Das Duell: Karneval feiern oder boykottieren?

Einmal als Einhorn über den Regenbogen fliegen, einmal als Batman für Gerechtigkeit kämpfen oder als Super Mario Prinzessin Peach befreien – beim Karneval ist alles möglich. Doch der bunte Trubel auf den Straßen des Rheinlandes ist nicht allen geheuer. Während Annina Häfemeier die fünfte Jahreszeit ausgelassen feiert, ergreift Lukas Erbrich lieber die Flucht. Zu Recht?

Karneval ist jedes Jahr das gleiche langweilige Event,
findet Lukas Erbrich.

Mehr oder weniger geschmackvolle Kostüme tragen, schon frühmorgens mit dem Trinken anfangen und alberne Lieder vor sich hin grölen. Man muss kein Feiermuffel sein, um dem alljährlichen Massenbesäufnis an Karneval wenig abgewinnen zu können.

Woran erkennt man, dass mal wieder Karnevalszeit ist? Genau, im WDR laufen abends Büttenreden rauf und runter. Man bringt sich langsam in Stimmung für den Rosenmontagsumzug. Denn für viele Feierwütige ist dieser Tag der beste des Jahres.

Alle Leute schwärmen von den tollen Kostümen, der Stimmung und natürlich den Partys in Köln – egal, ob es einen interessiert oder nicht. Das alles dürfe man doch nicht verpassen, sagen sie. „Komm doch wenigstens dieses Jahr mal mit“. Meine Standardantwort ist dann: „Karneval ist nicht so mein Fall, geht mal lieber ohne mich.“ Klar gelte ich dann als Feiermuffel und Langweiler. Aber warum eigentlich? Für mich sind nicht die, die Karneval boykottieren, die Langweiler, sondern die, die die Party jedes Jahr so exzessiv feiern.

„Ein allgemeines Besäufnis“

Die immer gleiche Ideenlosigkeit an Karneval drückt sich am besten in der Kostümwahl aus. Männer als Cowboys und Sträflinge, Frauen als Bienen und Katzen. Einfallsreichtum? Fehlanzeige! Aber darum geht es ja auch nicht. Wirklich wichtig ist nur, so viel Alkohol wie möglich in sich hinein zu kippen, damit man sich nachher auch ja an nichts mehr erinnern kann.

Mit steigendem Pegel kennen einige Feiernde anscheinend gar keine Grenzen mehr. Die Straßen werden zugemüllt und Toilettenbesuche ausgespart. Das ging in den letzten Jahren sogar so weit, dass sich die Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker einschaltete. Ihrer Ansicht nach entspräche der Karneval in den letzten Jahren eher einem allgemeinen Besäufnis als dem, was Karnevalskultur ausmache.

Anspruchslose Party-Hits

Jedoch sind einfallslose Kostüme und Massenbesäufnisse nicht die einzigen Gründe für meinen Boykott. Auch die Musik von Karnevalsbands und ihre schrägen Texte gefallen mir nicht. Mir ist auch klar, dass man an Partymusik keine besonders hohen Ansprüche stellen kann, aber gegen Liedtexte einiger Karnevalsbands wirken selbst noch einzelne Texte von Ballermann-Sängern anspruchsvoll. „Met der Trumm Trumm Trumm, Met der Trumm Trumm Trumm, Met der Trumm Trumm Trumm…“ (ja, der Refrain geht wirklich so) von Querbeat mit ihrem Song „Nie mehr Fastelovend“ ist da nur ein Beispiel.

Zur Karnevalszeit bin ich jedenfalls glücklich, nicht im Rheinland zu wohnen. Hier im Ruhrgebiet kann man die Feierei ja einfach boykottieren, in Köln und Umgebung wäre das kaum möglich.

Nicht verunsichern lassen 

Mir tun all die Nicht-Karnevalistinnen und Karnevalisten leid. Haltet durch. In ein paar Tagen ist Aschermittwoch, dann habt ihr es geschafft. Und das Wichtigste: Lasst euch nicht einreden, dass ihr Feiermuffel seid und keinen Spaß versteht. Bleibt einfach zuhause, so wie ich.

