Kommentar: Rebelliert gegen den Gender Pay Gap!

Frauen verdienen noch immer weniger als Männer – sogar im selben Job. Die Ursachen dafür sind vielfältig. Doch nicht nur die Politik muss eingreifen, es braucht mehr Eigenverantwortung von den Frauen: Sie müssen das verlangen, was ihnen zu steht. 

Als die Norwegerinnen zur Europameisterschaft 2017 antraten, scheiterten sie kläglich: Drei Spiele, null Punkte. Es war das schlechteste Ergebnis seit Jahrzehnten. Trotzdem gelten sie vielen als Vorbild, denn der norwegische Fußballverband zahlt den Nationalmannschaften der Männer und Frauen gleiche Prämien. Eine Seltenheit im Profifußball.

Im Vorfeld der laufenden Weltmeisterschaft hatten viele Spielerinnen die mangelnde Bezahlung ihres Sports kritisiert. Die US-Amerikanerinnen zogen vor Gericht, die Däninnen streikten bei einem Länderspiel. Im Fußball ist das geschlechtsspezifische Lohngefälle so groß wie in keinem anderen Wirtschaftsbereich. Es ist das Ergebnis einer entfesselten Branche. Bei den Herren steigen die Gehälter ins Lächerliche, Transfersummen explodieren, ebenso wie TV-Verträge. Die Frauen führen im Vergleich dazu ein Schattendasein. Beide Märkte und Umsätze klaffen weit auseinander, eine völlige Anpassung ist unrealistisch.

Doch der Extremfall ist Teil eines größeren Problems: Die Verdienstlücke zwischen den Geschlechtern, der sogenannte Gender Pay Gap, liegt in Deutschland unbereinigt bei 21 Prozent. Er beschreibt den prozentualen Unterschied zwischen dem durchschnittlichen Bruttostundenverdienst von angestellten Männern und Frauen. Berücksichtigt man Faktoren wie Berufswahl, Führungspositionen, Qualifikation, Arbeitsumfang, Ausbildung oder Berufserfahrung sinkt die Zahl. Dann trennen Frauen und Männer, die im selben Beruf und auf derselben Karrierestufe stehen, etwa sechs Prozent.

Infokasten: Gender Pay Gap

unbereinigter Gender Pay Gap: Für die Berechnung werden der Umfang der Beschäftigung, die Verteilung auf unterschiedliche Branchen und Berufsgruppen ebenso nicht berücksichtigt wie Ausbildung, Berufserfahrung oder Position. Die Erhebung ist in der Europäischen Union einheitlich geregelt, damit gilt der unbereinigte Gender Pay Gap als Hauptindikator für ungleiche Bezahlung. Die konkrete Zahl ermittelt das Statistische Bundesamt anhand von 1,9 Millionen sozialversicherten Beschäftigten aus allen Branchen und Berufen.

bereinigter Gender Pay Gap: Das Statistische Bundesamt berechnet auch den bereinigten Gender Pay Gap. Hier wird der Teil des Verdienstunterschieds herausgerechnet, der auf strukturellen Eigenschaften wie Beruf, Beschäftigungsumfang, Bildung, Führungspositionen oder Berufserfahrung beruht. Die Berechnung ist allerdings komplizierter und wird daher nur alle vier Jahre durchgeführt.

Manche halten das für wenig. Sie meinen, der Unterschied sei von der Frau selbstverschuldet, denn sie bestimme über ihre Karriere. Nur sind sechs Prozent keine Kleinigkeit, sondern eine Frechheit.

Von echter Gleichberechtigung kann nicht die Rede sein

Sie sind das Ergebnis eines festgefahrenen Arbeitsmarkts: Frauen nehmen meist länger Elternzeit als Männer, arbeiten in Teilzeit und stecken viel Zeit in Hausarbeit und Kinderbetreuung. Jene Strukturen führen dazu, dass Frauen weniger verdienen und auch eine geringere Rente bekommen. Es gibt Belege, wonach ein steigender Frauenanteil in Berufen zu einem Absinken des Lohnniveaus führt. Auch der geringe Anteil in Führungspositionen ist nicht selbstgewählt. Laut dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) werden Männer in bestimmten Branchen, wie beispielsweise dem Finanzsektor, prinzipiell eher begünstigt als Frauen, weil dort eher eine männerdominierte Kultur herrscht.

Die Lücke wächst gerade in Jobs, wo sich lange Arbeitszeiten finanziell lohnen. Teilzeitarbeit werde nach einer Studie “in gewisser Weise bestraft“, denn Prämien gäbe es eher für eine hohe Präsenz am Arbeitsplatz und möglichst viele Überstunden. Das ist für Frauen kaum machbar, sie sind in der Teilzeitbranche deutlich stärker vertreten als Männer.

Darum gilt: Von echter Gleichberechtigung kann nicht die Rede sein. Was dagegen tun? Die Politik muss die Strukturen des Arbeitsmarkts aufbrechen, sie vereinfachen und verbessern. Zumal in Deutschland viel zu tun ist: Europaweit gehört die Bundesrepublik zu den Schlusslichtern.

Flexiblere Familienarbeitszeiten und der Ausbau von Kinderbetreuung wären erste Schritte. Aber auch die Frauen sind gefordert: Laut DIW können Frauen „weitaus schlechter verhandeln“ als Männer. Sie müssen mehr Verantwortung für sich selbst übernehmen, um das Gehalt einzufordern, was ihnen zu steht. Das ist aber nicht nur Aufgabe des weiblichen Geschlechts – auch Männer dürfen sich gerne aufraffen und rebellieren.

Dass ein rebellisches Verhalten helfen kann, zeigt wieder Norwegen. Die Nationalspielerin Ada Hegerberg, aktuelle Weltfußballerin, erklärte nach einem Streit mit dem Verband 2017 ihren Rücktritt. Es ging um den Umgang mit Fußballerinnen und ihre Beteiligung an Prämien. Kurz danach glich der Verband die Gelder an. Hegerbeg spielt trotzdem nicht bei der Weltmeisterschaft, sie hat einen Rücktritt vom Rücktritt ausgeschlossen. Es gehe ihr nicht nur um Geld, sagte sie, sondern um fehlenden Respekt. Und der lässt sich ohnehin nicht mit Geld kaufen.

Beitragsbild: Tim Mossholder on Unsplash

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