst. Die Umwelthilfe hat vor kurzem erneut eine Geschwindigkeitsbegrenzung auf 120 km/h gefordert und damit die Debatte befeuert. Ein Streit zwischen Emotion und Vernunft.

Ab mit den Tempolimits in die grüne Mottenkiste,

findet Maarten Oversteegen

Das Tempolimit für Autobahnen ist der Evergreen grüner Verbotspolitik. Seit der Ölkrise in den 70-er-Jahren kommt das Reizthema immer wieder auf, wenn es darum geht, wahlweise das Klima vor dem Untergang oder den Autofahrer vor dem Unfalltot zu bewahren. Wird die Argumentationslinie der Befürworter zu dünn, heißt es noch: „Unsere europäischen Nachbarn haben auch ein Tempolimit.“ Das stimmt zwar. Aber in Polen setzte es auch Zwangsurlaub für regierungskritische Richter. Und in den Niederlanden werden Großkonzerne förmlich zur Steuervermeidung gedrängt. Die Nachbarn sind Freunde, aber keine Vorbilder.

Ein Blick auf die Fakten hilft

Der Zeitpunkt der jetzigen Diskussion hätte nicht unglücklicher gewählt werden können. Die Politik hat erst kürzlich dabei zugesehen, wie auf Geheiß der Umwelthilfe Hiobsbotschaften an die arbeitende Mitte verkündet wurden. Du bist Handwerker, Familienvater oder Studentin? Du musst über die A40? Und fährst einen Euro-5-Diesel? Dann kauf dir halt ein neues Auto! Die Auto-Nation Deutschland ist in Aufruhe – und das zu Recht. Um Gelb-Westen-Proteste in Deutschland zu verhindern, müsste die Politik nun zum Anwalt der Autoliebhaber werden. Und nicht zum Ausbremser. Eine naive Illusion.

Dabei macht auch ein kurzer Blick auf die nackten Fakten offensichtlich, warum das Tempolimit Augenwischerei ist. Die Bundesanstalt für Straßenwesen hat errechnet, dass eine Geschwindigkeitsbegrenzung auf 130 km/h dem Klima nichts bringen würde. Zudem gibt es keinen sichereren Verkehrsweg als die Autobahn. Ein Drittel seiner Streckenkilometer legt der Deutsche auf der Autobahn zurück, doch nur jeder achte Verkehrstote entfiel auf die Autobahn.

Für unser Autoland wirkte es wie Ritalin, als Verkehrsminister Andreas Scheuer jüngst verkündete:  „Das Prinzip der Freiheit hat sich bewährt. Wer 120 fahren will, kann 120 fahren. Wer schneller fahren möchte, darf das auch.“ Ergo: Freie Fahrt für freie Bürger. Doch der erneute Vorstoß zeigt auch, dass das Misstrauen der Politik in die Bürger zunimmt. Die Politik traut dem Bürger nicht zu, für sich und seine körperliche Unversehrtheit aufzukommen. Also braucht es ein Rauch-Verbot. Und ein Böller-Verbot. Und eben ein Ende des Rasens auf deutschen Autobahnen.

Die Politik muss dem Bürger mehr vertrauen

Dabei wissen die meisten sehr genau, wie sie mit dem Luxus der Freiheit umgehen müssen, sollten sie einmal nicht im Stau stehen. Die Anzahl der Verkehrstoten sinkt seit 1971 kontinuierlich. Und wer tatsächlich drängelt, auffährt und jedwede Spur zum Überholen nutzt, wird von der Polizei ausgebremst. Die Autobahn ist nämlich kein rechtsfreier Raum, in dem immer der Stärkere gewinnt.

Erfreulicherweise hat die Ordnungsmacht gleich auch einen konstruktiven Vorschlag, wie mit dem Klassiker des Tempolimits umzugehen ist. Die Polizeigewerkschaft schlägt ein flexibles Tempolimit vor, das Autofahrern grundsätzlich Höchstgeschwindigkeiten gewährt, bei schlechtem Straßenzustand und hohem Verkehrsaufkommen aber eine Maximalgeschwindigkeit von 130 km/h anzeigt. Darüber ließe sich verhandeln. Von blinden Gängelungs-Offensiven aber sollten zumindest Autobahnen verschont bleiben.