Karneval sollte man auf keinen Fall verpassen,
findet Annina Häfemeier.

Es gibt viele Dinge, die man wenigstens einmal im Leben gemacht haben sollte. Der Karneval im Rheinland gehört auf jeden Fall dazu. Denn was sich da auf den Straßen des Rheinlandes abspielt, ist weit mehr als nur irgendeine x-beliebige Feier, es ist vor allem ein Stück Lebensfreude. Und wer möchte darauf schon freiwillig verzichten?

Ein Grund, Karneval auf keinen Fall zu verpassen, sind die Kostüme. Hier hat man die Möglichkeit, einmal genau das zu werden, was man schon immer sein wollte. Ob Kindheitshelden oder Traumberuf – jeder kann für ein paar Tage in eine ganz andere Rolle schlüpfen und sich ausprobieren. Bei guter Musik und bester Laune kann man ausgelassen feiern und dem Alltag für einige Zeit entkommen.

Karneval erweitert den Horizont

Doch Karneval ist mehr als eine Feier in Kostümen. Wer an Karneval teilnimmt, erweitert seinen Horizont, bildet sich sowohl kulturell als auch politisch weiter. Denn die ausgelassene Feier ist eine rheinische Tradition, die bereits seit dem Mittelalter gepflegt wird. Ein Höhepunkt dieses alten Brauchtums sind die Rosenmontagsumzüge.

Die geschmückten Wagen haben unterschiedliche Motive, mit denen sie vor allem die aktuelle politische Lage reflektieren und aufs Korn nehmen. Hier kann man seinen Wissensstand überprüfen: Je mehr Wagenmotive sich dem Betrachter erschließen, desto besser der politische Wissensstand. In der Gruppe darf man hier gerne auch gemeinsam rätseln.

Traditionell lassen die Jecken dann Süßigkeiten auf ihr Publikum herabregnen. Hier kann man mit ein bisschen Fleiß die Taschen vollstopfen und kostenlos einen Jahresvorrat an Süßigkeiten ergattern. Wer selbst kein Fan von dem ganzen Zucker ist, hat bestimmt ein paar Kinder im Freundes- und Verwandtenkreis, bei denen man sich so leicht beliebt machen kann. Und auch wenn es sich hier vielleicht nicht um die raffiniertesten Leckereien handelt – einen Kultstatus haben sie allemal.

Musik geht unter die Haut

Auch die Musik ist längst zum Bestandteil der rheinischen Karnevalskultur geworden. Wer jetzt die Augen verdreht und an Helene Fischer und Ballermann-Hits denkt, hat damit nur bestätigt, dass er keine Ahnung hat. Denn die echte Karnevalsmusik ist viel mehr als das.

Hits von Kasalla, Brings oder Querbeat haben sowohl Witz als auch Tiefgang und sind über die Grenzen des Rheinlandes hinaus bekannt geworden. Die Lieder gehen ins Ohr und unter die Haut. Der rheinische Dialekt verleiht ihnen dabei einen ganz eigenen Charme. Und wenn ab und zu mal ein etwas flacherer Text dabei ist, verzeihen die Jecken das gerne. Schließlich lautet das Motto hier „Wider den tierischen Ernst“.

Für ein paar Tage jeck sein 

Egal ob Karneval, Fasching oder Fastnacht, egal ob „Alaaf!“ oder „Helau!“: Die fünfte Jahreszeit ist ein Event, das man auf gar keinen Fall verpassen sollte. Natürlich braucht es dafür auch eine gehörige Portion Humor. Also: „Drink doch ene met, stell dich net so an“, setzt die roten Nasen auf und kramt die Komiteemützen hervor. Bis Aschermittwoch sind wir alle Narren und Jecken.

Teaser- und Beitragsbild: infozentrale via FlickrCC0

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