Leute – warum ignoriert ihr die Fakten?

sagt Melina Miller

Nur wenig CO2-Ersparnis, nur ein paar Verkehrstote weniger, nur ein bisschen weniger Stress und Stau – klar, dass zählt natürlich nichts im Vergleich zu dem Spaß der Sportwagen-Besitzer. „Forderungen, die Zorn, Verärgerung, Belastungen auslösen oder unseren Wohlstand gefährden, werden nicht Realität und lehne ich ab“, sagte Verkehrsminister Andreas Scheuer. So kann man das natürlich auch sehen – Wohlstand vor allem anderen. Leute – was ist los mit euch?

Kleine Schritte sind auch Schritte

Laut Umweltbundesamt sinken bei einem Tempolimit von 120 Kilometern pro Stunde die CO2-Emissionen der Pkw auf Autobahnen um neun Prozent, wenn es von 80 Prozent der Autofahrer eingehalten wird. Im Jahr wären das rund drei Millionen Tonnen CO2, die eingespart werden könnten.
Lohnt sich ja gar nicht, höre ich die Auto-Lobby rufen. Und wegen des bisschen Umweltschutzes in den Umsatz einer ganzen Industrie pfuschen – Pah, wo denke ich hin! Nicht in Deutschland, wo Verkehrsministerium und Autoindustrie beste Freunde sind. Die Klimaerwärmung schreitet voran, es gibt immer extremere Wetterschwankungen. Im Jahr 2019 kommt es auf jede einzelne Tonne CO2 an, die eingespart werden kann. Warum tun wir also nicht zumindest das, was wir können, auch wenn es „nur“ drei Millionen Tonnen CO2-Ersparnis sind?

Zeitersparnis? Geschenkt!

Genau 12,8 Minuten braucht man länger, wenn man über 100 Kilometer 130 km/h statt 180 km/h fährt. Was man ja sowieso nie, wirklich nie, durchgehend tun kann, weil uns unterwegs Stau, Baustellen oder eh schon vorhandene Geschwindigkeitsbegrenzungen ausbremsen. Was sind 12,8 Minuten, wenn man stattdessen Unfallrisiken einschränken könnte, Staubildung vorbeugen und eben auch das Klima entlasten könnte?

„Nur 181 Menschen ließen ihr Leben, nachdem sie auf Autobahnen zu schnell unterwegs waren.“ Lieber Maarten, das sind genau 181 Menschen zu viel. „Eine der Hauptunfallursachen auf Autobahnen ist zu schnelles Fahren“, schreibt das Statistische Bundesamt in einer Untersuchung zum Unfallgeschehen auf deutschen Straßen im Jahr 2017. Bei über einem Drittel aller Unfälle auf deutschen Autobahnen ist mindestens einer der Beteiligten zu schnell gefahren. Wenn Autofahrer sich nicht selbst zügeln können, braucht es eben Gesetze.

Emotion statt Fakten – Lobbyismus vom Feinsten

„Ritalin für unser Autoland“ nennst du es, Maarten. Und fällst damit ebenso wie 47 Prozent der Deutschen, die laut Deutschlandtrend im ARD Morgenmagazin gegen ein mögliches Tempolimit stimmten, auf die Manipulation des ADAC und der Automobilindustrie herein. Das Thema ist zu einer hitzigen, emotional überladenen Diskussion geworden, in der mit Begriffen wie Freiheit um sich geworfen wird. Mit Fakten kommt man nicht mehr weit.

Natürlich ist es nicht realistisch, dass sich durch ein Tempolimit alle Probleme lösen lassen. Aber es wäre zumindest ein Anfang. Der uns ein paar Minuten mehr Zeit kosten würde – dafür aber auch zum Klimaschutz beiträgt und die Zahl der Verkehrstoten senkt.

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